Verteidigung
Cyberangriffe rund um die Uhr: Bundeswehr rüstet sich für den Weltraum
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) machte im September 2025 in Berlin öffentlich, wie Deutschlands Sicherheit auch im Weltraum bedroht wird. Damals verfolgten zwei russische Aufklärungssatelliten zwei Kommunikationssatelliten, die auch von der Bundeswehr genutzt wurden.
Der Minister wies dabei auch darauf hin, dass vor Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine ein russischer Cyberangriff auf das Satellitennetzwerk ViaSat nicht nur große Teile der Kommunikation in der Ukraine lahmgelegt, sondern auch die Betriebssteuerung von knapp 6000 Windrädern in Deutschland massiv eingeschränkt hat.
Die Bundeswehr spricht von einem „tiefgreifenden Wandel in der Kriegsführung“. Das Gefechtsfeld rücke immer stärker in den Cyber- und Informationsraum und den Weltraum. Wer diese neuen Dimensionen nicht beherrsche, gerate im Ernstfall ins Hintertreffen. Die Bundeswehr hat deshalb neben Heer, Luftwaffe und Marine eigens eine neue, vierte Teilstreitkraft geschaffen: Seit 1. Mai 2024 gibt es den Cyber- und Informationsraum (CIR) der Truppe. 15.000 Menschen arbeiten dort, verteilt auf 25 Dienststellen in ganz Deutschland.
Störungen des Flugverkehrs
Ihr Inspekteur, also Chef des CIR, ist Vizeadmiral Thomas Daum. Er schilderte jüngst im Magazin der Bundeswehr „Y“ Beispiele für die Bedrohungslage: An der Nato-Ostgrenze und insbesondere in den baltischen Staaten seien Störungen des satellitengestützten Navigationssystems GPS an der Tagesordnung. Sie führten teilweise zum Ausfall des zivilen Flugverkehrs, auch der Schiffsverkehr sei betroffen. Die Störungen gehörten zu den hybriden Maßnahmen, die sehr wahrscheinlich von Russland ausgingen, sagte der Vizeadmiral.
Die Teilstreitkraft CIR sei bereits vor einem Spannungs- oder Krisenfall gefordert, erläuterte Daum. Zu den hybriden Aktivitäten gehörten beinahe tägliche Cyberangriffe auf deutsche Institutionen und Firmen, Stören des Truppenfunks an der Nato-Ostflanke und immer wieder Desinformationskampagnen. Im Cyberraum werde die Bundeswehr heute an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr angegriffen, so der Inspekteur CIR.
Digitale Aufklärer
Die neue Teilstreitkraft hat ein sehr breites Einsatzgebiet. Die Bundeswehr versteht unter dem Cyberraum den virtuellen Raum, in dem Menschen, Systeme und Daten weltweit miteinander verbunden sind. Der Informationsraum umfasst die Gesamtheit der Informationen, ihre Verbreitung und Verarbeitung. CIR sichert IT-Systeme, wehrt Cyberangriffe ab und klärt auf. Die Bundeswehr ist eine digitale, vernetzte Armee und für den Austausch von Daten auch auf weltraumgestützte Systeme angewiesen.
Ohne funktionierende Satellitentechnik könnte die Truppe weder sicher kommunizieren noch gemeinsam operieren. Viele militärische Operationen wären gar nicht durchführbar. Als Reaktion auf die Herausforderungen der Digitalisierung hat die Bundeswehr alle spezifischen Aufgaben und Kompetenzen zu diesem Thema in CIR gebündelt.
„Noch viel zu tun“
Der Kampf um und mit Informationen rücke in den Vordergrund und ergänze das kinetische Gefecht, sagt CIR-Inspekteur Daum, also das klassische Gefecht von Streitkräften auf dem physischen Schlachtfeld. Die Folgen für den Kampf und damit die technischen Anforderungen an die Streitkräfte seien enorm: „Nur wer schneller über die notwendigen Informationen verfügt, auf dieser Basis eher entscheiden kann, sodann schneller schießt und präziser trifft, wird in der Gefechtssituation überlegen sein.“
Die junge Teilstreitkraft hat offenbar noch einiges zu tun, um ihren vollen Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit Deutschlands leisten zu können. Die „Kriegstüchtigkeit bis 2029“ zu erreichen, sagt Vizeadmiral Daum, stehe „ganz oben auf unserer To-do-Liste“. CIR sei für die digitale Kriegstüchtigkeit der gesamten Bundeswehr verantwortlich. „Da gibt es noch viel zu tun.“
Moderne Systeme
Die Teilstreitkraft wird in den kommenden Jahre modernste Systeme für den Einsatz auf See, in der Luft und an Land erhalten. Ab 2029 sollen zum Beispiel drei neue Flottendienstboote der Klasse 424 in Betrieb gehen: „schwimmende Aufklärer“, nennt sie die Marine. Mit ihren hochmodernen elektronischen, hydroakustischen und elektro-optischen Sensoren würden Überwachung und Informationsgewinnung wesentlich verbessert.
Hinzu kommen ab 2028 drei Aufklärungsflugzeuge namens Pegasus. Die modifizierten Flugzeuge auf Basis des Langstrecken-Geschäftsjets Bombardier Global 6000 verfügen laut Bundeswehr über neueste und hoch entwickelte Sensorik zur Fernmelde- und elektronischen Aufklärung und sind zur weiträumigen Überwachung großer Gebiete fähig.
Große Investments
Zu den Aufgaben des CIR gehört auch die elektronische Kampfführung, im Bundeswehr-Jargon Eloka genannt. Ziel dabei ist es laut Bundeswehr, „im elektromagnetischen Spektrum“ gegnerische Systeme zu erkennen, zu stören oder zu täuschen und Informationen über den Gegner zu gewinnen – zugleich aber die eigenen Kommunikations- und Sensorsysteme zu schützen. Dabei kann es um Funksprüche gehen, das Steuerungssignal einer Drohne oder die Signatur eines Radars. Eingesetzt werden in spezialisierten Eloka-Bataillonen beispielsweise die Störpanzer Hummel und KWS Hornisse, beides Varianten des Transportpanzers Fuchs.
Ende 2025 hat die Bundesregierung ihre erste Weltraumsicherheitsstrategie vorgelegt und gleichzeitig angekündigt, bis 2030 35 Milliarden Euro in Weltraumsicherheit zu investieren. Für die Teilstreitkraft CIR bedeutet dies mittelfristig unter anderem einen deutlichen Aufwuchs der Satellitenflotte der Bundeswehr – von derzeit rund zehn Systemen hin zu einer hohen dreistelligen Anzahl. Bereits in diesem Jahr wird ein Teleskopsystem der Bundeswehr in Meßstetten zusätzliche Daten liefern, 2028 kommt ein Weltraumradar hinzu.
Satellitenkampf im All
Die Weltraumüberwachung wird ausgebaut, ein Satellitenbetriebszentrums aufgebaut oder Frühwarnsysteme entwickelt. Bei der Weltraumsicherheit arbeitet CIR eng mit der Luftwaffe zusammen. „Militärische Konflikte machen vor dem Weltraum nicht Halt“, sagt Generalleutnant Holger Neumann, seit Mai 2025 Inspekteur der Luftwaffe. Es sei sogar wahrscheinlich, dass dort die ersten Anzeichen beziehungsweise Angriffe aufträten. Russland und China investierten massiv in „Counter-Space-Fähigkeiten“ – also in Mittel, Satelliten auszuspähen, zu stören oder sogar zu zerstören.
„Gravierende Folgen“
2021 hat die Bundeswehr ein Weltraumkommando aufgestellt. Es hat seinen Sitz in Uedem in Nordrhein-Westfallen. Von hier plant und führt die Truppe Operationen im Weltraum. Luftwaffen-Chef Neumann: „Ein Ausfall von Satellitenkommunikation, Navigationssignalen oder Erdbeobachtung hätte gravierende Folgen für Sicherheit, Wohlstand und gesellschaftliche Stabilität.“ Im Weltraumkommando wird bewertet, was im Weltraum passiert, was sich verändert und welche Vorgänge sicherheitsrelevant sein könnten. Hier werden ungewöhnliche Bahnmanöver anderer Weltraumobjekte beobachtet, Kollisionsrisiken berechnet und mögliche Ausweichmanöver.
Während das Weltraumkommando der Luftwaffe für Weltraumoperationen zuständig ist – also für Schutz, Überwachung und Verteidigung militärischer Satellitensysteme sowie für die Weltraumlage – stellt die Teilstreitkraft CIR der Truppe Satellitenkommunikation, Aufklärung, Navigation sowie Geo- und Wetterinformationen zur Verfügung.
Tempo beibehalten?
Die Bundeswehr verfügt über eigene Kommunikations- und Aufklärungssatelliten, um weltweit wetter- und tageszeitunabhängig aufklären zu können. CIR kann auch Bedrohungen der Weltrauminfrastrukturen begegnen und im äußersten Fall, so heißt es, die gegnerische Weltraumnutzung einschränken, ohne dauerhaft für Weltraumtrümmer zu sorgen. Wie das genau geht? Streng geheim.
Die Bundeswehr hat die Verteidigungsfähigkeit auch im Weltraum noch voll ausgebaut. Luftwaffen-Inspekteur Neumann mahnt Tempo an. „Wir sind gut gestartet“, sagt er. Es müsse aber noch massiv in Sensornetzwerke, Frühwarnung, offensive und defensive Fähigkeiten im All investiert werden. „Und wir brauchen Personal – echte Weltraumprofis“, sagt der Generalleutnant. Dafür hat die Truppe vor zwei Jahren eine eigene Laufbahn „Weltraum“ geschaffen. Hier bildet die Bundeswehr ihre „Weltraumoffiziere für die Luftwaffe“ aus.