Glosse Einheitsdenkmal: Steht die Wippe auf der Kippe?
Ästhetisch eine Zumutung und ein Beispiel für platte Symbolik – so lästerte jüngst der Soziologe Harald Welzer über „das Ding“, das gemeinhin Einheitsdenkmal genannt wird. Dessen Bau vor dem Berliner Stadtschloss in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligem DDR-Staatsratsgebäude wurde 2007 vom Bundestag erstmals beschlossen, kurz danach verworfen, dann 2017 nach zwei Wettbewerben erneut auf den Weg gebracht. Seitdem stiegen nicht nur die Kosten, sondern verschob sich auch verlässlich die Fertigstellung.
Nun hat das Stahlbau-Unternehmen aus Bielefeld, das für die ausgeklügelte Konstruktion des Denkmals verantwortlich ist, Antrag zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Der Geschäftsbetrieb mit aktuell 41 Mitarbeitern soll jedoch in vollem Umfang zunächst weitergeführt werden. Doch in Berlin fragt man sich, ob da die nächste architektonische Pleite droht – der Pannen-Flughafen BER lässt grüßen.
Wippe soll Demokratie erfahrbar machen
Das Konzept der 50 mal 18 Meter großen Konstruktion unter dem Titel „Bürger in Bewegung“ sieht eine riesige begehbare Schale vor. Bewegen sich ausreichend viele Menschen zu einer Seite, neigt sich die Waage entsprechend. So kann Demokratie erfahrbar werden. Ursprünglich sollte die Wippe – auch „soziale Skulptur“ genannt – schon 2019 zum 30. Jahrestag des Mauerfalls den Platz vor dem Schloss zieren.
Doch – naja, es gab da ein paar Probleme. Zunächst wollte man ein historisches Bodenmosaik erhalten, das am Standort des Denkmals unterhalb der Straßendecke in einem Gewölbe gefunden wurde, auf dem einst ein Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal errichtet war. Dann entdeckte man in den Gewölben zwei streng geschützte Wasserfledermausarten, die dort ihr Winterquartier eingerichtet hatten. Naturschützer schlugen Alarm. Die Population wurde inzwischen umgesiedelt. Deshalb verstrich auch der nächste angepeilte Eröffnungstermin im Oktober 2022.
Die Baukosten steigen ...
Im November vorigen Jahres dann die Hiobsbotschaft: Die Fertigstellung des Einheitsdenkmals ist aus Sicht des Generalunternehmers ohne zusätzliche Finanzspritze des Bundes gefährdet. Es geht um einen Zuschlag von 2,5 Millionen Euro auf die vom Bundestag freigegebenen Mittel von gut 17 Millionen Euro. Die Begründung: massive Baukostensteigerung plus Inflation. Steht die Einheitswippe nun auf der Kippe? Das zuständige Architektenbüro aus Stuttgart ist trotz aller Hindernisse zuversichtlich: Es gebe einen anderen Stahlbauer, der die Arbeiten fortsetzen könnte. Die Stahlschale sei zu 85 Prozent fertig. Das Projekt soll noch in diesem Jahr zum 35. Jubiläum des Mauerfalls abgeschlossen werden.
Und weil das alles so super lief, hat man mit Bundesmitteln nun auch einen Wettbewerb für ein Einheitsdenkmal in Leipzig ausgeschrieben. 2025 soll die Grundsteinlegung sein. Das ist jedenfalls der Plan.