Rheinland-Pfalz
Alexander Schweitzers härteste Bewährungsprobe
Hinter der Fensterscheibe ringen drei Leute mit Handys um die Pole Position. Jeder will den besten Schnappschuss vom Geschehen hinterm Haus aufnehmen. Es ist ein Montagmorgen im Februar, und am Sportplatz in im südpfälzischen Billigheim-Ingenheim macht sich die SPD bereit für den Haustürwahlkampf.
Erste Lebensjahre auf dem Binnenschiff
Das Interesse gilt dem, der herausragt. Alexander Schweitzer (52), Ministerpräsident, Spitzenkandidat der SPD für die Landtagswahl, 2,06 Meter groß und „Bu“ aus Billigheim-Ingenheim. Dorthin ist seine Familie gezogen, nachdem die Kinder die ersten Lebensjahre mit den Eltern an Bord eines Binnenschiffs verbracht haben. Dort ging Alexander Schweitzer in den Kindergarten, wurde Messdiener. Bis 2011 habe er in Billigheim-Ingenheim gelebt, sagt er an dem winterlich klaren Morgen.
Die Südpfalz ist auch die politische Lehrwerkstatt Schweitzers. Bei Kurt Beck, dem langjährigen Ministerpräsident, lernte er darauf zu achten, dass überall Wahlplakate hängen. Das Erfolgsprinzip „Nah’ bei de Leut’“ ist ebenfalls aus der Schule Becks. Haustürwahlkampf gehört dazu. 100.000 Türen will die SPD bis zur Landtagswahl am 22. März schaffen.
Die Taschen mit Flyern und Kugelschreibern sind gepackt
Etwas mehr als ein Dutzend Wahlkämpferinnen und -kämpfer sind an diesem Tag dabei. Erwin Welsch aus Herxheim hat alles organisiert und die Taschen mit Flyern und Kugelschreibern vorbereitet. Drei Teams sollen losgehen, aber die Aufteilung gestaltet sich schwierig.
Die meisten wollen mit Alexander Schweitzer losziehen. Der Verbandsbürgermeister von Landau-Land, Torsten Blank, ist dabei und Florian Funk aus Annweiler, Schweitzers B-Kandidat. Er trägt die wärmende lila Wahlkampfmütze der SPD. Ursel Müller aus Klingenmünster geht zum ersten Mal beim Haustürwahlkampf mit. Sie gehört der SPD-AG 60 plus an und kennt viele Leute durch die Hausarztpraxis ihres Mannes. „Ich denke, ich kann hilfreich sein für Alexander“, sagt sie zuversichtlich.
Nicht in die Häuser gehen
Schweitzer, der Jeans, Sneakers und einen wollweißen Schal zur Winterjacke trägt, erklärt die Regeln. Nur einmal klingeln, kurz „Hallo“ sagen, und daran erinnern, wählen zu gehen. „Wir gehen nicht rein“, mahnt er, „sonst kommt man nicht vom Fleck“.
Für Schweitzer ist es ein Heimspiel. Fröhliche Gesichter strahlen ihn gleich an der ersten Haustür an. Es sind die drei Bewohner, die vorher mit dem Handy am Fenster waren. Natürlich gehen sie wählen, versichern sie dem Besucher. Flyer samt Kugelschreiber nehmen sie gerne.
Junger Vater muss schnell weg
Eine junge Mutter öffnet mit ihrem Kind auf dem Arm und warnt gleich vor, dass sie Essen auf dem Herd habe. „Was gibt’s?“ „Brokkoli.“ „Prima, wir kommen nachher vorbei“, lacht Schweitzer, erkundigt sich noch, woher sie zugezogen sei und geht weiter. Ganz eilig hat es ein junger Mann in einem Haus, das die Bauphase sichtbar noch nicht ganz hinter sich hat. Er müsse schnell wieder ins Krankenhaus, in der Nacht sei er Vater geworden. Schweitzer beglückwünscht ihn und will nur noch wissen, wo das Kind zur Welt kam. Im Diakonissen-Krankenhaus in Speyer. „Gutes Haus“, ruft der Politiker im Weggehen. Dort sei auch einer seiner Söhne geboren.
Weiter geht es zu den Haustüren „Am Pfaffenberg“. Die meisten Bewohner sind schon älter. Sie habe die SPD „schon tausendmal“ gewählt, versichert ihm eine Frau und wünscht dem Wahlkämpfer viel Glück. Einer anderen wünscht Schweitzer gute Besserung, sie muss gleich zum Arzt wegen eines gebrochenen Wirbels.
Der Blick auf die Sicherheitsbeamten
Der Spitzenkandidat entschuldigt sich an jeder Haustür dafür, dass die Gruppe so groß ist. Zehn Leute begleiten ihn, drei davon sind Sicherheitsbeamte, die mit dezenter Zurückhaltung die Situationen im Blick behalten. „Ach Gott, en Zwä-Meter-Kerl und so kläne Polizischte“, spottet ein Bewohner. Und Schweitzer vermittelt ihm ebenfalls in astreinem Südpfälzisch, dass die Polizisten äußerst wehrhaft seien.
Politik spielt an diesem Vormittag keine Rolle. Oder nur eine ganz kleine. Eine Umgehungsstraße, die zur Freude eines Bewohners doch nicht in seiner Nähe gebaut wird. Nach einer guten Stunde ist Schluss an den Haustüren. Mit einem Kaffee bei Edeka bedankt sich Schweitzer bei seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern, dann steigt er in die schwarze Limousine, die ihn nach Mainz bringt. Die Regierungsgeschäfte warten.
Seine Karriere steuerte auf das Regierungsamt zu
Seit Sommer 2024 ist Schweitzer Ministerpräsident. Auf dieses Regierungsamt, so scheint es, steuerte seine politische Karriere zu, seit er 2006 als B-Kandidat von Kurt Beck in den Landtag kam. Er wurde Staatssekretär, SPD-Generalsekretär, Minister, SPD-Fraktionschef und wieder Minister. Er lernte seine Ungeduld zu zügeln, seinen Ehrgeiz zu kontrollieren – und reifte zum Staatsmann. Er ist stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD – und einer der wenigen Hoffnungsträger seiner Partei.
Mit der Landtagswahl steht ihm die härteste politische Bewährungsprobe bevor. Die Fallhöhe nach 35 Jahren SPD-geführter Landesregierung ist immens. Schweitzer selbst spricht vom „Kampf meines Lebens“. Ausgeschlossen hat er für sich persönlich, als Juniorpartner in eine CDU-geführte Landesregierung einzutreten.
Eindrucksvolle Bühne
Bei den Wahlkampfauftritten ist von diesem Druck nichts zu spüren. Seine Partei baut ihm eine Bühne, wie sie eindrucksvoller nicht sein könnte. Am Tag nach dem Haustürwahlkampf in der Südpfalz ist es schon längst dunkel, als Leute ins Stadthaus von Kaisersesch im Kreis Cochem-Zell streben.
Während im ersten Stock Stadtbürgermeister Gerhard Weber (CDU) mit dem Stadtrat über den Haushalt berät, ist das Gebäude von außen mit kräftigen roten Strahlern angeleuchtet. Der Veranstaltungssaal im Erdgeschoss ist ebenfalls in rotes Licht gehüllt, die Bühne ist rot, nur der Zapfhahn an der Theke ragt schwarz nach oben. Ein Teil des Raums ist bestuhlt, im hinteren Bereich sind Stehtische mit Werbematerial dekoriert. Alkoholfreie Getränke stehen bereit.
Nie den Wahlkreis gewonnen
Den ganzen Tag haben Benedikt „Bene“ Oster (37), der Wahlkreiskandidat, und seine Helfer aufgebaut. Seine Vorgängerin Heike Raab, Medienstaatssekretärin und Beauftragte des Landes beim Bund und für Europa, ist auch da. Nie ist es ihr gelungen, diesen tiefschwarzen Wahlkreis zu gewinnen.
Es scheint, als habe sich die sozialdemokratische Diaspora an diesem Abend in Kaisersesch versammelt. Eine Frau sagt, sie sei das einzige SPD-Mitglied im Moselort Müden mit 645 Einwohnern. Unter den mehr als 130 Gästen sind aber auch etliche, die keiner Partei angehören.
Spannendes Leben
Die Pressesprecherin der Landespartei, Lucy Webb Weilacher, moderiert den Abend ab 20 Uhr. „Ich weiß ja nicht, wie es ist, ein Rockstar zu sein, aber das Leben eines Ministerpräsidenten ist ganz schön spannend“, sagt sie über die Tour-Termine. Dann folgt ein Talk mit Bene Oster, später holt sie noch zwei Leute auf die Bühne. Um 20.24 Uhr ist es soweit: Zu den Klängen von Oasis kommt Alexander Schweitzer in den Saal. In blauem Anzug, weißem Hemd und dunkelgrauem Pulli mit V-Ausschnitt geht er zügig nach vorn, nickt unterwegs nur kurz nach rechts und nach links, aber er winkt nicht.
„Hi“, sagt Schweitzer, als er zum Mikrofon greift. Er würdigt Bene Oster und setzt dann zu einer Tour d’Horizon seiner Politik an. Das Geld, das die Kommunen bald aus dem Rheinland-Pfalz-Plan erhalten werden, den Klimawandel, den er „nicht nur als Landesvater, auch als Vater von drei Kindern“ bekämpfen wolle. Auch bei der Bildungspolitik erwähnt er die Familie. Er habe „drei Schulpflichtige“ zu Hause. Seine Frau, die Lehrerin ist, und die beiden heranwachsenden Söhne. Er verspricht Lernmittelfreiheit, das kommt gut an. Schweitzer spickt seine Rede mit Anekdoten, die Leute lachen, die Stimmung ist entspannt.
Am Ende der Appell, demokratisch zu wählen
Das Dorfkneipenprogramm, das auch ein Programm gegen Einsamkeit sein soll, packt er an das Ende der Rede, dann appelliert er: „Leute geht wählen und unterstützt eine demokratische Partei.“ Jeder wisse, was er von extremistischen Parteien halte: „Weniger als nichts.“ Jeder wisse, dass die AfD den Menschen Angst mache.
Die demokratischen Parteien müssten in der Lage sein, Kompromisse zu finden. Die CDU erwähnt Schweitzer nicht, sagte aber, über die politische Konkurrenz rede nur der schlecht, der seinem eigenen Programm nicht traue. „Ich bin Ministerpräsident und weil ich es sehr, sehr gerne bleiben möchte, kämpfe und werbe ich um Ihre Stimme.“
Wer ein Selfie will, muss sich hinten anstellen
49 Minuten dauert die Rede, der Applaus ist groß. „Das ist einer, der Klartext redet, keine der Pappfiguren“, sagt ein Mann am Stehtisch. Auf der Bühne werden Geschenke überreicht, dann fordert Lucy Webb Weilacher, Leute, die ein Selfie mit Alexander Schweitzer wollten, auf, sich im Mittelgang anzustellen. Es bildet sich eine Schlange.
Die Sitzung des Stadtrats ist inzwischen vorbei. CDU-Bürgermeister Gerhard Weber hat nur wenige Minuten von Schweitzers Rede gehört. Wenige Tage zuvor war er im benachbarten Lutzerath bei einer Wahlkampfveranstaltung mit dem CDU-Spitzenkandidaten Gordon Schnieder, von der er angetan war. Und wie lautet sein Urteil über Schweitzers Auftritt? Es sei gut, was er über die demokratischen Parteien gesagt habe.
Zur Person
Alexander Schweitzer (52) trat 1989 in die SPD ein, ist stellvertretender Landes- und Bundesvorsitzender der Partei. Sein Jurastudium schloss er mit dem 1. Staatsexamen ab. 2006 zog er erstmals in den Landtag ein. Bevor Schweitzer 2024 Ministerpräsident wurde, war er unter anderem Minister für Transformation, Digitales und Soziales und Fraktionschef der SPD im Landtag. Mit seiner Familie wohnt er in Bad Bergzabern.