Bistum Speyer
Übersicht: In diesen katholischen Einrichtungen wurden Menschen in der Pfalz missbraucht
Das Bistum Speyer hat seine Aufklärungsstrategie geändert: Gab es in früheren Jahren nur allgemeine Zahlen zu Opfern und Tätern, werden nun auf Anfrage Details offengelegt. Damit will der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann Betroffene ermutigen, sich zu melden. Denn, das weiß man spätestens seit der von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland 2018: Das, was bisher bekannt ist, ist nur ein Ausschnitt der Vorfälle.
Das Umdenken im Speyerer Bistum hängt mit dem Missbrauchsskandal im Speyerer Kinderheim in der Engelsgasse zusammen. Erstmals hat der Bischof die Vorwürfe mit einem Namen verknüpft – dem eines ehemaligen Generalvikars und obersten Juristen. Ausgelöst durch ein Urteil des Darmstädter Sozialgerichtes, das einem ehemaligen Heimkind Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz zusprach und den mutmaßlichen Peiniger nannte: Rudolf Motzenbäcker.
Nun hat das Bistum auf Anfrage Zahlen geliefert zu Einrichtungen, in denen es nach bisher ausgewerteter Aktenlage zu Übergriffen, sexuellem Missbrauch, Gewalt kam – durch Priester, Ordensfrauen, Mitarbeiter.
Nie das Leben in den Griff bekommen
Hinter diesen Zahlen stehen bislang 208 Opfer, die meist viele Jahre, Jahrzehnte brauchten, bis sie das Erlebte in Worte fassen konnten. Bis sie sich an die zuständigen Missbrauchsbeauftragten wandten. Viele leiden heute noch unter den Folgen der Übergriffe, mancher hat sein Leben nie ganz in den Griff bekommen.
Geistliche in Führungsfunktionen
Hinter den Zahlen verbergen sich aber auch die Täter. Viele sind bereits verstorben, bei den noch Lebenden sind die Taten meist verjährt. Laut Bistum wurden im Zeitraum von 1946 bis heute 109 Täter ermittelt. 14 kirchliche Mitarbeiter wurden verurteilt oder das Verfahren wurde gegen eine Geldbuße eingestellt. Unter den Tätern sind Geistliche, die führende Ämter innehatten, die Theologie lehrten. Geistliche, die zwar wegen der Vorwürfe Erklärungen unterschreiben mussten, in denen ihnen der Umgang mit Kindern und Jugendlichen untersagt wurde, die aber in katholischen Verbänden weiterhin als Geistliche Leiter fungierten. Mit Zustimmung der Bistumsleitung.
Im kommenden Jahr soll sich eine unabhängige Aufklärungskommission bilden, die mit Hilfe von Experten alle Fälle noch einmal unter die Lupe nimmt, sie bewertet und dann – analog zu einem Gerichtsverfahren – ein Urteil abgibt. Dieser Kommission soll es dann obliegen, weitere Täter und Vertuscher beim Namen zu nennen.
Übersicht der Heime
Folgende Daten hat das Bistum Speyer bislang geliefert:
Jugendwerk St. Josef in Landau-Queichheim: 19 Betroffene haben sich zwischen 2010 und 2019 an die Missbrauchsbeauftragten gewandt. Der Vorwurf: sexueller Missbrauch, Körperverletzung und Misshandlung, und zwar seit den 50er Jahren. Insgesamt wurden 32 Personen als Täter genannt. Laut Bistum wurden für die Zeit der 50er bis Mitte 80er Jahre auch Geistliche in Leitungsfunktionen beschuldigt. Ordensschwestern, Erzieher und andere Mitarbeiter wurden ebenfalls angezeigt. In neun Fällen, in denen die namentlich bekannten Beschuldigten noch leben, stellte das Bistum Strafanzeige. Bereits 1966 wurde ein Lehrer zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt, ein Fall endete mit einem Freispruch, alle anderen Vorkommnisse waren verjährt.
Kinderheim St. Nikolaus in Landstuhl: Neun ehemalige Heimkinder haben sich zwischen 2011 und 2020 gemeldet – wegen sexuellen Missbrauchs und Misshandlung. Insgesamt bezeichneten sie 19 Personen als Täter: Priester, Ordensschwestern, Erzieher, sonstige Mitarbeiter.
Nardini-Haus in Pirmasens: Es liegen vier Missbrauchsanzeigen vor. Sie beziehen sich auf die 50er, 60er und 70er Jahre und richten sich gegen Schwestern, einen Priester und einem Mitarbeiter.
Mädchenheim Maria Rosenberg in Waldfischbach-Burgalben: Zwei ehemalige Heimkinder haben sich 2010 und 2014 an die Beauftragten gewandt. Die Frauen bezeichneten Mitarbeiter als Täter, jedoch ohne ihre Namen anzugeben.
Kinderheim Engelsgasse Speyer: Vier ehemalige Heimkinder hatten in 2010, 2014 und 2018 Vorwürfe gegen den Priester Motzenbäcker erhoben. Und es gibt massive Anschuldigungen, dass Ordensfrauen die Taten deckten und förderten. Die Provinzoberin hat eine Aussage auf Nachfrage revidiert. Zunächst informierte Barbara Geißinger, dass die beschuldigten Schwestern in Speyer inzwischen alle verstorben seien. Jetzt heißt es in einer Erklärung: „In Speyer werden keine Schwestern namentlich genannt.“ Verwechselt hat die Provinzoberin diesen Vorgang in Speyer mit einem Oberammergau. Dort waren in einem städtischen Kinderheim der Stadt München Niederbronner Schwestern tätig. Hier liegen vier Missbrauchsvorwürfe gegen einen Pater und zwei Schwestern vor. Geißinger betont, dass die Einrichtungen in Oberammergau und Speyer in den 60er bis 70er Jahre in rechtlich getrennten Ordensprovinzen lagen.
In Speyer sei, so die von den Schwestern beauftragte Heidelberger Anwaltskanzlei, die damalige Kinderheim-Leiterin als Zeugin befragt worden. Über das Gespräch der Ordensfrau mit dem Missbrauchsbeauftragten des Bistums sei ein Protokoll davon angefertigt worden.
Das ehemalige Heimkind, das den Fall ins Rollen brachte, gab an, als etwa 14-Jähriger den damaligen Speyerer Bischof Friedrich Wetter in einem Brief über alles informiert zu haben, was ihm angetan worden sei. Kardinal Wetter ließ dazu auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur ausrichten: „Ich erinnere mich nicht an einen solchen Brief. Wenn ich einen Brief erhalten hätte, der so schwere Vorwürfe gegen meinen Offizial erhebt, wäre ich der Sache nachgegangen.“ Unabhängig davon wisse er nichts von solchen Vorwürfen.