Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Psychologin im Gespräch: Gewalt und was das mit Kinderseelen macht

Bilder von erlebten Verbrechen oder Krieg wird man schwer wieder los.
Bilder von erlebten Verbrechen oder Krieg wird man schwer wieder los.

Interview: Was macht das mit Kinderseelen, wenn Papa plötzlich ein Mörder ist und ins Gefängnis kommt oder Kinder Zeuge eines Verbrechens werden? Die Kinderpsychologin und Trauma-Expertin Elisa Pfeiffer im Gespräch mit Simone Schmidt – auch über Fälle in der Pfalz.

Frau Pfeiffer, was macht das mit Kindern, wenn sie Zeuge oder Beteiligte von Gewaltverbrechen werden?
Das ist sehr dramatisch. Das kann eine akute Stresssituation für sie darstellen, sie können einen extremen Kontrollverlust erleben, dazu den Verlust von geliebten Menschen. Viele Kinder können sich von so einem Erlebnis erholen, andere brauchen eine Behandlung.

Wie groß ist der Schock?
Kinder reagieren sehr, sehr unterschiedlich. Das hängt unter anderem vom Alter und Entwicklungsstand ab. Vorangegangene psychische Probleme erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder oder Jugendliche eine Traumafolgestörung entwickeln.

Wie kann sich der Schock äußern?
Viele Kinder berichten nach so einem Erlebnis von Albträumen oder Erinnerungen des Erlebnisses, die ihnen immer wieder ungewollt in den Kopf kommen. Andere ziehen sich zurück, sind traurig, desorientiert oder unkonzentriert in der Schule. Häufig treten auch Schlafprobleme auf. Das ist zunächst eine normale Reaktion.

Was kann man tun?
Wenn die Probleme länger anhalten, kann eine psychologische Abklärung und Behandlung helfen.

Und dann?
Bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung und anderen Traumafolgestörungen ist eine Therapie angebracht. Das sind meist sogar Kurzzeittherapien. Damit kann man den Betroffenen sehr gut helfen. Stationär in eine Klinik müssen übrigens nur wenige Kinder oder Jugendliche aufgenommen werden.

Der Mann, der Ende Januar die beiden Polizisten bei Kusel erschossen haben soll, hat vier kleine Kinder. Der Vater eines anderen Jungen aus der Westpfalz sitzt als verurteilter Doppelmörder im Gefängnis. Hilft ein Wegzug mit den Kindern in eine neue Umgebung, eine neue Schule?
Das kann helfen, aber pauschal lässt sich das nicht sagen. Aber eine so tragische Geschichte, über die auch groß in den Medien berichtet wird, verfolgt vor allem Ältere ja auch über die sozialen Netzwerke. Gut sind Gespräche in der Schule mit Mitschülern und Lehrkräften, um die betroffenen Kinder zu unterstützen. Für die Kinder selbst ist wichtig zu lernen, Grenzen zu setzen bei der Handynutzung, bestimmte Kanäle zu schließen.

Was ist noch wichtig?
Jetzt braucht es möglichst viel Sicherheit und Kontrolle, feste Bezugspersonen zu Hause und feste Strukturen. Also einen geregelten Tagesablauf mit Schule, Verein und Freunde treffen. Je besser sich vertraute Kontaktpersonen kümmern können, desto besser.

Oft sind die erwachsenen Familienmitglieder aus dem engen Umfeld selbst seelisch am Ende. Wie sollen sie da den Kindern helfen?
Auch wenn sie selbst psychologische Hilfe brauchen, heißt das nicht, dass sie nicht für ihre Kinder da sein können. Ganz im Gegenteil. Das ist zwar ein enormer Kraftaufwand. Aber Eltern sind sehr stark.

Ein Junge in der Vorderpfalz hat vor Jahren gesehen, wie sein Vater die Mutter erstochen hat. Ukrainische Kinder erleben gerade Schreckliches. Bekommen Kinder solche Bilder jemals wieder aus dem Kopf?
Nein, diese Bilder wird man nie oder sehr schwer wieder los. Durch eine Traumatherapie lernen die Kinder mit diesen Bildern leben zu können.

Und wie geht man damit um?
Naheliegend sind Vermeidungsstrategien – etwa nicht an den Tatort gehen, nicht darüber reden. Das kann anfangs richtig sein, aber langfristig nicht. Das ist wie mit einer Wunde. Sie muss desinfiziert werden, was schmerzhaft sein kann. Aber nur so kann sie wirklich heilen.

Wie sieht dieses Desinfizieren aus?
Ziel ist, mit diesen Bildern umgehen zu können, dass sie weniger Stress auslösen. In der Therapie konfrontiert man Betroffene mit dem Erlebten – aber in einem sicheren Raum. Fängt sie auf, lässt sie reden, zeigt Strategien zur Entspannung etwa eine spezielle Atemtechnik wie Bauchatmung. Auch Musik, Sport und Freunde sind ganz wichtig.

Was, wenn Kinder sich auch noch schuldig fühlen an dem Verbrechen, das andere begangen haben?
Das kommt leider ganz oft vor. Dabei ist es ganz wichtig, ihnen klar zu machen, dass es Null-Komma-Null ihre Schuld ist. In der Therapie wird ganz neutral und offen über die Schuldgedanken gesprochen, diese werden dann gemeinsam hinterfragt und durch hilfreichere Gedanken ersetzt.

Jetzt kommen wieder viele traumatisierte Menschen aus dem Krieg zu uns. Gibt es genug psychologische Unterstützung für sie?
Die Versorgung auf diesem Gebiet ist in Deutschland allgemein sehr gut. Leider gibt es aber für ambulante und stationäre Angebote häufig lange Wartezeiten. Ich wünsche mir, dass traumatisierte Kinder schneller ein spezifisches Angebot bekommen.

Zur Person

Die Psychologin Elisa Pfeiffer, 31, leitet die Institutsambulanz an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Ulm. Sie promovierte über die psychosoziale Versorgung von Kriegsflüchlingskindern und wurde dafür mit dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung (zweiter Platz) ausgezeichnet. Unter anderem in Rheinland-Pfalz. Sie ist sie an den Forschungsprojekten „Bestforcan“ und „Bettercare“ beteiligt.

Elisa Pfeiffer
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