Baden-Württemberg RHEINPFALZ Plus Artikel Die Wucht der Zahlen am Abend der Landtagswahl

Hat gut lachen: der Grüne Winfried Kretschmann. Er ist der alte und mutmaßlich auch der neue Ministerpräsident von Baden-Württem
Hat gut lachen: der Grüne Winfried Kretschmann. Er ist der alte und mutmaßlich auch der neue Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

In der CDU Baden-Württembergs war ein schlechtes Abschneiden bei der Landtagswahl erwartet worden. Doch so schlecht? Umgekehrt haben sich die politischen Verhältnisse im Südwesten nun komplett zu Gunsten der Grünen verändert. Um doch noch an der Macht zu bleiben, reaktivieren die Schwarzen einen zuvor Verschmähten.

Um 17.45 Uhr gibt Grünen-Landtagsfraktionschef Andreas Schwarz schon mal Anweisungen für die Siegerfotos. „Mit Abstand, mit Maske!“, mahnt er das Dutzend grüner Abgeordneter, das sich im zweiten Stock des Stuttgarter Landtags zusammengefunden hat. Bei der ersten Hochrechnung solle jemand „Stop counting!“ – „Nicht mehr zählen!“ – rufen, flachst der scheidende grüne Umweltminister Franz Untersteller. Eine Anspielung auf die US-Präsidentschaftswahl im November 2020, wo Amtsinhaber Donald Trump genau dies verlangte.

Als Punkt 18 Uhr die erste Hochrechnung über die Bildschirme flimmert, brandet Jubel auf. Eine halbe Stunde später wendet sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann (72) per Live-Stream an Partei und Öffentlichkeit. Er werde die Aufgabe mit großer Freude und Dankbarkeit annehmen, sagt er mit einem Strahlen im Gesicht. Das dritte Mal Ministerpräsident, den Abstand zur einstmals tonangebenden CDU noch vergrößert – er und seine Grünen sind die großen Gewinner dieser Wahl.

Ein Stück weit erleichtert

Zur gleichen Zeit absolviert Susanne Eisenmann (56) bereits einen Interview-Marathon. In die Kameras hinein wiederholt die CDU-Spitzenkandidatin und Kultusministerin, was sie zuvor im CDU-Präsidium gesagt hat: dass sie die Verantwortung für die desaströse Niederlage übernehme; dass sich der Landesverband aber auch fragen müsse, warum er seit zehn Jahren immer mehr an Zustimmung bei den Wählern verliere. Sie wirkt müde, aber auch ein Stück weit erleichtert, dass es jetzt vorbei ist. Politisch steht sie vor dem Aus, ihre Partei liegt am Boden – sie und ihre CDU sind die großen Verlierer dieses Abends.

Jubel hier, Entsetzen dort. Gegensätzlicher könnten die Gefühlslagen nach fünf gemeinsamen Regierungsjahren nicht sein. In den Umfragen hatten sich die gegensätzlichen Trends bereits abgezeichnet. Aber wenn die Prognosen am Wahlabend Realität werden, haben die Zahlen eine ganz andere Wucht.

Auf Kretschmann zugeschnitten

Für den Grünen-Politiker Kretschmann ist seine letzte Spitzenkandidatur die erfolgreichste. Als Corona-Krisenmanager war er in den Monaten vor der Wahlentscheidung in den Medien omnipräsent. Im Wahlkampf orientierten sich die Grünen an ihrer Kampagne, wie sie sie 2016 strickten: maximale Ausrichtung auf die Person Kretschmann plus Anleihen an die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). In der Flüchtlingskrise hatte der Katholik Kretschmann öffentlich bekannt, dass er für Merkel bete. Nun, in der Corona-Krise, wirbt er mit einem Merkel-Satz für sich: „Sie kennen mich.“

Wie dagegen ankommen? Susanne Eisenmann war mit großen Hoffnungen und noch größeren Erwartungen in diesen Wahlkampf gestartet. Erst die Fraktion und dann auch die Partei hatten darauf gesetzt, dass sie den Grünen mehr entgegenzusetzen habe als CDU-Landeschef Thomas Strobl, dem sie die Spitzenkandidatur abgetrotzt hatte. Und noch bis Ende 2020 hatte es gar nicht so schlecht ausgesehen. Dann kam der Streit um das richtige Tempo bei den Schulöffnungen, Eisenmann setzte alles auf eine Karte – und überreizte dabei offenbar. Sie wollte an einer Öffnung festhalten, egal, wie die Ansteckungszahlen aussahen.

Das Direktmandat verloren

Den Endspurt haben ihr dann noch die Maskendeals und fragwürdigen Aserbaidschan-Geschäfte von Parteifreunden verhagelt. Vollends bitter: Selbst den Kampf ums Direktmandat im Wahlkreis Stuttgart II verliert Eisenmann deutlich – ausgerechnet gegen den grünen Verkehrsminister Winfried Hermann, das langjährige Feindbild der Südwest-CDU.

2011 haben die Grünen die CDU aus der Regierungszentrale vertrieben, 2016 sind sie erstmals stärkste Kraft im Land geworden. 2021 nun haben die Grünen ihre Vormachtstellung sogar noch ausgebaut: Das einstige Stammland der CDU ist zur Hochburg der Grünen geworden. Selbst im ländlichen Raum, der letzten verbliebenen Domäne der Schwarzen, haben die Grünen bei dieser Wahl reihenweise Direktmandate geholt. Binnen 15 Jahren haben sich die politischen Verhältnisse im Ländle komplett umgedreht.

Das Heil in der Opposition suchen?

Kretschmann ist nun in einer sehr komfortablen Situation, er kann sich seine Partner aussuchen. Ab Mittwoch wollen die Grünen mit allen Parteien – außer der AfD – sondieren. Kretschmann werden Präferenzen für eine Neuauflage von Grün-Schwarz nachgesagt. In der grünen Partei gibt es aber nicht wenige, die gegen eine Fortsetzung sind.

Am deutlichsten artikuliert die Landeschefin der Grünen Jugend, Sarah Heim, die Kritik: „Wir können es uns nicht mehr erlauben, weiter mit einer CDU zu regieren, die für ihre Visionslosigkeit abgestraft worden ist.“ Die CDU wiederum muss sich entscheiden, ob sie als noch kleinerer Juniorpartner der Grünen weiter mitregieren will – oder ob sie ihr Heil in der Opposition sucht. In der Hoffnung, dort vielleicht die Regeneration zu schaffen.

Beste Drähte zu den Grünen

In den Führungsgremien der CDU ist man sich indes einig, dass man unbedingt weiterregieren müsse. Allein schon, um nicht in Verlegenheit zu kommen, mit der AfD in einen Wettstreit um die lauteste Kritik an der nächsten Koalition treten zu müssen. Die FDP wie die SPD buhlen bereits nach Kräften darum, mit den Grünen die nächste Regierung zu bilden.

Im CDU-Präsidium soll Landeschef Thomas Strobl (der seinen Wahlkreis Heilbronn mit 23,0 Prozent der Stimmen ebenfalls nicht erobern konnte) mit dem Verhandlungsmandat für die Sondierungsgespräche mit den Grünen ausgestattet werden. Dem bisherigen Stellvertreter von Ministerpräsident Kretschmann werden die besten Drähte zu den Grünen nachgesagt.

Als es einst um die Frage ging, wer die CDU als Spitzenkandidat in die Landtagswahl führen solle, wurde Strobls Nähe zu Kretschmann in der Partei noch als Nachteil gesehen. Nun gilt Strobl als letzte Hoffnung, der CDU wenigstens den Zugang zur Macht zu erhalten.

Der Blick geht nach unten: Susanne Eisenmann, die als CDU-Spitzenkandidatin ein historisch schlechtes Wahlergebnis eingefahren h
Der Blick geht nach unten: Susanne Eisenmann, die als CDU-Spitzenkandidatin ein historisch schlechtes Wahlergebnis eingefahren hat.
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