Sudan RHEINPFALZ Plus Artikel Der Krieg der Generäle: „In den Straßen liegen Leichen“

Zigtausende Sudanese sind vor den Kampfhandlungen in Nachbarstaaten wie etwa Ägypten geflohen.
Zigtausende Sudanese sind vor den Kampfhandlungen in Nachbarstaaten wie etwa Ägypten geflohen.

Seit einem Monat tobt im Sudan der Machtkampf zwischen Armee-Chef Al-Burhan und dem Befehlshaber der paramilitärischen RSF-Miliz, Dagalo. Die Not im dem afrikanischen Land wächst, und ein Ende der Gewalt ist nicht abzusehen.

Khartum, einen Monat nach Kriegsbeginn. Über dem Suk in Omdurman schwillt eine riesige schwarze Wolke in den Himmel. Düsenjäger der Luftwaffe haben den Markt in Brand geschossen. Die Straßen der sudanesischen Hauptstadt sind menschenleer, nur die Pick-ups der Rapid Support Forces (RSF) patrouillieren. Die Milizionäre pflegen Geschäfte zu plündern und sich in Wohnungen einzunisten. Mehr als eine halbe Million Menschen sind inzwischen aus der Stadt geflohen. Wer zurückbleibt, verschanzt sich in einem der Straße abgewandten Zimmer, um nicht von einem Querschläger getroffen zu werden. Dunkel ist es ohnehin, weil der Strom schon seit Wochen wegbleibt. Auch Wasser gibt es in vielen Stadtteilen nicht mehr.

Azhaar Sholgami sucht jemanden, der ihre Großmutter bestatten kann. Die liegt schon seit Tagen tot in ihrer nahe dem Hauptquartier der Streitkräfte gelegenen Wohnung. Die benachbarte türkische Botschaft hat die in New York lebende Enkelin informiert. Weil die Kämpfe zwischen Regierungssoldaten und Milizionären zu heftig seien, habe noch niemand den Leichnam bergen können, berichtet die Enkelin.

Eigentlich sollte die von den beiden Kriegsparteien vergangene Woche unterzeichnete „Dschidda-Vereinbarung“ dafür sorgen, dass zumindest derartige Tragödien vermieden werden. Doch von humanitären Korridoren fehlt in Khartum noch immer jede Spur, von einem Waffenstillstand ganz zu schweigen.

Geschäfte und Banken sind geplündert

Mehr als 1000 Zivilisten sind den Kämpfen nach Angaben des sudanesischen Ärztekomitees bereits zum Opfer gefallen – fast alle in Khartum oder in den Darfur-Provinzen im Westen des Landes. „In den Straßen liegen Leichen“, berichtet der Afrika-Direktor des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, Patrick Youssef, aus der Hauptstadt des Landes. „Die meisten Krankenhäuser sind geschlossen.“ Sie haben meist keinen Strom, kein Wasser und keine Medikamente mehr. Von mehreren Hospitälern haben auch die Milizionäre Besitz ergriffen. Geschäfte und Banken sind geplündert, Geldautomaten aufgebrochen; das Container-Terminal Soba im Süden Khartums ist bis aufs Fundament verwüstet.

Unter den Toten befindet sich auch Prominenz: Sudans erste Schauspielerin, die 80-jährige Asia Abdelmajid, kam auf der Straße im Kreuzfeuer ums Leben, ebenso der 72-jährige ehemalige Fußballstar Fozi el-Mardi und seine Tochter. Shaden Gardood, eine der bekanntesten sudanesischen Sängerinnen, fand vor ihrer Wohnung nahe der staatlichen Fernsehanstalt in Omdurman den Tod. „Wir sind seit 25 Tagen in unserem Haus eingeschlossen“, hatte die 37-Jährige kurz zuvor auf Facebook geschrieben. „Wir sind hungrig und haben schreckliche Angst. Aber wir haben noch unseren Anstand und unsere Moral.“ Eine Anspielung auf die wegen ihrer mangelnden Disziplin berüchtigten Milizionäre. Die Lage werde täglich schlimmer, sagt ein 37-jähriger Süd-Khartumer einer Nachrichtenagentur: „Die Bevölkerung wird immer ängstlicher, weil die Kämpfer beider Seiten immer brutaler vorgehen.“

Kein Interesse an einer Verständigung

Derweil gehen in der saudi-arabischen Hafenstadt Dschidda die Gespräche zwischen Abgesandten der Kriegsparteien weiter. Nach der – nicht eingehaltenen Vereinbarung – über die humanitäre Korridore soll es nun, nach bereits fünf anderswo fehlgeschlagenen Versuchen, auch um einen Waffenstillstand gehen.

Fachleute bezweifeln, dass die beiden Generäle überhaupt Interesse an einer Verständigung haben. Beide seien überzeugt davon, dass sie den Krieg für sich entscheiden können. Streitkräftechef Abdel Fattah Al-Burhan verfügte jetzt das Einfrieren sämtlicher Konten, die mit der RSF-Miliz in Verbindung gebracht werden: Sein Gegenspieler Mohamed Hamdan Dagalo (alias Hemeti) gilt wegen seiner Ausplünderung der Goldminen in Darfur als einer der reichsten Männer des Landes. Hemeti kündigte im Gegenzug die Exekution al Burhans durch Erhängen auf einem öffentlichen Platz in Khartum an, sollte er ihm in die Hände fallen.

Unterdessen droht sich der Krieg auch auf andere Landesteile (wie die im Süden gelegenen Kordofan-Provinzen) und womöglich sogar auf die Nachbarstaaten auszuweiten. Zigtausende Sudanesen sind vor allem in den Tschad und nach Südsudan geflohen sowie in den Norden nach Ägypten. Die Belastung könnte die beiden schwächelnden Nationen vollends aufreiben. Auch die beiden Staatsruinen Libyen und die Zentralafrikanische Republik sind in den Krieg der Generäle schon verwickelt, durch Treibstoff- und Waffenlieferungen. Fachleute befürchten, dass aus dem Sudan ein zweites Syrien oder Somalia werden könnte.

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