Interview
Pfälzer Luftwaffen-Oberst zur Sicherheitslage: „Der Kalte Krieg war stabiler“
Mit dem Angriffskrieg Russlands im Jahr 2022 und dem Iran-Krieg in diesem Jahr hat sich die Weltsicherheitslage verändert. In Büchel, im Norden von Rheinland-Pfalz, liegt ein Luftwaffenstützpunkt der im Nato-Fall eine große Rolle spielen kann, denn dort sollen Atomwaffen für die Nukleare Teilhabe stationiert sein. Samuel Mbassa ist Kommodore des Taktischen Luftwaffengeschwaders 33. Im Interview spricht er über die veränderte Sicherheitslage, auf welchen Gegner der Blick der Bundeswehr gerichtet ist und mögliche Einsätze.
Herr Mbassa, die Weltsicherheitslage ist im Frühjahr 2026 eine andere. Merken Sie, dass das in der Bevölkerung angekommen ist?
In Teilen ja, in Teilen nicht. Wenn wir bislang über Kriege geredet haben, waren die weit entfernt. Inzwischen sind diese näher an uns herangerückt. Der Krieg in der Ukraine ist für mich als Pilot nicht mal zwei Stunden entfernt, das ist um die Ecke. Für ein Flugzeug ist das ein Katzensprung, dorthin zu kommen, wo der Krieg tobt. Und umgekehrt ist es das auch für einen Angreifer, bis zu uns zu kommen. Das Verständnis, dass wir Flugmanöver üben, um beispielsweise das Nato-Territorium zu schützen, ist unterschiedlich ausgeprägt. Aber wenn der Konflikt weiter nach Westen geht, müssen wir selbst bei der Verteidigung aktiv werden. Wenn ich natürlich in Speyer am Rhein sitze, dann ist das Gefühl einer Bedrohung nicht ganz so da. Wir vom Militär haben da eine andere Perspektive.
Spüren Sie bei Ihren Pilotinnen und Piloten einen anderen Umgang?
Im Grunde genommen nicht. Wir haben uns immer darauf vorbereitet, was passieren könnte. Der Iran ist weiter weg. Wir beschäftigen uns mehr mit der Ukraine beziehungsweise mit der Nato-Ostflanke. Eine Involvierung meines Geschwaders ist da ein Stück weit eher gegeben, als es für den Iran erscheint. Wir haben am Standort amerikanische Partner. Und da hat sich die Sicherheitslage verändert und es wurden, auch vonseiten des Bundes, Maßnahmen getroffen, um diese zu schützen. Und natürlich macht man sich Gedanken, weil man am gleichen Standort ist.
Sie beschäftigen sich mehr mit der Ukraine als dem Iran?
Ja, in Europa ist eine Involvierung ein Stück weit eher gegeben. Aktuell steht im Raum, dass die Iraner Raketen haben, die viertausend Kilometer weit reichen. Das beschäftigt uns natürlich, denn so wären wir auch in Reichweite. Gleichzeitig bauen wir von der Luftwaffe auch einen Verteidigungsschirm auf, um solche Raketen abzufangen. Auch die Nato hat einen solchen Schirm. Wir haben das Geschehen im Iran und mögliche Bedrohungen, auch atomarer Art, natürlich im Blick. Wobei wir denken, dass es noch nicht unmittelbar bevorsteht. Bei Russland hingegen ist das gegeben. Das wissen wir und das ist auch etwas, auf das wir uns vorbereiten.
Wie sind Sie im Austausch mit anderen Standorten, auch mit den US-Kollegen in Ramstein?
Wir sind eng im Austausch mit Spangdahlem und mit Ramstein. Es gibt Direktleitungen. Wir teilen die Informationen untereinander. Es finden Treffen der Chefs der Basen statt. Die Amerikaner haben Ihre Gefährdungsstufe mittlerweile auch von A (Frieden) auf B hochgestuft.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den US-Kollegen seit dem Amtsantritt von Donald Trump?
Es gibt keine Unterschiede mit den US-Kollegen am Standort. Das, was politisch in den USA passiert, kommt in der täglichen Zusammenarbeit nicht an. Wie die Personen über das Vorgehen des US-Präsidenten denken, das muss man die Leute selbst fragen.
Ist der Standort Büchel besonders gefährdet aufgrund der Atomwaffen, die im Zuge der atomaren Teilhabe der Nato stationiert sind?
Auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland dürfen Atomwaffen sein. Zu allem Weiteren kann ich keine Aussage treffen. Nur so viel: Wir stellen im Sinne der nuklearen Teilhabe die Trägerplattform für eine amerikanische Nuklearwaffe. Wir haben die entsprechenden Besatzungen, Techniker und Infrastruktur hier. Ob uns das zu einem primären Ziel macht oder eher die jeweilige Führung eines Landes? Das weiß ich nicht. Büchel könnte durchaus ein lukratives Ziel sein, aber das würde auch in einer Antwort resultieren. Meine ganz persönliche Meinung: Wenn ich als Gegner Deutschland schaden wollen würde, dann wäre Büchel nicht mein Ziel, sondern das läge eher weiter nordöstlich in der Bundesrepublik.
Wie ist der Umgang bei Ihnen in der Truppe mit dem Thema Atomwaffen? Spürt man das an Ihrem Standort?
Uns wird oft vorgeworfen, dass wir das verdrängen. Das ist nicht wahr. Wir befassen uns täglich damit. Wir wissen, dass wir einen Beitrag zur nuklearen Teilhabe leisten. Wir sind alle eingewiesen und wissen, was eine solche Waffe für einen Effekt hat. Es geht auch darum, bereit zu sein, einen Beitrag zur Abschreckung zu leisten und eine solche Waffe einzusetzen. Da steckt ein riesiger Prozess dahinter. Wir dürfen nach außen nicht alles sagen, daher wirkt das so, als würden wir das verdrängen.
Können Sie ein mögliches Einsatzszenario skizzieren für den Fall, dass ihre Pilotinnen und Piloten plötzlich – durch die Teilhabe – involviert werden können?
Das ist immer abhängig von der Entscheidung. Wenn ein Konflikt eine nukleare Dimension hat, dann bespricht sich die Nato. Und die würde dann zu dem Entschluss kommen, was in dieser Situation gemacht werden muss. Das ist ein politischer Prozess. Wir haben Planspiele, aber die müssen nicht die Realität abbilden. Wichtig ist, dass man sich im Sinne der Nato bespricht. Der militärische Prozess ist dann der zweite Teil. Grundsätzlich bedarf es einer Zustimmung der Bundesregierung und es braucht den Konsens in der Nato und auch des Inhabers der Waffen selbst, also des US-Präsidenten.
Also der US-Präsident darf nicht alleine über die Atomwaffen in Deutschland verfügen?
Nein. Der US-Präsident darf nicht allein über einen Nato-Einsatz entscheiden. Für die Nato kann keiner alleine entscheiden. Sicherlich verfügt der US-Präsident über die Entscheidungsgewalt für seine nationalen Streitkräfte und eigene Bereiche. So geschehen beim Einsatz im Iran. Dazu haben sich die USA auch alleine entschieden. Und man sieht ja, wie die Nato-Antwort ausfällt. Ein atomarer Einsatz ist etwas so Gravierendes, das ich davon ausgehe, dass sich auch die USA Rückendeckung dafür suchen würde.
Wenn ich Sie nun frage, wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass die Tornados aus Büchel zum Einsatz kommen?
Ich bin schon lange bei der Bundeswehr. Ich würde mal sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem solchen Einsatz kommt, höher geworden ist. Sie ist höher als zu Zeiten des kalten Krieges. Aber wie hoch, das kann ich nicht sagen. Das liegt insbesondere auch an der Absicht eines potenziellen Gegners.
Der Kalte Krieg war weniger eine Gefahr als die heutige Situation?
Ich sage es mal vorsichtig: Der Kalte Krieg war ein Stück weit stabiler, heute ist das volatiler. Das ist eine andere Situation als früher, auch aufgrund der handelnden Akteure und der Interessen der jeweiligen Staaten. Das macht die Situation anders als früher.
Zur Person: Kommodore Samuel Mbassa
Oberst Samuel Mbassa wurde 1971 in Speyer geboren. Der Vater eines Sohnes ist verheiratet und seit 1989 bei der Bundeswehr. Mbassa wurde selbst in Büchel auf dem Kampfjet Tornado ausgebildet und war später Fluglehrer für dieses Flugzeug. Mbassa darf auch den Eurofighter fliegen und war in Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Der Speyerer war im Nato-Hauptquartier in Ramstein Dezernatsleiter für Nuklearoperationen und Referent für Nuklearpolitik im Verteidigungsministerium. Seit August 2023 ist er Kommodore des Geschwaders Büchel.