Afrika Machtkampf im Sudan: Der vergessene Krieg

Rauch über Khartum: Sechs Monate nach Ausbruch des Machtkampfs im Sudan wird das Leben in dem nordostafrikanischen Land immer sc
Rauch über Khartum: Sechs Monate nach Ausbruch des Machtkampfs im Sudan wird das Leben in dem nordostafrikanischen Land immer schwieriger.

Von anderen Konflikten aus den Schlagzeilen verdrängt, tobt der Krieg im Sudan schlimmer denn je. Große Teile der Bevölkerung leiden Hunger.

Auch ein halbes Jahr nach dem Ausbruch des Kriegs zwischen den sudanesischen Streitkräften und der Miliz „Rapid Support Forces“ (RSF) haben die Kämpfe in dem nordostafrikanischen Staat nicht nachgelassen. Sie nehmen im Gegenteil an Intensität zu. Nachdem die RSF-Miliz die Hauptstadt Khartum weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht hat, rücken deren Kämpfer derzeit in Richtung Süden in die Gezira-Provinz vor: Sie gilt als Kornkammer des Sudans, in die Tausende Bewohner der Hauptstadt geflohen sind.

In Khartum hält die reguläre Armee nur noch einzelne Stützpunkte. Die Stadt sei fast völlig zerstört, sagt Nathaniel Raymond, Konfliktbeobachter an der US-Universität Yale. Kürzlich kam erstmals auch der außerhalb Khartums gelegene Militärflugplatz unter Beschuss der RSF-Miliz, von dem aus die Streitkräfte ihre Angriffe fliegt. Anscheinend verfügen die Milizionäre inzwischen über großkalibrige Artillerie, die ihnen möglicherweise von der russischen Wagner-Truppe geliefert wurde.

700.000 unterernährte Kinder

Nachdem Streitkräftechef Abdel Fattah al-Burhan vier Monate lang von der RSF-Miliz umzingelt in seinem Hauptquartier in Khartum ausgeharrt hatte, verließ Sudans De-facto-Staatschef Ende August die Hauptstadt, um sich in der Hafenstadt Port Sudan niederzulassen. Von dort trat er jüngst mehrere Auslandsreisen an. Zumindest in Ägypten soll sein Werben um Unterstützung erfolgreich gewesen sein: Die dortige Regierung habe ihm die Lieferung türkischer Kampfdrohnen versprochen.

Von den Ereignissen im Nahen Osten inzwischen überschattet, kamen im Sudan in den vergangenen sechs Monaten nach UN-Angaben weit mehr als 9000 Menschen ums Leben. Über sieben Millionen Menschen – mehr als derzeit irgendwo anders auf der Welt – wurden vertrieben; 25 Millionen sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Dabei erreichen Hilfsorganisationen große Teile des Landes gar nicht. Außerdem gibt es Klagen über Finanzlücken: Von den umgerechnet 2,5 Milliarden Euro, die in diesem Jahr für nötig erachtet werden, sei nur ein Drittel geflossen. 700.000 Kinder seien ernsthaft unterernährt, so das Kinderhilfswerk Unicef.

Ethnisch Säuberungen

Der Sudan erlebe derzeit einen der schlimmsten Albträume der Zeitgeschichte, so der UN-Nothilfekoordinator Martin Grif: „Die schrecklichen Berichte über Vergewaltigungen und andere Akte sexueller Gewalt nehmen kein Ende.“ Vor allem in Khartum, den Darfur-Provinzen und in der Provinz Kordofan seien in den vergangenen sechs Monaten „unzählige Leben sinnlos zerstört worden“, klagt auch Tigere Chagutah, Ostafrika-Direktor von Amnesty International.

Die schlimmsten Vorkommnisse werden aus Darfur gemeldet. Dort seien die RSF-Milizionäre in ethnische Säuberungen verwickelt, sagte Großbritanniens Afrika-Minister Andre Mitchell. Seiner Erkenntnis zufolge wurden dort im vergangenen halben Jahr mindestens 68 Dörfer zerstört; in den meisten Fällen werden die arabischen RSF-Milizionäre dafür verantwortlich gemacht. Bei den Opfern handelt es sich vorwiegend um Angehörige des Volks der Massalit.

Verpasste Chance

Zu ähnlichen Pogromen kam es in Darfur bereits vor 20 Jahren. Damals wurden mindestens 300.000 Menschen getötet worden, wofür der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag in erster Linie den sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir verantwortlich macht. Dieser wurde wegen Kriegsverbrechen und Völkermord angeklagt. Nach der sudanesischen Revolution vor vier Jahren wurde al-Baschir verhaftet. Ob er sich noch immer hinter Gittern befindet oder insgeheim freigelassen wurde, ist unklar.

Nach der Entmachtung des Autokraten im April 2019 erklärte sich Sudans Militär zunächst zur Demokratisierung des Landes bereit. 18 Monate später putschte jedoch Militärchef al-Burhan gemeinsam mit dem Chef der RSF-Miliz, Mohamed Hamdan Daglo, die zivile Übergangsregierung wieder aus dem Amt. Ein weiteres Jahr später zerstritten sich beide über die Frage der Integration der RSF-Miliz in die Armee – und liefern sich seit Mitte April dieses Jahres in mehreren Teilen des Landes blutige Gefechte.

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