Meinung
Merkel-Verehrung in Gold
Die CDU braucht heutzutage keine Hinterzimmer mehr, um über ihre Ex-Parteichefin zu schimpfen: Atomkraftwerke abgeschaltet, Wehrpflicht ausgesetzt, die AfD groß gemacht, weil sie 2015 die Grenzen nicht geschlossen und Hunderttausende Geflüchtete ins Land gelassen hat. Von ihrer restriktiven Corona-Politik ganz zu schweigen. Statt Merkels Verdienste um Deutschland und die CDU zu loben, beschreiben viele in der Union Merkels 16-jährige Kanzlerschaft ganz offen als Makel.
Mochten die eigenen Truppen desertieren, auf einen Mitstreiter konnte sich Merkel stets verlassen: auf Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Der Ur-Grüne hat noch nie einen Hehl aus seiner Verehrung für die langjährige Regierungschefin gemacht. Er bete jeden Tag dafür, dass sie gesund bleibe, hatte Kretschmann in der Hochphase der Flüchtlingskrise erklärt. Denn, so sagte er es wenige Monate später, er könne sich niemanden vorstellen, der den Job besser mache als sie. Dass er mit solchen Aussagen die eigene Partei in Rage versetzte, gerade mit einem solchen Statement ein Jahr vor der Bundestagswahl 2017, scherte doch den grünen Landesvater aus dem Südwesten einen feuchten Kehricht.
Voller Bewunderung
Vielmehr bekräftigte er seine Bewunderung für die erste Frau im Kanzleramt, als sie dieses 2021 verließ. „Kanzlerin Angela Merkel wird uns fehlen“, sagte Kretschmann der „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“. Er werde ihre „unprätentiöse Art“ vermissen, „mit der sie sich jedem Bohei um ihr Amt entzog. Bei ihr geriet fast schon das Anticharismatische zum Charisma.“ Sie habe das Land als Lotsin erfolgreich durch die Untiefen der Zeit gesteuert und ihre Partei deutlich nach vorne gebracht.
Auch vier Jahre nach Merkels Rückzug aus der Politik hält Kretschmanns Bewunderung an. Über einen Besuch der Altkanzlerin in seinem Amtssitz, der Villa Reitzenstein, schreibt er im Mai auf Facebook von einem „besonderen Austausch, geprägt von gegenseitigem Respekt und langjähriger Vertrautheit“. Nur bei Klima und Umwelt haperte es, hatte er ihr einst bescheinigt. Ein Wildbienenhotel fürs Kanzleramt, das er ihr 2018 schenkte, nahm sie mit sichtbarer Skepsis entgegen.
Höchste Ehre
Am Dienstag legt er nach: Kretschmann verleiht Merkel die Staufermedaille in Gold, die höchste Auszeichnung des Landes Baden-Württemberg, über die allein der Ministerpräsident entscheidet. Mehr Wertschätzung geht nicht.