Speyer
Sexueller Missbrauch: Im Namen des Herrn
Nachdem der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann die Missbrauchsvorwürfe gegen den ehemaligen Generalvikar des Bistums Speyer, Rudolf Motzenbäcker, öffentlich gemacht hat, stellt sich immer mehr die Frage, welche Rolle die Ordensfrauen dabei gespielt haben. Denn schwere Übergriffe auf Kinder sollen auch in dem Heim stattgefunden haben, mit Wissen der Nonnen. Im Kinderheim in der Speyerer Engelsgasse, das im Jahr 2000 geschlossen wurde, arbeiteten Niederbronner Schwestern.
Für Klaus O.*, einem von vier Betroffenen, die Gewalt und sexuelle Übergriffe auch durch Nonnen dem Bistum angezeigt haben, waren die Jahre in dem Kinderheim eine „Zeit des ständigen Missbrauchs“. Der heute 63-Jährige, der von 1963 bis 1972 in dem Speyerer Kinderheim lebte, hat seine Erlebnisse auf einer Internetseite dokumentiert. Es ist eine Geschichte voller Gewalt und Erniedrigungen. Eine Geschichte des Grauens. Nachzulesen sind Passagen auch in dem Urteil des Sozialgerichts Darmstadt von Ende Juni. Durch diese Rechtsprechung, die Klaus O. einen Anspruch auf Leistungen aus dem Opferentschädigungsfonds gibt, gelangte sein Fall an die Öffentlichkeit.
Auf dem Speicher erhängt
Wie der heutige Rentner sagt, haben die Ordensfrauen nicht nur den Missbrauch an den Kindern gedeckt, „sondern die Mädchen und Jungen Priestern und anderen Herren zugeführt. Daran hätten sie durch großzügige Spenden der Vergewaltiger auch noch verdient“.
Ein Vorgang steckt Klaus O. noch heute in den Knochen. Im September 1970 fand er ein ihm bekanntes Mädchen, erhängt auf dem Speicher des Heims. Das Mädchen sei schwanger gewesen. Doch der Versuch, den Missbrauch bei Polizei und anderen Behörden anzuzeigen, sei Wochen zuvor gescheitert, erzählt Klaus O. „Man hat uns nicht geglaubt.“ Und er geht noch einen Schritt weiter: Er zweifelt an einem Suizid. Es sei nirgends eine Aufstiegshilfe zu sehen gewesen, die es dem Mädchen ermöglicht hätte, selbst den Strick an dem Balken anzubringen und sich dann zu erhängen. Und plötzlich steht ein Mordverdacht im Raum.
Verfahren eingestellt
Die zuständige Richterin am Sozialgericht Darmstadt, Andrea Herrmann, die die Aussagen des Betroffenen zum sexuellen Missbrauch für glaubwürdig hält, sagt dazu: „Dieses Erlebnis, dass sich da ein Mädchen aufgehängt hat, hat ihn sehr geprägt. Aber ob er es als Kind richtig eingeschätzt hat, ob es Selbstmord war oder nicht, weiß man nicht.“ Es liege lange zurück, alles sei sehr vage und wohl nicht mehr aufzuklären.
Das Bistum Speyer hat die Gesprächsprotokolle, in denen auch dieser Vorwurf enthalten ist, im April an die Staatsanwaltschaft Frankenthal geschickt. Und diese hat „den Vorwurf selbstverständlich geprüft“, wie am Freitag Oberstaatsanwalt Kai Hempelmann auf Anfrage mitteilte. Unterstellt, es sei tatsächlich ein Mädchen zu Tode gekommen, ergaben sich aus den Angaben des Betroffenen keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass Personen mit ihren Handlungen den Tod einer Heimbewohnerin beabsichtigt oder auch nur billigend in Kauf genommen oder ihn leichtfertig verursacht hätten. Derartige Straftaten wären zudem, sofern sie als Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge zu bewerten wären, verjährt, so Hempelmann. Nicht verjährt wäre zwar ein Mord. „Für dessen Voraussetzungen enthalten die Schilderungen des Anzeigeerstatters jedoch keine zureichenden Anhaltspunkte, so dass das Verfahren einzustellen war.“
Akten nicht mehr vorhanden
Das ist die rechtliche Seite. Aber wie geht der Orden der Schwestern vom göttlichen Erlöser mit diesen gravierenden Vorwürfen um? Über eine Rechtsanwaltskanzlei in Heidelberg lässt die Provinzoberin Schwester Barbara Geißinger der RHEINPFALZ eine Stellungnahme zukommen. Sie weist darauf hin, dass der Orden nie Träger des Kinderheimes war: „Die Aktenarchive wurden bei Aufgabe unserer Betreiberschaft vollständig dem damaligen Träger übergeben. Nach meinen Recherchen lassen sich Unterlagen zu diesen Vorgängen heute nicht mehr auftreiben. “
Ihr sei allerdings bekannt, dass im Jahr 2011 der damalige Missbrauchsbeauftragte der Diözese drei noch lebende Schwestern zu ihren Wahrnehmungen während der 60er und 70er Jahre in diesem Kinderheim befragt habe. Dabei hätten die Schwestern wohl ausnahmslos ausgesagt, von diesen Vorgängen nichts gewusst zu haben. Von „Sexparties“ sowie den Behauptungen zur Prostitution von Kindern und angeblichen Massenvergewaltigungen wisse man nichts. „Hätte ich Informationen, die diese Vorwürfe belegen, würde ich nicht zögern, die Vorwürfe zu bestätigen“, so Schwester Barbara. Inzwischen sind die beschuldigten Schwestern verstorben.
Provinzoberin will Aufklärung
Für die Provinzoberin stellen die vorgetragenen Ereignisse ein dunkles Kapitel dar. „Es gibt nichts zu beschönigen. Wir müssen uns mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen.“ So werde eine unabhängige Aufarbeitungskommission eingerichtet. Und der Orden werde in der Sache mit der Diözese Speyer kooperieren. Nach Aussage von Schwester Barbara besteht nach wie vor Kontakt zu dem Betroffenen. „Ich stehe auch gern für ein persönliches Gespräch zur Verfügung.“ Leider sei dies im Moment aber aufgrund der Kontaktbeschränkungen noch nicht möglich.
Klaus O. hat eine andere Sicht auf die Dinge. „Diese Antwort macht mich sprachlos“, sagt er am Freitag. Vor 14 Tagen habe er im Mutterhaus der Schwestern in Nürnberg angerufen und um Rückruf gebeten. Nach einer Woche habe er nachgefragt und die Antwort erhalten, er solle seine Fragen schriftlich stellen. Was er getan habe. „Meine Anfrage war ein Angebot der Befriedung. Leider kam dann eine nichtssagende Email zurück, die mich sehr erzürnt hat.“ Klipp und klar sagt er: „Von meiner Seite ist der Kontakt zu den Schwestern beendet. Jetzt liegt es an ihnen, sich bei mir zu melden.“
*Name von der Redaktion geändert