Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel „Mega geil, dass ihr hier seid!“ – Die Linke mit Heidi Reichinnek im Landtagswahlkampf

Heidi Reichinnek ist eine prominente Unterstützerin ihrer Parteikollegen in Rheinland-Pfalz.
Heidi Reichinnek ist eine prominente Unterstützerin ihrer Parteikollegen in Rheinland-Pfalz.

Noch nie waren die Chancen für die Linke so groß, in den Landtag einzuziehen. Unterstützung bekommen die Genossen dafür von prominenten Parteifreunden aus Berlin.

Die neue Parteizentrale der rheinland-pfälzischen Linken ist eine Kampfansage. Am Mainzer Rheinufer gelegen, haben die Genossen der Linkspartei zu Jahresbeginn ihre neue Landesgeschäftsstelle bezogen – zwei Häuser neben der CDU. Vom Bürgersteig kann man direkt auf den Mainzer Landtag schauen. Die Ambitionen sind klar: Nach fast 30 Jahren außerparlamentarischer Opposition in Rheinland-Pfalz will es die Linke am 22. März endlich in den Landtag schaffen.

Die Stimmung unter den Parteimitgliedern ist gelöst, als sie sich Anfang Januar in ihrer neuen Landesgeschäftsstelle versammeln. Sie drängen sich durch die Räume des schicken Altbaus, es gibt Häppchen und Sekt zum Anstoßen. Der Altersdurchschnitt dürfte an diesem Abend – grob geschätzt – unter 30 liegen. Die Partei hat zum Neujahrsempfang geladen und stellt ihre Plakatkampagne für den Landtagswahlkampf vor.

Klarer Fokus auf Soziales: Die Linke setzt im Wahlkampf auf Themen wie Miete, Lebenshaltungskosten und die Gesundheitsversorgung
Klarer Fokus auf Soziales: Die Linke setzt im Wahlkampf auf Themen wie Miete, Lebenshaltungskosten und die Gesundheitsversorgung.

Die Grabenkämpfe sind vorbei

Eine gut gelaunte Spitzenkandidatin Rebecca Ruppert (37) tritt vor die Parteimitglieder. Vor einem Jahr sei die Partei bei drei Prozent gestanden, erinnert Ruppert ihre Mitstreiter. Als die Partei sich von ihrer ehemaligen Galionsfigur Sara Wagenknecht trennte und diese ihre eigene Partei BSW gründete, lag die Partei am Boden. Niemand traute der Linken noch etwas zu. Dann startete die Partei ihr fulminantes Comeback und holte bei der Bundestagswahl stattliche 8,8 Prozent.

„Weil wir seit anderthalb Jahren einen Plan haben. Wir sind an die Haustüren gegangen und haben aus diesen Gesprächen unsere politischen Forderungen abgeleitet“, resümiert Ruppert die Erfolge der vergangenen Monate. Was sie damit meint: Seit Monaten fokussiert die Partei ihren Kurs klar auf soziale Kernthemen wie die Gesundheitsversorgung im Land, die Lebenshaltungskosten und vor allem die steigenden Mieten. Man tritt dabei als Zuhörer und Kümmerer auf. Mit der Mietwucher-App geht die Partei bereits seit Monaten auch in Städten wie Ludwigshafen, Mainz und Koblenz auf Tour und klopft an Haustüren. Man wolle damit Menschen ermutigen, von ihrem Vermieter zu hoch kassierte Mieten einzuklagen, heißt es von Seiten der Partei.

Prominente Rückendeckung aus Berlin

Schützenhilfe bekommen Ruppert und ihre Mitstreiter im Wahlkampf aus der Berliner Parteizentrale und vor allem von prominenten Parteigenossen. Unter ihnen sind mit Gregor Gysi, Dietmar Bartsch und Bodo Ramelow die berühmten Silberlocken. Aber auch die beiden Fraktionsvorsitzenden Jan van Aken und Heidi Reichinnek kamen in den vergangenen Monaten mehrfach nach Rheinland-Pfalz. Denn hier galt die Linke jahrzehntelang als Zwergenpartei neben den übermächtigen Sozialdemokraten. Fast alle Kandidatinnen und Kandidaten sind Neulinge ohne politisches Gewicht. Ruppert, die sich immer wieder selbst scherzhaft als alten Hasen in der rheinland-pfälzischen Linken bezeichnet, trat 2020 in die Partei ein. In der Landespolitik gilt sie bisher als unbeschriebenes Blatt.

„Seit anderthalb Jahren einen Plan“: Spitzenkandidatin Ruppert über die Ambitionen ihrer Partei in Rheinland-Pfalz.
»Seit anderthalb Jahren einen Plan«: Spitzenkandidatin Ruppert über die Ambitionen ihrer Partei in Rheinland-Pfalz.

Ganz anders verhält es sich mit Heidi Reichinnek. Die 37-Jährige verkörpert wie kaum eine andere den Aufstieg der Linken in den vergangenen zwölf Monaten. Mit markigen Sprüchen und einer dicken Prise Populismus sorgt Reichinnek, Co-Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, in Talkshows und im Parlament immer wieder für Aufsehen. Über eine halbe Million Menschen folgen ihr inzwischen auf Instagram und machen sie zu einem der politischen Schwergewichte, wenn es darum geht, junge und ganz besonders weibliche Wählerinnen zu erreichen. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass viele der neuen Wahlkampfplakate zur Landtagswahl auch mit Reichinneks Gesicht werben. Heidi zieht. Das hat man in der Partei verstanden.

Politik für Instagram und Tiktok

Ortswechsel. Ein verregneter Dienstagabend Mitte Februar in der Trierer Stadtmitte. Die Partei hat in einen Konferenzsaal zum Gespräch mit Reichinnek eingeladen. „Wir wollen Heidi sehen“, sagen zwei junge Frauen, die ihr Politikidol einmal live sehen möchten. Beide sind noch Schülerinnen, wollen aber in den kommenden Jahren in Köln studieren. Vor allem das Thema Miete treibe sie um. Beide bezeichnen sich als links. Politik findet bei ihnen vor allem auf Tiktok und Instagram statt. Die Veranstaltung dokumentieren sie mit ihren Handys – so wie viele andere der jungen Menschen, die heute nach Trier gekommen sind. Vor den Türen wird die Schlange immer länger. Knapp 250 Zuschauer passen in den Saal. Fast genauso viele müssen wieder nach Hause geschickt werden, weil es für sie keinen Platz mehr gibt.

Heidi zieht: Volles Haus bei einer Wahlkampfveranstaltung in Trier mit Heidi Reichinnek.
Heidi zieht: Volles Haus bei einer Wahlkampfveranstaltung in Trier mit Heidi Reichinnek.

„Mega geil, dass ihr alle hier seid!“

Kurz darauf betritt Reichinnek unter Applaus den Saal. „Zuerst einmal will ich mich bei euch allen bedanken“, beginnt Reichinnek. Vor zwei bis drei Jahren wäre man bei der Linken vermutlich froh gewesen, wenn zu so einem Abend zehn bis 20 Personen gekommen wären, sagt Reichinnek. „Mega geil, dass ihr alle hier seid!“ Es folgt eine Stunde Heidi hautnah. Mit der Moderation und dem Publikum kommt Reichinnek schnell ins Plaudern. Es geht um Menstruation, Musik, Netflix-Serien oder mentale Gesundheit. Als eine Zuschauerin das Mikrofon in die Hand bekommt, sagt sie: „Oh mein Gott Heidi! Es ist wie beim Konzert.“ Daraufhin springt Reichinnek auf und hüpft zu der Zuschauerin und knuddelt sie. Wahlkampf als Happening.

Um Politik soll es an diesem Abend auch noch gehen. Viele der Zuhörer bringen Fragen aus ihrem Alltag mit. Über mangelnde Therapieplätze bei psychischen Erkrankungen oder darüber, dass die Mitschüler nun zur Musterung bei der Bundeswehr müssen. Immer wieder heißt es dann: „Heidi, was würdet ihr tun?“ Für Reichinnek und ihre Moderatoren ist klar: Es liegt häufig am fehlenden Geld für soziale Themen und daran, dass vor allem der Staat zu wenig von den reichsten Deutschen abkassiert. Es gebe daher kein sinnvolles Argument gegen eine Vermögenssteuer. Denn für Aufrüstung sei ja auch genug Geld da. „Dass die Menschen einfach das zum Leben haben, was sie brauchen, das ist doch nicht linksradikal“, findet Reichinnek. Über das Krankenhaussterben vor allem im nördlichen Rheinland-Pfalz sagt sie: „Es schließen Krankenhäuser, weil sie nicht genügend Profit machen. Wie krank ist das denn?“

Und selbst als die Diskussion kurz den verurteilten Sexualstraftäter und Menschenhändler Jeffrey Epstein streift, ist das Urteil klar: „Reiche Menschen tun grausame Dinge und irgendwie gibt es für sie keine Konsequenzen.“ Zum Schluss hat Reichinnek noch eine Botschaft für alle Anwesenden: „Lasst euch nicht unterkriegen!“

Zur Person

Rebecca Ruppert (37) ist Spitzenkandidatin der Linken für die kommende Landtagswahl. Die Mainzerin trat 2020 in die Partei ein, nachdem sie in der Corona-Pandemie zum ersten Mal in ihrem Leben ihren Job bei einer Krankenkasse verlor und arbeitslos war, wie sie gegenüber dieser Zeitung berichtet. Der Aufstieg in der Landespartei verlief für Ruppert schnell: 2023 Einzug in den Landesvorstand und 2024 bereits Landesvorsitzende.

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