Arbeitsrechte RHEINPFALZ Plus Artikel EU-Einigung auf mehr Rechte für Beschäftigte von Uber und Co blockiert

Bislang sind etwa Fahrradkuriere auf dem Papier häufig selbstständig und damit nicht über ihren Arbeitgeber sozialversichert.
Bislang sind etwa Fahrradkuriere auf dem Papier häufig selbstständig und damit nicht über ihren Arbeitgeber sozialversichert.

Millionen Menschen arbeiten für Online-Plattformen. Die EU will diese Arbeitnehmer besser gegen Scheinselbstständigkeit schützen, doch nun stockt das Projekt. Kritik richtet sich auch an Deutschland. Das Land habe einen großen Fehler gemacht.

Die Mitarbeiter von Online-Lieferdiensten sind aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Noch vor wenigen Tagen konnten die Beschäftigten sogenannter Plattformfirmen wie dem Fahrdienstvermittler Uber und Co. hoffen, in Zukunft mehr Rechte zu bekommen. Doch nun blockieren überraschend mehrere Länder die jüngst von Unterhändlern des Europaparlaments und der EU-Staaten erzielte Einigung. Neben dem Wortführer Frankreich erklärten auch Tschechien, Finnland, Griechenland, Ungarn, Litauen, Lettland und Schweden, sie könnten nicht zustimmen.

Geplant war, dass die betroffenen Beschäftigten unter bestimmten Bedingungen als voll angestellt gelten. Bislang sind etwa Uber-Fahrer oder Fahrradkuriere auf dem Papier häufig selbstständig und damit unter anderem nicht über ihren Arbeitgeber sozialversichert. Nach den neuen Vorschriften sollten Betroffene rechtlich den gleichen Status wie regulär angestellte Arbeitnehmer haben, sobald zwei von fünf Kriterien erfüllt sind.

Anzahl steigt rapide an

Dazu gehören das Lohnniveau, festgelegte Regeln für die Arbeitskleidung, elektronische Erfassung durch den Arbeitgeber, eine eingeschränkte Wahlfreiheit bei den Arbeitszeiten und kaum oder keine Möglichkeit, für andere Arbeitgeber zu arbeiten. Es soll auch verboten werden, dass Mitarbeiter auf Grundlage der Ergebnisse eines Computerprogramms entlassen werden. Entsprechende Entscheidungen müssen mit menschlicher Aufsicht getroffen werden.

Die Regelung war auch angestoßen worden, weil die Anzahl der Plattformarbeiter seit Jahren rapide ansteigt. Mehr als 30 Millionen Menschen in der EU arbeiten für solche Online-Dienste, bis 2025 könnte ihre Anzahl auf mehr als 40 Millionen ansteigen. Rund 5,5 Millionen von ihnen sind nach Einschätzung der EU-Kommission fälschlicherweise selbstständig beschäftigt. Dabei geht es auch um sehr viel Geld. Zwischen 2016 und 2020 verfünffachten sich die Einnahmen in der Plattformwirtschaft annähernd, von schätzungsweise drei Milliarden Euro auf rund 14 Milliarden Euro.

Empört auf die Blockade reagierte der CDU-Sozialpolitiker Dennis Radtke. „Es geht um den Schutz vor Ausbeutung und um Fairness im Wettbewerb“, erklärte der Europaparlamentarier. „Geschäftsmodelle, die nur funktionieren, weil man Menschen via Scheinselbstständigkeit den Zugang zu Mindestlohn und Sozialversicherung verwehrt, braucht kein Mensch.“ Er sieht nun eines „der wichtigsten Projekte der EU in diesem Jahrzehnt“ in Gefahr und richtet auch schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung, die sich in diesem Fall der Stimme enthalten hat.

Lieferando begrüßt Angleichung

In dasselbe Horn stößt Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall: „Die Bundesregierung hat heute mit ihrer Enthaltung zum Richtlinienentwurf der EU zur Regulierung von Plattformarbeit einen wichtigen Schritt versäumt, um die Arbeitsbedingungen von Millionen Menschen in Europa zu verbessern. Das ist ein großer Fehler.“

Zuletzt hatte vor allem die französische Regierung gegen die geplante Regelung Front gemacht. Arbeitsminister Olivier Dussopt erklärte, die Einigung weiche von der Fassung ab, auf die sich die Minister im Juni verständigt hatten. Paris könne nicht einer Reform zustimmen, „die massive Umgruppierungen“ bei den Arbeitsverhältnissen zulasse – inklusive von Beschäftigten, die gern als Selbstständige arbeiteten. Frankreich vertritt in diesem Fall einen eigenen Einsatz. Es befürwortet die Selbstständigkeit, allerdings mit zusätzlichen Arbeitsrechten und einem verstärkten „sozialen Dialog“.

Die Arbeitsverhältnisse sind allerdings nicht bei allen Plattformanbieter gleich. So betont etwa der Lieferdienst Lieferando, dass seine Kuriere direkt bei dem Unternehmen angestellt seien. Die Firma würde die nun blockierten neuen Regeln als Angleichung der Wettbewerbsbedingungen begrüßen. Die ursprüngliche Übereinkunft vom 13. Dezember muss nun neu mit dem EU-Parlament verhandelt werden.

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