Berlin Zum Holocaust-Gedenken: Thorarolle vervollständigt
Der Schreiber, ein sogenannter Sofer, schrieb am Mittwoch mit dem Gänsekiel und reiner Tinte die letzten acht Buchstaben in die heilige Schrift. Normalerweise geschieht dies in einer Synagoge, wo in einer Zeremonie die letzten Buchstaben in eine neue Thorarolle geschrieben werden. Hier aber standen die Repräsentanten der Verfassungsorgane Deutschlands Pate: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundesratspräsident Reiner Haseloff (CDU) und Bundesverfassungsgerichtspräsident Stephan Harbarth verpflichten sich mit den letzten Buchstaben der Thorarolle, jüdisches Leben in Deutschland zu schützen und dauerhaft zu ermöglichen.
Schriftrolle aus dem Jahr 1793
Von jüdischer Seite nahmen an der Zeremonie teil der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, sowie der Amberger Rabbiner Elias Dray. Ihm ist es zu verdanken, dass die mehr als 200 Jahre alte Thorarolle gefunden wurde.
Die Schriftrolle datiert auf das Jahr 1793 und trägt die Inschrift „Sulzbach“. Gut 70 Jahre hatte sie unerkannt im Schrein der Amberger Synagoge gestanden, bevor Rabbiner Dray das wertvolle Stück im Jahr 2015 fand, wie er erzählt. „Es war ein Glück, dass sie eine Inschrift an der Halterung hatte mit der Jahreszahl ihrer Entstehung.“ Sonst wäre er kaum auf sie aufmerksam geworden. „Nur etwa jede tausendste Rolle trägt außen eine Jahreszahl.“
Bericht von Hass und Verfolgung
Mit zutiefst persönlich gefärbten Reden einer Zeitzeugin des Holocaust und einer Vertreterin der jungen Generation von Juden in Deutschland hat der Bundestag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Die 88-jährige Charlotte Knobloch berichtete von Hass und Verfolgung, die sie als Kind selbst miterlebt hatte. Knobloch legte vor den Abgeordneten ein Bekenntnis zu dem Land ab, das sie als ihre Heimat betrachtet: „Ich stehe vor Ihnen als stolze Deutsche“, sagte sie. „Unser Land leistet viel, dass jüdische Menschen sicher sind und hoffentlich nie wieder allein“, fuhr Knobloch fort. Dennoch wüchsen ihre Sorgen: Antisemitismus, Verschwörungstheorien und Rechtsextremismus bekämen Zulauf. „Ich trage schwer daran, dass sich in den Wunsch nach Normalität immer wieder die alten Sorgen mischen“, sagte sie. Freunde und Bekannte dächten laut darüber nach, „doch noch auszuwandern“.
33-Jährige berichtet über Leben als Jüdin
Zweite Gedenkrednerin war die Grünen-Politikerin Marina Weisband. Die 1987 in der Ukraine geborene Weisband berichtete davon, dass es für Juden und Jüdinnen in Deutschland auch heute noch fast unmöglich sei, „einfach nur Menschen“ zu sein. Sie müssten aus Sicherheitsgründen ihr Jüdischsein verstecken und unsichtbar machen. „Einfach nur Mensch zu sein ist Privileg derer, die nichts zu befürchten haben aufgrund ihrer Geburt“, sagte sie. „Einfach nur Mensch zu sein bedeutet, dass jüdisches Leben in Deutschland unsichtbar gemacht wird“ – denn es sei „gefährlich, sichtbar zu sein“.
Erinnerung an Attentat in Halle
Bundestagspräsident Schäuble bezeichnete es als „unglaubliches Glück für unser Land“, dass jüdische Gemeinden heute heimisch in Deutschland seien. Gleichzeitig räumte er ein, es sei „niederschmetternd, eingestehen zu müssen: Unsere Erinnerungskultur schützt nicht vor einer dreisten Umdeutung oder sogar Leugnung der Geschichte“. Er erinnerte an das Attentat in Halle im Oktober 2019, bei dem die jüdische Gemeinde nur knapp einem mörderischen Anschlag entkommen war. Zwei Passanten kamen ums Leben.
Der 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführte Holocaust-Gedenktag erinnert an die Befreiung von Auschwitz. Vor 76 Jahren war das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden.