Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel 70 Jahre Deutschland in der Nato: Plötzlich wieder Frontstaat

Nato-Treffen im Dezember 1957 in Paris: in der Bildmitte Bundeskanzler Konrad Adenauer.
Nato-Treffen im Dezember 1957 in Paris: in der Bildmitte Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Die Stärke der Nato war nie nur militärisch. Nach 70 Jahren Mitgliedschaft liegt es an Deutschland, das Bündnis nicht nur auszurüsten, sondern politisch zu prägen.

Man stelle sich vor, es gäbe eine Zeitmaschine, die uns zurückversetzt ins Bonn des Jahres 1955. In den Fluren des Bundestags riecht es nach Kohleheizung und provisorischer Republik. Bundeskanzler Konrad Adenauer weiß, was auf dem Spiel steht: Souveränität durch Bindung, Sicherheit durch Integration. Der bevorstehende Nato-Beitritt ist für ihn kein taktisches Manöver, sondern Staatsräson – ein Bekenntnis zum Westen, zu Freiheit und Demokratie, bei aller gebotenen Zurückhaltung zehn Jahre nach Kriegsende. Er will ihn gegen alle Widerstände im Inland und Misstrauen im Ausland durchsetzen.

Gewürdigt wird das an diesem Mittwoch, weil am 6. Mai 2025, dem eigentlichen 70. Jahrestag des Nato-Beitritts, Friedrich Merz zum Kanzler gewählt wurde. Von der anfänglichen Zurückhaltung kann keine Rede mehr sein: Deutschland dürfe nicht mehr nur mitreden, sondern müsse vorangehen, heißt es nun. Der einstige Beobachter ist zur strategischen Schlüsselfigur geworden. Die Bundesrepublik ist – plötzlich wieder – Frontstaat. Nicht geografisch wie einst, sondern angesichts ihrer Verantwortung.

Wacher, präsenter, härter

Die Nato war freilich nie nur ein Militärpakt. Sie war ein politisches Versprechen. Auf Schutz, ja – aber auch auf Zusammenhalt, Verständigung, Werte. Der Nordatlantikvertrag von 1949 sprach von „Frieden und Stabilität“ als Ziel, von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit als Grundlage. Die Nato war von Beginn an Sicherheitsarchitektur und Wertegemeinschaft zugleich.

Mittlerweile droht sich das Verhältnis zu verschieben. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist das Bündnis wacher, präsenter, härter geworden. Die sogenannte Zeitenwende hat das Bündnis und die Bundesrepublik zu Recht wachgerüttelt. Denn Frieden ist kein Naturzustand, sondern das Ergebnis von militärischer, finanzieller und gesellschaftlicher Bereitschaft.

Aber wie lange lässt sich diese Bereitschaft halten? Die USA unter Präsident Trump fordern nicht mehr nur Loyalität, sie wollen Gefolgschaft. Das schlägt sich inzwischen auch in Zahlen nieder. Für Deutschland heißt das: ein Verteidigungsetat von über 150 Milliarden Euro – jährlich. Das ist ein kollektiver Kraftakt – und ein kollektives Risiko. Denn dadurch gerät die Balance zwischen Waffen und Werten, zwischen Abschreckung und Abwägung ins Wanken. Die Nato droht, das Maß zu verlieren, das sie einst auszeichnete – als politische Allianz mit militärischen Mitteln, nicht umgekehrt. Wenn Verständigung wie aktuell unter Trump durch Schlagkraft ersetzt wird, wenn Diplomatie als Schwäche gilt und Konsens als Bremsklotz, dann wächst nicht zwingend die Stärke der Allianz.

Für Frieden durch Verständigung

Deutschland steht inzwischen als größter europäischer Mitgliedsstaat, als Industriemacht im Mittelpunkt. Der Vorwurf vom sicherheitspolitischen Trittbrettfahrer ist verstummt. Doch führen heißt mehr, als Milliarden in die Rüstung zu lenken. Es heißt, Richtung zu geben – gerade dann, wenn das Bündnis selbst die Orientierung zu verlieren droht.

Es reicht nicht, marschbereit zu sein. Es braucht auch eine Richtung, in die man gehen will. Wenn das Politische dem Militärischen untergeordnet wird, wenn sich die Nato in eine technokratische Aufrüstungsagentur verwandelt, verliert sie ihre Seele. Denn ihre Kraft kam nie allein aus Waffen. Sondern aus der Überzeugung, aus dem Glauben an eine Welt, die besser sein kann als die gefährlichere Gegenwart. Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe Deutschlands nach 70 Jahren Nato-Mitgliedschaft: nicht nur mitzumachen, sondern mitzuprägen. Und dabei nicht zu vergessen, wofür das Nordatlantische Bündnis auch steht. Für Frieden durch Verständigung.

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