Interview
Missbrauch im Arztzimmer: „Frauen suchen oft die Schuld zuerst bei sich“
„Stell’ Dich nicht so an, der Penis eines Manns ist viel größer!“ Das war die Reaktion einer Gynäkologin während der Untersuchung, als ich 16 Jahre alt war. Ich war nur kurz zusammengezuckt, weil es mir wehtat. Ist das jene Grenzüberschreitung, die sich Patienten nicht gefallen lassen sollten?
Ganz klar. Eine absolute Grenzüberschreitung, mit der Sie hätten zu mir kommen können, wenn es damals die Ombudsstelle gegeben hätte.
Das war in den 1990er-Jahren. In Hessen gibt es eine solche Ombudsstelle für Fälle von Grenzüberschreitungen und Missbrauch in ärztlichen Behandlungen seit 15 Jahren, Rheinland-Pfalz ist dem Vorbild vor drei Jahren gefolgt. Warum erst jetzt?
Nun, die Menschen haben mehr und mehr den Mut, darüber zu sprechen. Auch, weil sie Vorfälle als Grenzüberschreitung identifizieren. Und das hat auch die MeToo-Bewegung forciert. Das Arzt-Patient-Verhältnis ist ein besonderes und für Grenzüberschreitungen und Missbrauch anfällig. Ein Arzt bekommt von seinem Patienten einen enormen Vertrauensvorschuss. Der Patient wendet sich in einer hilfesuchenden Lage an ihn in der Hoffnung, dass dieser ihm hilft. Daraus kann eine einseitige Bindung einstehen, die leicht Basis für eine Grenzüberschreitung oder Missbrauch werden kann.
Bekanntester Fall in der Region ist der des Gynäkologen aus Schifferstadt im Jahr 2011. Er soll über 36.000 Fotos und auch Filmaufnahmen von den Genitalien seiner Patientin gemacht haben. Insgesamt waren 1850 Mädchen und Frauen betroffen. Letztlich wurde er zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.
Ja, das war ein besonders schwerer Fall. Einige der Opfer sind aufgrund psychischer Folgen in unserer Praxis behandelt worden. Dieser Fall war außerordentlich.
Wäre der Fall ein paar Jahrzehnte früher auch aufgedeckt worden?
Nein, davon bin ich überzeugt. Lange Zeit war ein Arzt ein Halbgott in Weiß. Ich glaube nicht, dass seine Angestellten vor 30, 40 Jahren den Mut gehabt hätten, ihn anzuzeigen. Es war damals schon sehr mutig, den Arbeitgeber anzuzeigen.
Sie widmen sich Fällen von Grenzüberschreitung, aber auch Missbrauchsfällen. Worin unterscheiden sich die beiden Begriffe?
Eine Grenzüberschreitung ist eine Tat, bei der die persönliche Grenze eines anderen körperlich oder psychisch überschritten wird. Diese können vonseiten des Arztes als solche gar nicht beabsichtigt worden sein. In einem Fall hat ein Mediziner einer behinderten Patientin nach einer Spritze väterlich auf den Popo geklopft. Er hat es aufmunternd gemeint. Sie hat das als grenzüberschreitend wahrgenommen. Er hat sie zu einem bedürftigen Kind gemacht, das sie nicht war. In diesem Fall habe ich das dem Mediziner erklärt. Bei einem Missbrauch missbraucht der Mediziner seine Position und das Vertrauensverhältnis zu seinem Zweck oder Vorteil. Die Facetten sind vielfältig: Sie können psychischer oder physischer Art sein, etwa von sich Geld schenken lassen bis hin zu körperlichem oder sexuellem Missbrauch. Pro Jahr gehe ich etwa 25 Fällen nach.
Ist die Ombudsstelle so etwas wie der erste Schritt für Betroffene?
Ja, das kann man so sagen. Viele Betroffene können nicht einordnen, was mit ihnen passiert ist. Sie hinterfragen sich, sie glauben, sie seien vielleicht zu empfindlich. Denn: In dem Moment, in dem es passiert, realisieren die Betroffenen oft noch nicht, dass es zu einer Grenzüberschreitung gekommen ist. Es gibt Opfer, die kommen erst Jahre nach dem Vorfall zu mir. Dann ist es für sie sehr entlastend, von mir eine Rückmeldung zu bekommen über den eigenen Zweifel an ihrer Wahrnehmung. Darum ist so ein niederschwelliges, vollkommen anonymisiertes Angebot so wichtig. Es ist der erste Schritt, zu verarbeiten und gegebenenfalls zu therapieren.
Sie raten also nicht jedem zu einer Therapie?
Nein. Es gibt Betroffene, die das gut mit sich selbst ausmachen können. Da genügt ein Gespräch oder der Austausch mit anderen Opfern. Wenn der Vorfall aber in einem gärt, man das Geschehene über einen längeren Zeitraum mit sich trägt oder es gar zu körperlichen Beschwerden kommt, dann sollte man sich so schnell wie möglich jemandem anvertrauen.
Warum zweifeln viele Betroffene, überhaupt Opfer geworden zu sein?
Es zweifeln überwiegend Frauen. Weil wir nun mal so sozialisiert sind, die Schuld oder mindestens die Mitschuld bei uns zu suchen.
Leiten die Betroffenen, die sich an Sie wenden, weitere Schritt ein?
80 Prozent der Menschen, die Kontakt zu mir suchen, hilft es schon, nur darüber zu reden. Wenn der oder die Betroffene es nicht wünscht, werde ich auch keinen Kontakt zu dem Mediziner aufnehmen oder andere Schritte einleiten. Ich habe aber leider zu viele Fälle erlebt, wo das dringend notwendig gewesen wäre. Und das wiederum bestätigt die hohe Dunkelziffer. Es ist ja so, dass zum Beispiel bei Vergewaltigungen lange Zeit allein die Täterperspektive untersucht wurde. Viele Opfer schämen sich. Dazu passen der Titel und die Forderung „Die Scham muss die Seite wechseln“ von Gisèle Pelicots Buch. Das ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag.
Gisèle Pelicot wurde von ihrem Mann jahrelang immer wieder betäubt und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten. Sie ging den Schritt in die Öffentlichkeit, um das Schweigen zu brechen. So auch erst jüngst die Schauspielerin Collien Fernandes. Hoffnung macht, dass dadurch eine öffentliche Debatte über dieses gesellschaftliche Ungleichgewicht und das daraus resultierende Machtgefüge ausgelöst wurde. Unfassbar ist es aber, dass die, die ihr Schweigen brechen, viel Wut erleben. Collien Fernandes braucht nun Polizeischutz. Es scheint ein sehr tiefgreifendes Problem zu sein.
Oh ja. Die Täter sind überwiegend, aber nicht ausschließlich Männer. Auch bei den Fällen, die ich im Rahmen meiner Ombudsstelle erlebe. Es waren Männer, die sich patriarchalisch verhalten haben. Und oft hatten sie kein Unrechtsbewusstsein. Die Wut auf Frauen wie Gisèle Pelicot oder Collien Fernandes zeigt, dass Männer jetzt spüren, dass ihre Privilegien und scheinbaren Rechte, die sie allein wegen ihres Geschlechts haben, schwinden. Ihre Welt gerät aus dem Gefüge.
Ein erschütterndes Beispiel, wie Machtpositionen für Grenzüberschreitungen und Missbrauch genutzt werden – das sind die Epstein-Akten. Hat Sie das geschockt?
Ehrlich gesagt, in der Spitze hat es mich nicht gewundert. Missbrauch gibt es leider seit Jahrtausenden und heute noch in vielen Ländern. Mich hat es aber verwundert, dass so etwas in den USA – einem aufgeklärten, demokratischen Land – passieren konnte. Aber Macht, Geld und Einfluss ziehen an und lassen moralische Grenzen fallen. Die Täter fühlen sich so mächtig, alles tun zu können, was sie wollen. Und das mit einem Gefühl, unantastbar zu sein.
Die Epstein-Akten lösten Ermittlungen in einigen Ländern aus. Außer für die Komplizin Ghislaine Maxwell gab es aber für keine in den Akten beschuldigten Personen eine Verurteilung.
Ja, das ist und bleibt erschreckend. Aber der Fall zeigt, dass es eine Welle auslösen kann. Ich wünsche mir, dass dadurch mehr Opfer den Weg zu uns finden, damit die – zum Glück – wenigen schwarzen Schafe aus dem Verkehr gezogen werden.
Noch Fragen?
Christel Werner als Beauftragte für die Ombudsstelle für Fälle von Missbrauch in ärztlichen Behandlungen ist für Betroffene erreichbar unter Telefon 0176 32195234 oder per E-Mail an: Ombudsstelle-Missbrauch@laek-rlp.de.
