Migration RHEINPFALZ Plus Artikel Nach der Flucht: Erste Schritte in der neuen Heimat

Frauen tragen Kopftücher in den Farben der Nationalflagge von Afghanistan bei einer Demonstration im August vor einem Jahr. Sie
Frauen tragen Kopftücher in den Farben der Nationalflagge von Afghanistan bei einer Demonstration im August vor einem Jahr. Sie fordern die Evakuierung von afghanischen Ortskräften.

Sie sind vor dem Krieg in der Ukraine oder vor den Taliban in Afghanistan nach Deutschland geflohen. Viele suchen Hilfe bei der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer – auch in der Pfalz.

Vor Jana Frey sitzt an diesem Mittag ein Ehepaar aus Afghanistan mit drei Kindern. Der Mann hat in seiner Heimat als Ortskraft für eine deutsche Organisation gearbeitet. Grund genug, dass sein Leben ebenso wie das Leben seiner Familie unter den Taliban in Gefahr ist. Er hat wie bislang etwa weitere 26.000 Ortskräfte und besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen ein Visum für die Ausreise nach Deutschland erhalten. Die fünfköpfige Familie wurde einer Verbandsgemeinde im Kreis Südliche Weinstraße zugewiesen. Und damit ist sie bei der Sozialpädagogin Jana Frey gelandet, die im Haus der Diakonie Landau-Bad Bergzabern für den Kreis Südliche Weinstraße die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) übernimmt.

Notwendige Anträge stellen

Die MBE und die Integrationskurse wurden im Jahr 2005 mit dem neuen Zuwanderungsgesetz eingeführt. Gefördert werden sie vom Bund, zuständig ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Beraten werden erwachsene Migranten ab 27 Jahren. Voraussetzung ist ein Aufenthaltstitel. Bundesweit gibt es etwa 1379 MBE, in Rheinland-Pfalz sind es mehr als 60. Geführt werden sie von Trägern der freien Wohlfahrtspflege wie beispielsweise Arbeiterwohlfahrt, Deutsche Rotes Kreuz oder Diakonie und Caritas.

Die afghanische Familie hat nach Paragraf 22 des deutschen Aufenthaltsgesetzes eine Aufenthaltserlaubnis „aus völkerrechtlichen oder dringenden humanitären Gründen“ erhalten. Für Jana Frey heißt es, in einem ersten Schritt mit dem Paar zusammen alle notwendigen Anträge zu stellen. Der Vorteil: Im Gegensatz zu vielen anderen Geflüchteten hat die Familie aus der Heimat Dokumente und Papiere mitgebracht. Ein gewisser Nachteil: Da sie erst sehr kurze Zeit in Deutschland sei, müssten viele Strukturen erklärt werden. Das sei sehr zeitintensiv, sagt Frey. Da der Afghane sehr gut Englisch spricht, funktioniert die Kommunikation recht reibungslos. „Bei anderen Hilfesuchenden“, erklärt die Beraterin, „haben wir die Möglichkeit, auf Dolmetscher zurückzugreifen.“

Warten ist für viele eine schwierige Zeit

Bogen für Bogen geht Frey mit dem Ehepaar durch: Es werden Arbeitslosengeld II, Kindergeld und die Mitgliedschaft in einer Krankenkasse beantragt. Zu klären ist ferner die Einschulung der sechsjährigen Tochter sowie die Unterbringung der beiden jüngeren Kinder in eine Kita.

Dann heißt es warten. Für viele eine schwierige Zeit, sagt Frey. Einige kämen immer wieder vorbei oder meldeten sich am Telefon, könnten nicht verstehen, dass bürokratische Vorgänge so lange dauerten. Da ist auch bei Jana Frey Geduld gefragt. Denn erst wenn das Jobcenter den ALG II-Bescheid schickt, können die Eltern durch das Jobcenter eine Berechtigung für die Teilnahme an einem Integrationskurs erhalten. Erst damit wiederum kann die Anmeldung zu einem Integrationskurs erfolgen. Und auch hier gebe es derzeit Wartelisten, sagt Frey.

Der Afghane legt der 25-jährigen Sozialpädagogin Zeugnisse und Abschlüsse in seiner Heimat vor. Sie wird ihn an die zuständige Stelle einer IQ-Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung verweisen, die sich mit Qualifikationen auskennt und auch Möglichkeiten der Weiterqualifizierung aufzeigt. Vermittlung ist ein wichtiges Stichwort für die Arbeit der Beraterin: Dazu gehöre eine gute Vernetzung mit den für bestimmte Bereiche zuständigen Dienste und Einrichtungen, erklärt Frey.

Kein Asylverfahren für Ukrainer

Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen macht auch Jana Frey die Erfahrung, dass die MBE immer stärker nachgefragt wird. Von Januar bis Oktober zählt sie für ihren Bereich, den Kreis Südliche Weinstraße, 175 Fälle. Im ganzen vergangenen Jahr seien es 167 gewesen. Für die Bearbeitung steht ihr ein wenig mehr als eine halbe Stelle zu. Frey zieht eine Statistik hervor: Danach kommen die meisten Ratsuchenden aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und den Ostblockstaaten. Und seit Anfang des Jahres immer mehr Flüchtlinge aus der Ukraine.

Insgesamt sind bis Mitte Oktober mehr als eine Million Menschen vor dem Krieg in der Ukraine nach Deutschland geflohen. So viele jedenfalls sind im Ausländerzentralregister registriert. Ukrainische Flüchtlinge müssen aufgrund der EU-Massenzustrom-Richtlinie weder in Deutschland noch in einem anderen EU-Land ein Asylverfahren durchlaufen.

Sie haben einen vorübergehenden Schutz und damit Anspruch auf eine angemessene Unterbringung, auf medizinische Versorgung, auf Sozialleistungen. Auch sie haben eine Vielzahl alltäglicher Fragen – zu Sprachkursen, Wohnen, Arbeit, Gesundheit, Kinderbetreuung/Schule sowie rechtlichen Bestimmungen. Sie brauchen Hilfe beim Ausfüllen der Anträge und Begleitung. Wichtig für die Sozialpädagogin ist es, die Geflüchteten nach und nach zu befähigen, in ihrem Alltag allein zurechtzukommen. Das aber sei ohne die vielen engagierten Ehrenamtlichen nicht zu bewältigen, sagt Frey und lobt deren außerordentlichen Einsatz.

„Integration kostet Zeit, ist aber essenziell“

Angesichts der gestiegenen Flüchtlingszahlen hat auch politisch ein Umdenken stattgefunden beziehungsweise wurde erkannt, dass die Migrationsberatung bei der Integration der Geflüchteten eine wichtige Rolle spielt. Bislang gab es jährlich für die bundesweit rund 1370 Migrationsberatungen für erwachsene Zuwanderer, bei denen im vergangenen Jahr mehr als 494.000 Menschen Unterstützung fanden, 79 Millionen Euro. Nach einem Regierungsentwurf sollte die Summe für den Haushalt 2023 auf knapp 58 Millionen gekürzt werden.

Die Träger liefen Sturm, warnten vor dem Abbau von 300 Stellen. Die Proteste kamen an – im Haushaltsausschuss des Bundestages wurde nun beschlossen, für die Arbeit der MBE 81,5 Millionen Euro einzuplanen. Die Kürzungen sind also – vorerst – vom Tisch. Die immensen Herausforderungen bei der Migrationsberatung bleiben indes.

Oder wie es Jana Frey formuliert: „Es ist nicht damit getan, dass die Menschen in Deutschland aufgenommen werden, hier Wohnraum und existenzsichernde Leistungen erhalten.“ Für die Integration bedürfe es engmaschiger Strukturen, und es brauche genügend Berater und Beraterinnen. Integration koste oft viel Zeit, sie sei aber essenziell.

Auch für die afghanische Familie wird sie noch eine ganze Zeit lang Ansprechpartnerin sein, wenn es darum geht, in Deutschland Fuß zu fassen.

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