Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Reporter im Ukraine-Krieg: „Gas geben, wenn die Drohnen kommen“

Fotografie von Till Mayer im Donbass, Juli 2025: Obwohl sie noch nicht wehrpflichtig sind, melden sich junge Ukrainer zwischen 1
Fotografie von Till Mayer im Donbass, Juli 2025: Obwohl sie noch nicht wehrpflichtig sind, melden sich junge Ukrainer zwischen 18 und 25 Jahren (hier mit Ausbilder rechts) freiwillig zum Dienst an der Waffe. Die Armee hat dafür ein eigenes Programm aufgelegt.

Till Mayer fotografiert seit neun Jahren Menschen in der Ukraine und dokumentiert, was der Krieg mit ihnen macht.

Seit der Vollinvasion durch den Nachbarn Russland verbringt der Journalist die Hälfte des Jahres in dem überfallenen Land. Über seine Erlebnisse vor Ort und darüber, wie seine Arbeit auch ihn verändert hat, sprach Till Mayer mit RHEINPFALZ-Redakteurin Annette Weber.

Herr Mayer, die Ukraine und die Menschen dort beschäftigen Sie schon seit fast 20 Jahren. Woher rührt dieses Interesse?
2007 führte mich ein Buch- und Ausstellungsprojekt über KZ-Überlebende nach Lwiw. Ziel war es, ein kleines Zentrum für ehemalige Opfer des Stalinismus und der NS-Diktatur zu fördern. Ich engagierte mich danach weiter ehrenamtlich und baute in Lwiw ein Projekt für Rentner in Not mit auf, das bis heute besteht. Gerade alte Menschen leben in der Ukraine oft in bitterer Armut. Meine Reportagen haben viele Leserinnen und Leser berührt. Durch deren Spendenbereitschaft erhalten Rentnerinnen und Rentner in Not durch ein Schwestern-Team kostenlos Medikamente und Lebensmittelpakete.

Ich berichte über Kriege und Krisen, wenn diese in Vergessenheit geraten. So war es 2017 in der Ostukraine. Dort herrschte ein vor sich hin schwelender Stellungskrieg, den ich als Langzeitprojekt dokumentierte. Seit der russischen Vollinvasion 2022 berichte ich im monatlichen Rhythmus. Etwa die Hälfte des Jahres verbringe ich in der Ukraine.

Was können Fotos und Reportagen aus der Ukraine beim Leser, bei der Leserin in Deutschland bewirken?
Ich versuche, den Krieg anhand der Menschen zu erzählen, die in ihm bestehen müssen. Natürlich würde ich auch nicht nein sagen, wenn mir ein Interview mit Präsident Wolodymyr Selenskyj angeboten würde. Aber Politiker interessieren mich weniger. Um die Realität des Krieges zu zeigen, muss man vor Ort sein. Auch in den sogenannten Todeszonen, wo Drohnen und Artillerie das Leben vertreiben. Mit meiner Kamera begleite ich Zivilistinnen und Zivilisten in dieser schweren Zeit. Ich bin aber auch mit der ukrainischen Armee in den Kampfgebieten unterwegs. Über Monate hinweg dokumentiere ich das Bestehen in Frontstädten wie Bachmut, Prokrowsk, Kostiantyniwka … Halte fest, wie die russische Armee Zerstörung, Leid und Tod bringt. Ich versuche meinen Leserinnen und Lesern den Widerstand der Menschen gegen die russische Diktatur näher zu bringen, ihre Empathie zu wecken.

Menschen in schwierigen, hoch emotionalen Situationen fotografieren zu wollen, ist nicht einfach. Wie bekommen Sie Zugang zu ihnen?
Vielen Menschen in der Ukraine ist es sehr wichtig, dass das Unrecht, das ihnen geschieht, gesehen wird. Ich denke, meine Protagonistinnen und Protagonisten merken, dass ich mich für ihr Schicksal interessiere. Ich begegne ihnen mit Respekt. Die Menschen lassen mich nahe an ihr Leben im Krieg heran. Das empfinde ich als eine Ehre.

Gibt es eine Begegnung, die Sie besonders betroffen gemacht hat?
In der ukrainischen Gegenoffensive im Oblast Charkiw kamen wir 2022 in ein Dorf, das die ukrainische Armee weniger als einen Tag zuvor befreit hatte. Große Teile des Orts waren zerstört, die Ruinen rauchten noch. Auf den Straßen lagen die Leichen gefallender russischer Soldaten in Leichensäcken zum Abtransport bereit. Ich sprach mit einer Frau, die kurz zuvor ihren Sohn in einem Granattrichter begraben hatte. Russische Soldaten hatten den jungen Mann in seinem Auto beschossen. Die Mutter musste fliehen. Als sie später versuchte, den Leichnam ihres Sohnes zu bergen, beschossen russische Scharfschützen die Frau. Es war ihr wichtig, davon zu erzählen. Damit die Welt von diesen Kriegsverbrechen erfährt.

Welche Sicherheitsvorkehrungen treffen Sie, wenn Sie im Kriegsgebiet unterwegs sind?
Ich bin immer mit einem ukrainischen Kollegen, mit Oles Kromplias, einem Fotojournalisten zusammen unterwegs. Er dolmetscht auch für mich. Ich besitze natürlich einen Helm und eine Schutzweste. Und ein Erste-Hilfe-Set speziell für kriegsbedingte Verwundungen.

In den Fahrzeugen der Armee sind oft Scanner, die die Radiowellen der russischen Drohnen auffangen. Ist die russischen Drohne nahe genug, sieht man auf einem kleinen Monitor, was der Drohnenpilot sieht. Plötzlich ist dann das Bild von uns in unserem Auto zu sehen. Dann heißt es, Gas geben.

Wie frei können Sie arbeiten, wenn Sie mit der Armee unterwegs sind?
Sind wir mit der Armee unterwegs, muss man in einem gewissen Zeitraum vorher anfragen. Dann macht man einen Treffpunkt aus. Natürlich kann es noch eine Stunde zuvor eine Absage geben. Wenn die Einheit zum Beispiel zu sehr unter Druck steht. Meine Fotoauswahl sieht sich das Militär an. Aber nicht, um Motive zu zensieren. Er geht nur darum, ob irgendwelche Landmarken zu erkennen sind, die eine Stellung verraten könnten. Solche Bilder könnten den Tod bringen.

Sie pendeln zwischen zwei Welten. Wie viel Krieg nehmen Sie mit nach Hause ins beschauliche Bamberg? Verändert das in der Ukraine Erlebte Ihre Sicht auf Deutschland?
Das Jammern und Klagen in Deutschland ist für mich oft schwer erträglich. Ich habe dann den Eindruck, Deutschland ist im Krieg, nicht die Ukraine. Zum Glück ist meine Heimatstadt Bamberg in Sachen Ukraine stabil.

In der Ukraine erlebe ich mehr Stärke und Würde. Dabei müssen die Menschen dort Unvorstellbares ertragen. Schätzungsweise 85 Prozent der Erwachsenen kämpfen mit psychischen Problemen und Erkrankungen – von Schlafstörungen bis zur schweren Traumatisierung. Eine ganze Kinder- und Jugendgeneration ist traumatisiert.

Ich berichtete aus rund 30 Kriegs- und Krisengebieten. Bei keinem war es so klar, wer Gut und wer Böse ist. Der Ausgang des Kriegs in der Ukraine wird uns alle treffen. Russland wird sich mit der Ukraine nicht zufrieden geben.

Dieser Krieg macht auch mich müde. Doch im Vergleich zu den Menschen, über die ich berichte, habe ich kein Recht zu klagen.

Haben Sie ganz persönlich noch Hoffnung, dass die Ukraine die russischen Truppen irgendwann zurückschlagen kann und endlich der Frieden einkehrt, den sich die Menschen dort so sehr wünschen?
Wenn die Ukraine den Krieg verliert, dann beginnt ein europaweiter Krieg. Kremlchef Wladimir Putin will keinen Frieden, sondern ein Imperium. Die russische Gesellschaft ist militarisiert, in der Jugendarmee lernen 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche das Töten. Die Wirtschaft wird für einen großen Krieg umgebaut. Aber Putin ist nicht unbesiegbar. Im Vergleich zur EU ist Russland wirtschaftlich ein Zwerg. Deshalb setzt Putin ja auch alles daran, die EU zu spalten. Putin respektiert nur Stärke. Es ist Zeit, dass wir sie ihm zeigen. Ich werde so lange die Menschen der Ukraine begleiten, bis der Krieg vorbei ist.

Zur Person

Till Mayer, geboren 1972 in Hausham, Landkreis Miesbach, arbeitet als Fotojournalist, Kriegsreporter, Autor und Dokumentarfilmer. 2019 erschien sein Buch „Donbas – Europas vergessener Krieg“, 2022 „Ukraine – Europas Krieg“, 2024 „Europas Front - Krieg in der Ukraine“ (ibidem Verlag) und im Februar 2026 „Widerstand – Freiheitskampf der Ukraine“ (ibidem Verlag).

Seit 2017 dokumentiert Till Mayer den Krieg in der Ukraine als Langzeitprojekt mit der Kamera und in Reportagen.
Seit 2017 dokumentiert Till Mayer den Krieg in der Ukraine als Langzeitprojekt mit der Kamera und in Reportagen.
x