Meinung
Ukraine: Wegschauen ist gefährlich
Als der damals 41-jährige Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj vor knapp sieben Jahren zum Präsidenten der Ukraine gewählt wurde, gab es viel Spott. Auch aus Moskau. Dem Comedian, der mit seiner Show auch im russischen Fernsehen Erfolge gefeiert hatte, wurde wegen fehlender politischer Erfahrung wenig zugetraut. Allerdings hatte er gerade deshalb von der Mehrheit der Ukrainerinnen und Ukrainer ihr Votum erhalten: weil er nicht zum politischen Establishment gehörte.
Heute ist der meist in Shirts mit Dreizack-Emblem – das Staatswappen der Ukraine – betont militärisch auftretende Selenskyj einer der erfahrensten und vielleicht auch gewieftesten Regierungschefs. Merklich gealtert, zuweilen offensichtlich genervt oder sogar verärgert und ziemlich desillusioniert versucht er dennoch, sein Land vor dem drohenden Untergang, vor russischer Zerstückelung oder gar Okkupation zu bewahren. Das war nie einfach. Die Lage ist für die Ukraine mit dem US-Angriff auf den Iran aber noch weitaus komplizierter und gefährlicher geworden.
Angstvoller Blick auf die Benzinpreise
Selenskyj und sein Land dürfen die Aufmerksamkeit der Welt, vor allem Europas nicht verlieren. Doch hierzulande schaut man gebannt auf die Benzinpreise an den Tankstellen und Richtung Nahost, wo die Ölzufuhr wegen des Krieges stockt. Dass die gestiegenen Rohölpreise dem Angreifer Russland zusätzlich Geld in die Kriegskasse spülen, kommt erschwerend hinzu.
Der ukrainische Präsident tourt deshalb unermüdlich durch Europas Hauptstädte – mit Ausnahme Ungarns, wo man lieber Moskau als Kiew unterstützt – und argumentiert, appelliert, bittet und warnt. Er kritisiert die Sanktionserleichterungen der USA gegenüber Russland. Er fordert mehr Geschlossenheit der EU gegenüber dem Ukraine-Gegner und Quertreiber Viktor Orban.
„Brüder im Hass“
Russland und Iran seien „Brüder im Hass“, sagt Selenskyj und verknüpft damit rhetorisch die beiden Konflikte. Wenn man die Ukraine vernachlässige, befeuere das indirekt auch andere Krisenherde in der Welt. Die Ukraine sei also Teil eines globalen Sicherheitsproblems, argumentiert er, kein separater Krieg.
Darüber hinaus positioniert der ukrainische Präsident sein Land als Sicherheitspartner für die USA und die Golfstaaten, indem er ihnen das Know-how anbietet, das die Ukraine erworben hat – im Abwehrkampf gegen iranische Drohnen, die Russland bekanntermaßen zuhauf Richtung Nachbarn schickt. Über 200 Militärexperten hat Kiew bereits in den Nahen Osten entsandt. Die Ukraine ist kein Almosenempfänger sondern wertvoller Partner, soll das heißen. Zu dieser Strategie passen auch das kürzlich vereinbarte Drohnen-Abkommen mit Großbritannien, die Kooperationen mit EU-Staaten bei Rüstungsproduktion und Technologie und das Angebot, Verteidigungstechnologie auch den Verbündeten zugänglich zu machen.
David gegen Goliath
Seit Russland – nach der Annexion der Krim und der Okkupation der Ostukraine – 2022 den Rest des Landes überfallen hat, behaupten sich Selenskyj und sein Volk in einem Kampf David gegen Goliath. Der Präsident ist in dieser Zeit über sich hinausgewachsen, hat das Schlimmste abgewendet. Ob der Kampf zu gewinnen ist, hängt allerdings nicht nur von den Ukrainern und ihrem Präsidenten ab.