Pfalz
Debatte um künftige Strukturen beschäftigt Pfälzer Protestanten
Viele Stellungnahmen, die über die vier langen Tage im Konferenzzentrum des Speyerer Technik-Museums von Mitgliedern der Kirchenregierung, von Sprechern der Arbeitskreise und Ausschüsse und Synodalen abgegeben worden sind, betonen vor allen Dingen eins: dass schnelle Veränderung für die Evangelische Landeskirche ohne Alternative ist. Und dass die anstehenden Schritte durchaus schmerzhaft sein werden, zeigt das Beispiel einer ganz konkreten Entscheidung dieser vier Tage. Die Debatte zum Trifels-Gymnasium in Annweiler und dessen möglichem Weiterbetrieb unter weltlicher Ägide, sprich: der des Landkreises Südliche Weinstraße – am Donnerstag ist zwar hochemotional. Die normative Kraft des Faktischen allerdings ist stärker.
Kein „Weiter so“ möglich
Zu diesen Rahmenbedingungen gehört nicht unwesentlich die Haushaltsentwicklung der kommenden Jahre. „Als Ihre neue Finanzdezernentin ist es meine Pflicht, Ihnen heute die ungeschminkte Wahrheit zu präsentieren“, schickt die im vergangenen Herbst als Nachfolgerin von Karin Kessel neu gewählte Oberkirchenrätin Juliane Danz ihren Ausführungen am Samstag voraus. Konkret heißt das: Ohne Änderungen laufen in den Jahren bis 2032 erhebliche Defizite auf – Fehlbeträge zwischen 8,6 und 13,1 Millionen Euro.
Tatsächlich hat die Synode in Speyer die Fortsetzung von Projekten wie „Philippus“, das Gläubige in der Pfalz und Saarpfalz auch digital erreichen soll, und „Blessed.Pfalz“, das mit ungewöhnlichen Segensorten etwa auf dem Wurstmarkt auf Kirche aufmerksam machen soll, beschlossen – was tendenziell zu einem noch höheren Minus im Etat der Landeskirche führt. Wie dem beizukommen ist, dazu will Danz schnellstmöglich Vorschläge unterbreiten. Ihre Botschaft allerdings ist klar: „Ein Weiter so ist finanziell unmöglich.“
Nicht nur von Mangel reden
Deswegen betrachtet auch die neue Frau für die Finanzen den seit einiger Zeit laufenden Transformationsprozess „#kirche.mutig.machen“ als alternativlos: „Unser Reformkurs ist der einzig gangbare Weg in die Zukunft“, sagte Juliane Danz. Ihre Chefin, Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst, versucht zum Auftakt der Synode am Mittwoch im Hangar 10 des Technik-Museums den Blick aufs Kerngeschäft der Kirche zu lenken. Sinkende Mitgliederzahlen, knapper werdende Ressourcen und offene Strukturfragen gehörten zur Realität der Kirche, seien aber nicht die ganze Wahrheit. „Eine Kirche, die nur noch über den Mangel redet, schnürt sich selbst die Luft ab“, sagte Wüst. Strukturen und Finanzen seien ein wichtiger Teil der notwendigen Reformen, es gehe aber auch um geistliche Transformation und um die Frage: „Wie kann es sein, dass es gut ist?“
Die Antwort darauf sollen in erster Linie die Themen- und Koordinierungsgruppen liefern, die am Freitag in Speyer den Zwischenstand ihrer jeweiligen Arbeit vorgestellt haben. Grundlage ist das Eckpunktepapier des Landeskirchenrats, das schon im Mai 2025 auf der Tagesordnung der Synode stand und unter anderem tiefe Eingriffe in die bisherige Struktur vorsieht – beispielsweise die Reduzierung der Anzahl der Kirchenbezirke von derzeit 15 auf vier etwa gleich große Dekanate. Von mehr als 420 Körperschaften öffentlichen Rechts unter dem Dach der Landeskirche – darunter Gemeinden, Zweckverbände, Dekanate und die Speyerer Zentrale selbst – sollen noch fünf diesen Status behalten: die künftigen vier Kirchenbezirke und die Landeskirche. Alle anderen sollen Körperschaften kirchlichen Rechts werden, behalten aber eigene Budgets und Gremien.
Umsetzung bis 2030 geplant
Diesbezüglich hat sich in Form der Initiative „Pro Presbyterium“ zuletzt deutlicher und teils lautstarker Widerstand in einigen Teilen der Pfalz formiert. Aktuell läuft noch das sogenannte Stellungnahmeverfahren zur notwendigen Änderung der Kirchenverfassung und weiterer Gesetzesentwürfe, an denen die Bezirkssynoden und örtlichen Presbyterien beteiligt sind. Im November soll sich die rund 60-köpfige Synode unter anderem mit der Kirchenbezirksreform, der Gründung einer landeskirchenweit zuständigen Trägergesellschaft für die Kindertagesstätten und der gemeinsamen Kirchenverwaltung befassen. Im Frühjahr 2027 soll das Kirchenparlament die neue Verfassung beraten. Die Umsetzung des Gesamtpakets, das rund 440.000 Protestanten in Pfalz und Saarpfalz betrifft, ist dann für die Folgejahre 2028 bis 2030 vorgesehen.
Einen spannenden Impuls setzt am Freitag Steffen Bauer. Der frühere Heidelberger Dekan hat sich in Diensten der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau bis zu seiner Pensionierung 2024 unterem anderem mit Fragen der Organisationsentwicklung beschäftigt und gilt als Kenner der Reformbemühungen in allen 20 Landeskirchen der Evangelischen Kirche Deutschlands. Seiner Ansicht nach würde die Bedeutung der Strukturdebatte „überbewertet“, wichtiger sei die Frage, wie Kirche für die Menschen da sein wolle. Die Veränderung der Organisation und der Strukturen sei im Grunde zwangsläufig. Die Entscheidung sei lediglich, ob man sie „by design“, also durch eigenes Gestalten, hinbekomme, oder ob sie „by desaster“, also vom Druck negativer Entwicklungen, erzwungen werde.