Bauernproteste
Die Demos in der Pfalz: Die gute Stimmung weicht dem Frust – eine Reportage
Die Sonne ist um 7.30 Uhr noch nicht über dem Wurstmarktplatz in Bad Dürkheim aufgegangen, aber trotzdem herrscht bereits reges Treiben. Viele Menschen in Arbeitskleidung stehen um ihre Traktoren und unterhalten sich locker. Mit über 200 Fahrzeugen soll es nach Ludwigshafen zu einer großen Kundgebung gehen. Über den Köpfen blinken die Warnleuchten der vielen Traktoren und tauchen die Szenerie in Gelb.
Polizisten und Landwirte unterhalten sich angeregt. Die Stimmung am Platz ist entspannt. Keine Selbstverständlichkeit, für viele geht es schließlich um die Existenz. Eine Protestwoche in ganz Deutschland, mit Blockaden von Autobahnen, Sternfahrten und Kundgebungen hatten die Bauernverbände angekündigt.
Trotz der Temperaturen im Minusbereich gibt es gleich beim Besteigen des Traktors Richtung Ludwigshafen von Bauer Boris Ronstadt die frohe Nachricht: Die Heizung macht ihre Arbeit und es ist angenehm warm. Er ist Fahrer des 280.000 Euro teuren Traktors, 48 Jahre alt, von unauffälliger Statur und hat kurze Haare. Er arbeitet neben seiner Beschäftigung in der Leitstelle des Rettungsdienstes als Landwirt bei Familienbetrieb Binder in Gerolsheim (Kreis Bad Dürkheim). Dort werden die Ackerflächen seit 1669 bewirtschaftet. Gleich zu Beginn betont er: „Der Familienbetrieb Binder versteckt sich nicht und steht zu diesem Protest. Deswegen findet sich auf dem Traktor auch der Name des Betriebs.“
Große Vorfreude auf den Protest
Er hat neben seinem Beruf noch die Ausbildung zum Landwirt absolviert. Dies ist ihm im Gespräch auch anzumerken. Leidenschaftlich erzählt er über die Probleme der Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft im europäischen Vergleich und es wird schnell klar: die Agrarpolitik ist ein hochkomplexes Themenfeld. Daran dockt Ronstadt auch einen großen Kritikpunkt an den getroffenen Entscheidungen an: „Die Politiker handeln oft an der landwirtschaftlichen Realität vorbei. Die vielen politischen Kurs- und Personalwechsel schaden uns.“ Zu oft gehe es bei allem zu bürokratisch zu.
Mit der aufgehenden Sonne setzt sich der lange Tross an Fahrzeugen pünktlich um 8 Uhr in Bewegung und Boris Ronstadt ist die Vorfreude deutlich anzumerken. Die Traktoren schieben sich in langsamen Tempo über die Landstraße und die Polizei regelt den Verkehr an den Abfahrten. Ronstadt grüßt die Einsatzkräfte und freut sich sehr über jedes Winken. Genauso verhält es sich bei Passanten am Wegesrand, viele von ihnen geben mit einem Daumen nach oben ihre Zustimmung zum Protest bekannt, die Bauern hupen glücklich zurück. Während draußen die Stimmung prächtig scheint, zeichnet der Landwirt im Traktor ein düsteres Bild. „Wir müssen immer mehr aus den Pflanzen herausholen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.“
Zentraler Kritikpunkt der Bauern in ganz Deutschland bleibt die Streichung der Verbilligung des Agrardiesels. Die geplante Kfz-Steuer war wieder zurückgenommen worden, was den Landwirten allerdings nicht ausreicht.
Auf der A650 fließt die kilometerlange Kolonne in Richtung Ludwigshafen und bleibt dabei konsequent auf der rechten Spur. Daher gibt es keine größeren Auswirkungen auf den Verkehr. Einige Menschen hatten sich zudem wohl im Vorfeld entschieden, ihr Auto zuhause zu lassen, denn außer den vielen Traktoren sieht man kaum andere Fahrer.
Es geht ihm nur um die Sache
Boris Ronstadt bleibt weiterhin sehr kritisch gegenüber der Politik. Es mutet fast etwas skurril an, wie er immer wieder seine Ausführungen unterbricht, um Passanten und Einsatzkräften zuzuwinken und zu hupen. Er betont: „Das ist kein Protest gegen die Bevölkerung. Wir haben alles hier angemeldet und Auflagen bekommen, denen wir auch folgen. Rettungskräfte wollen wir auf keinen Fall behindern.“
Bei einem Thema verlässt ihn etwas die sonstige Lockerheit und er wird sehr klar: „Es gibt immer einzelne Menschen, die so etwas instrumentalisieren wollen. Bei uns hängen keine Fahnen bedenklicher politischer Gruppen an den Traktoren. Es geht um die Sache. Auch Randalierer sind hier nicht willkommen.“
Die Forderung von Ronstadt und den anderen Protestierenden ist die Streichung der Agrardieselauflage. Routiniert manövriert er den Traktor auf die Abbiegespur, als er Ludwigshafen erreicht. In der Stadt bleibt es weiterhin entspannt und die Laune von Ronstadt sehr gut. „Ich bin gespannt was so passiert“, sagt er mit Blick auf die Kundgebung am Ziel und die weiteren Proteste im Laufe der Woche.
Bei den Reden kippt die Stimmung
Als die Kolonne schließlich den Platz vor der Friedrich-Ebert-Halle erreicht, stehen bereits einige Passanten vor dem Eingang des Platzes und jubeln den ankommenden Traktoren zu. Immer wieder ertönen Hupen, bereits angekommene Fahrer betrachten die einfahrenden Traktoren und auch die Presse wartet schon. Während sich der Platz mit Menschen und Fahrzeugen füllt, zieht Ronstadt strahlend ein erstes Fazit: „Die Erwartungen wurden übertroffen. Das ist toll.“ Mit Blick auf die in einer halben Stunde startende Veranstaltung kündigt er an: „Es wird jetzt etwas laut. Aber auch das gehört zum Protest dazu.“
Der offizielle Beginn der Kundgebung verzögert sich, da die Kolonne aus der Vorderpfalz noch etwas braucht und die bereits Anwesenden tun ihr Bestes, sich warm zu halten. Mehr und mehr füllt sich der Bereich vor der Bühne. Es fühlt sich eher wie ein Festival an, Bauern und Handwerker treffen sich mit Arbeitskollegen und tauschen bei mitgebrachtem Kaffee Neuigkeiten aus. Diese Stimmung kippt dann aber sehr schnell: Mitorganisator, Landwirt und CDU-Landtagsabgeordneter Johannes Zehfuß ergreift das Mikrofon und hält die erste Rede des Tages. Oft findet sich zustimmender Applaus. Mit dem Auftritt der Politiker der Regierungsparteien weicht die positive Stimmung gänzlich einer aufgeheizten. Die Bundestagsmitglieder Christian Schreider von der SPD und Armin Grau von den Grünen stellen sich den Anwesenden. Auch Johannes Steiniger von der CDU ist gekommen. Es bleibt friedlich, aber die Veranstalter müssen immer wieder darauf hinweisen, die Politiker anzuhören. Rufe wie „Hau ab“ werden gerade bei dem Grünen-Politiker Grau sehr laut. Viele Teilnehmer wirken, als sei egal was er zu sagen hat, es wird über die Rede gebrüllt. Die Menschen lassen ihrer Wut teilweise freien Lauf. Auch wenn es sich später etwas beruhigt, kommt wieder in den Sinn, was Boris Ronstadt noch im warmen Traktor eindringlich erläutert hatte: „Den Frust kann ich gut nachvollziehen. Viele können nicht mehr schlafen, weil sie nicht wissen, wie es finanziell weitergehen soll. Sowas treibt Menschen in die Verzweiflung.“