Frühkindliche Bildung RHEINPFALZ Plus Artikel „Sprach-Kitas“ vor dem Aus

Auch beim Mittagessen ergeben sich Möglichkeiten, die Sprachbildung der Kleinen voranzubringen.
Auch beim Mittagessen ergeben sich Möglichkeiten, die Sprachbildung der Kleinen voranzubringen.

Erzieherinnen und Erzieher machen derzeit mobil, um das Ende eines erfolgreichen Sprachförderprogramms zu verhindern. Doch die Vorzeichen sind schlecht.

Kerrit Lücke ist fassungslos: „Den Kindern werden hier Chancen verbaut.“ Lücke arbeitet in der Kindertagesstätte Münsterappel im Donnersbergkreis als Sprach-Fachkraft. Noch. Denn diese Stelle ist gefährdet, weil das Förderprogramm „Sprach-Kitas“ des Bundes, über das die Stelle finanziert wird, Ende des Jahres auslaufen soll. So hat es das Bundesfamilienministerium von Lisa Paus (Grüne) im Sommer angekündigt. Das ärgert die Erzieherin aus der Nordpfalz. Und nicht nur sie. Bundesweit haben Erzieherinnen und Erzieher eine Kampagne gestartet, um die Sprach-Kitas zu retten. „Kein anderes Kita-Programm des Bundes hat solch erfolgreiche und nachhaltige Strukturen geschaffen“, heißt es in einem offenen Brief. Das ist nicht nur die Meinung der Fachkräfte. Das Programm wird seit Beginn im Jahr 2016 wissenschaftlich begleitet und schneidet bei den Experten gut ab.

Aus Fehlschlägen gelernt

Als Schlüssel für den Erfolg gilt, dass bei der Konzeption aus erfolglosen Projekten der Vergangenheit gelernt wurde. Statt eigener Förderkurse wird die Sprachbildung in den Kita-Alltag integriert. Die Erzieherinnen sprechen zum Beispiel beim Essen mit den Kindern darüber, was sie in ihrer Dose mitgebracht haben. Auch wird Wert auf die Zusammenarbeit mit den Eltern gelegt, schließlich findet der Großteil der Sprachbildung bei den Kleinen zu Hause statt. Erzieherin Lücke weist auch darauf hin, dass die Fachkräfte fortlaufend geschult werden, was ebenfalls ein großer Gewinn sei.

Das Bundesprogramm richtet sich an Kitas, die von einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit besonderem sprachlichem Förderbedarf besucht werden. Das sind nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund.

Ein Aus der Sprach-Kitas würde viele treffen. Nach unterschiedlichen Angaben des Bundesministeriums ist jede achte oder jede zehnte Kita in Deutschland eine Sprach-Kita. In der Pfalz können sich mehr als 50 Einrichtungen so nennen. Nach Angaben der Bundesländer sind in etwa 6900 Kitas fast 7500 zusätzliche Fachkräfte tätig. Viele von ihnen haben nun natürlich auch Angst um ihren Job. Kerrit Lücke gehört nicht dazu, sie wird weiterhin als Erzieherin in Münsterappel arbeiten können.

Der Bundestag muss sich kümmern

Eine Petition für den Erhalt der Sprach-Kitas hat mehr als 270.000 Unterstützerinnen und Unterstützer gefunden. 50.000 hätten schon gereicht, damit sich der Petitionsausschuss des Bundestags damit befassen muss. Das wird er an diesem Montag tun.

Doch das Bundesfamilienministerium gibt sich davon unbeeindruckt. „Bundesprogramme haben nun mal einen Anfang und ein Ende“, erklärt Ministeriumssprecher Hanno Schäfer. Das fordere die Bundeshaushaltsordnung so. Die 2016 gestarteten Sprach-Kitas sollten ursprünglich nur bis 2019 vom Bund finanziert werden, damals wurde das Programm aber verlängert. „Modellprogramme sind dazu da, neue Ansätze zu erproben“, führt Schäfer aus. Es gehe darum, neue Dinge zu testen. Bewährten sie sich, müssten aber die Länder sie fortführen. Denn: Verfassungsrechtlich sei es dem Bund nicht erlaubt, auf Dauer deren Aufgaben zu übernehmen. In der Tat ist die frühkindliche Bildung Sache der Bundesländer.

Kritik an dem „kurzfristigen Einstampfen“ des Förderprogramms kam indes nicht nur aus der oppositionellen CDU/CSU. Auch bei Familienpolitikern der Ampel sorgte das Vorhaben für Unruhe. Zumal es im Koalitionsvertrag heißt, die Regierung wolle „das Programm ,Sprach-Kitas’ weiterentwickeln und verstetigen“.

Vier Milliarden Euro vom Bund

Paus’ Argumentationslinie lautet deshalb, dass die Länder aus dem künftigen Kita-Qualitätsgesetz die Sprachförderung finanzieren könnten. In den Jahren 2023 und 2024 erhielten die Länder daraus insgesamt vier Milliarden Euro, sagt Ministeriumssprecher Schäfer. Zuletzt flossen laut Ministerium etwa 200 Millionen jährlich in die Sprach-Kitas.

Doch dieses Gesetz soll erst ab 1. Juli 2023 gelten. Um die Lücke zu schließen, hat Paus mittlerweile zugesichert, dass es eine Übergangsfinanzierung geben solle.

Unterstützung für die Ministerin gibt es nun auch aus der SPD: Der Mainzer Bundestagsabgeordnete Daniel Baldy, Mitglied im Familienausschuss, sagt zwar, er hätte sich „eine mehrjährige Übergangsregelung gewünscht, die den Ländern die Chance gibt, die fehlenden Mittel des Bundes mittelfristig zu kompensieren“. Aber das Vorhaben, Teile der Mittel des Kita-Qualitätsgesetzes „für die Sprach-Kitas zu nutzen, halte ich für einen guten Kompromiss“. Zumal der Bund in der aktuellen Finanzlage „in erster Linie seinen originären Aufgaben nachkommen“ müsse.

Mainz: Haben vorgesorgt

Das von Stefanie Hubig (SPD) geführte rheinland-pfälzische Bildungsministerium zeigt sich weniger zufrieden. Es verweist darauf, dass es bereits jetzt Zuschüsse des Bundes über das Gute-Kita-Gesetz gebe. Die Mittel für die Sprach-Kitas würden künftig aber ersatzlos entfallen. Zudem wünschten sich die Länder bis 2025 Zeit, um die Ansätze des Programms Sprach-Kitas in die Systeme der Länder zu integrieren, heißt es aus Mainz.

Das Landesbildungsministerium sieht dadurch gleichwohl nur auf andere Bundesländer Probleme zukommen. Mit dem Kita-Gesetz vom vergangenen Jahr sei in Rheinland-Pfalz „die alltagsintegrierte Sprachförderung flächendeckend und strukturell verankert“, meint das Ministerium. Dafür gebe es in den Kitas sogenannte Sprachbeauftragte.

Dieses Amt wird in der Kita Münsterappel künftig Kerrit Lücke übernehmen, sollte der Status als „Sprach-Kita“ tatsächlich bald Vergangenheit sein. Dass das Niveau der Sprachbildung damit gehalten werden kann, glaubt sie aber nicht.

x