Obrigheim-Mühlheim
Ziffernblatt-Restaurierung: Einschusslöcher geben Rätsel auf
Der Arbeitsplatz von Flore Jampierre ist nichts für Menschen mit Höhenangst: Rund 30 Meter über dem Boden sitzt die 35-Jährige den ganzen Tag in der Sonne auf einem Baugerüst an der evangelischen Kirche in Mühlheim. Ihre Mission: die Restaurierung des alten Ziffernblatts der Kirchturmuhr. Reiner Trinkel hat die Französin damit beauftragt. Der Mühlheimer zahlt die rund 7000 Euro teure Aktion aus eigener Tasche.
Schon lange stört sich der Unternehmer am Anblick des verwitterten Ziffernblatts: „Es ist immer schäbiger geworden. Das war ein richtiger Schandfleck.“ Da die Uhr nicht der Kirche, sondern der Gemeinde gehört, holte er sich die Erlaubnis ein und beauftragte Jampierre. Die Mühlheimer Kirche trägt eigentlich drei Ziffernblätter – nach Osten, Westen und Süden. Weil das Budget nur für eine Restaurierung reicht, entschied sich Trinkel für die Südseite: Dort setzt die Sonne dem Ziffernblatt nämlich am stärksten zu, und außerdem ist es von dem meisten Stellen in Mühlheim und sogar von Obrigheim aus am besten zu sehen.
Flore Jampierre und ihre Arbeiten kennt Trinkel schon länger. Die gelernte Kirchenmalerin hat rund zehn Jahre im Alzeyer Stadtteil Weinheim gelebt und schon mehrmals Wandgemälde für ihn angefertigt. Sie hat in Deutschland eine Weiterbildung zur Restauratorin im Malerhandwerk abgeschlossen und schon einmal ein Ziffernblatt an einer Kirche im Burgund vor dem Verfall bewahrt. Deshalb sei sie die Richtige für diesen Job gewesen, sagt Trinkel. Mittlerweile lebt die Handwerkerin zwar wieder in Südfrankreich, doch für die dreiwöchigen Arbeiten ist sie nach Deutschland zurückgekehrt und wohnt in dieser Zeit bei den Trinkels.
Rätselraten ums Alter
„So hoch habe ich noch nie gearbeitet“, sagt Jampierre. Am Anfang sei es ein wenig schwindelerregend gewesen, zumal es oben auf dem Baugerüst sehr eng ist: „Aber nach drei Tagen habe ich mich daran gewöhnt.“
Wie alt das Ziffernblatt ist, weiß niemand genau. Trinkel hat das Internet befragt und herausgefunden, dass die Pfälzer Kirchturmuhren zwischen 1860 und 1880 gebaut wurden. Jampierre sagt, die Farben Dunkelgrün, Schwarz und Gold seien typisch für das Barockzeitalter (1600 bis 1750). Das heiße aber nicht, dass das Ziffernblatt auch wirklich aus dieser Zeit stammt. Es könne ebenso gut lediglich vom Barockstil inspiriert sein.
Sicher ist: Könnte das Ziffernblatt sprechen, hätte es viel zu erzählen. Zum Beispiel darüber, woher die drei Einschusslöcher sind, die Jampierre entdeckt hat. Trinkel vermutet, dass sie aus dem Zweiten Weltkrieg stammen: „Damals gab es in Mühlheim einige Widerstandsnester.“ Die Vergoldung von Ziffern und Zeigern wurde wohl bereits einmal erneuert – „wahrscheinlich vor dem Zweiten Weltkrieg“, so Jampierre.
Starke Farbschäden
Ziffernblätter von Kirchturmuhren sind Wind und Wetter ausgesetzt. Deshalb sei es erstaunlich, dass das Mühlheimer Exemplar trotz Kupferverarbeitung keinerlei Grünspan gebildet habe, sagt Jampierre. Die UV-Strahlung hat jedoch die Farbe stark geschädigt: „Die Sonne lässt Ölfarbe nach etwa 100 Jahren oxidieren. Dann verliert sie ihren Fettfilm und die Pigmente werden pulverig.“
Jampierres Aufgabe ist es nun, die alten Farben zu entfernen, neue Farben samt diverser Schutzschichten aufzutragen und die Ziffern und Zeiger neu zu vergolden. Dafür nutzt sie echtes 24-karätiges Blattgold. Sie zeigt auf eine Rolle, die an Tipp-Ex erinnert. In der Fachsprache heißt sie Transferblattgold. Dieses Gold legt Jampierre Schicht für Schicht auf. Blattgold sei im Grunde unkaputtbar, sagt sie. Es rostet nicht, blättert nicht ab und hält praktisch ewig.
Reiner Trinkel ist auf das Endergebnis gespannt. Sicher ist schon jetzt: Wenn er künftig auf die Uhr schaut, muss er sich nicht mehr ärgern.