Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Was Schulen tun, damit die KI Jugendliche nicht dumm macht

Weil die Klasse eigenständig mit einem Chatbot den Stoff bearbeitet, hat Lehrerin Laura Kurz Zeit für individuelle Fragen.
Weil die Klasse eigenständig mit einem Chatbot den Stoff bearbeitet, hat Lehrerin Laura Kurz Zeit für individuelle Fragen.

Künstliche Intelligenz verändert Lernen rasant. Was heißt das für den Unterricht der Zukunft? Ein Beispiel aus einer Berufsschule in der Pfalz.

Lex kennt sich super aus im Arbeitsrecht. Doch sein Wissen gibt er nur häppchenweise preis. Wer eine fertige Antwort per Knopfdruck erwartet, wird enttäuscht. Wie diese Elftklässlerin, die an der Berufsbildenden Schule Wirtschaft II in Ludwigshafen parallel zum Fachabitur einen Berufsabschluss als Assistentin für Wirtschaft machen will. „ChatGPT ist besser“, findet die 17-Jährige nach der ersten Kursstunde mit dem neuen Programm. Lex fragt ihr zu viel nach und macht zu wenig selbst. Lehrerin Laura Kurz ist zufrieden. Denn genau so hat sie den KI-Assistenten programmiert. Statt den Schülern die Arbeit komplett abzunehmen, soll er diese zum Nachdenken anregen. „Wie ein Möchtegern-Lehrer“, sagt ein 18-Jähriger aus der ersten Reihe.

In den nächsten Wochen wird die Berufsfachschulklasse eine komplette Unterrichtsreihe zum Thema „Duale Berufsausbildung“ mit Unterstützung von Lex absolvieren. Was gehört in einen Ausbildungsvertrag? Kann ich in der Probezeit einfach gekündigt werden? Darf der Chef mir regelmäßig Überstunden aufbrummen, obwohl ich erst 17 bin? Die Fragen sind nah am Alltag der zwölf Schüler.

Gemeinsam mit dem KI-Chatbot bearbeiten sie Fallbeispiele. Je nach zuvor gewähltem Lernniveau gibt Lex mehr oder weniger umfangreiche Tipps bei der Beantwortung. Und hilft den Schülern so, selbst die Lösung zu finden. „Ich habe heute richtig was gelernt – nicht wie sonst bei der normalen KI“, sagt einer der Jugendlichen nach der ersten Stunde. Ein Logbuch soll der Klasse in den folgenden sechs Wochen helfen, den eigenen Wissenszuwachs zu reflektieren – ganz analog auf Papier.

Zu Beginn der Stunde hat die Lehrerin das Thema im Gespräch mit der Klasse vorbereitet. Während die Schüler sich mithilfe des KI-Assistenten durch die Aufgaben arbeiten, geht Kurz dann durch die Reihen, hilft bei technischen und inhaltlichen Fragen. Mal müssen die Antworten auf dem IPad im Auswahlverfahren angeklickt werden, mal per Grafik visualisiert oder mit dem Nachbarn erörtert werden. Moderne Technik ergänzt hier altbewährte Methoden. „Künstliche Intelligenz ersetzt weder den gemeinsamen Unterricht noch die Lehrkraft“, stellt Kurz klar.

Zusätzliche Motivation

Alle Schüler sind an diesem Vormittag konzentriert bei der Sache. „Lex hat zum Arbeiten und Nachdenken angeregt“, sagt ein Schüler am Ende der Stunde. Auch Lehrerin Kurz hat den Eindruck, dass die KI die Jugendlichen zusätzlich motiviert. Das Feedback der Klasse ist wichtig für sie, um den Chatbot kontinuierlich anzupassen und weiterzuentwickeln.

Lex ist nicht der einzige virtuelle Assistent, mit dem die 32-Jährige arbeitet. Für den Unterricht mit angehenden Fachangestellten im Bereich Zahnmedizin hat Kurz eine fiktive Arbeitskollegin namens Hannah entwickelt. Wie im echten Leben können die Auszubildenden sich bei Hannah Rat holen. Beim sogenannten Prompten gibt die Lehrerin jedem Chatbot eine bestimmte Rolle und legt dessen Art der Kommunikation fest. Anders als allgemein verbreitete KI-Anwendungen wie ChatGPT beziehen die Unterrichtsassistenten ihr Wissen ausschließlich aus Material, dass Kurz hinterlegt hat. So kann sie den Lernprozess genau steuern – und verhindert, dass die Künstliche Intelligenz falsche Antworten erfindet.

Kostenlose Programme für Schulen

Zugang zu Lex und seinen Kollegen bekommen die Schüler über einen eigenen, gesicherten Klassenraum auf der Lernplattform Fobizz. Alle Schulen in Rheinland-Pfalz können diese webbasierte und laut Landesregierung datenschutzkonforme Umgebung und die dort hinterlegten KI-Anwendungen kostenlos nutzen. Eingegebene Daten dürfen von den Programmen nicht zu Trainingszwecken genutzt werden.

Seit der Einführung vor zwei Jahren haben 95 Prozent der rheinland-pfälzischen Schulen ihren Fobizz-Zugang aktiviert, teilt das Bildungsministerium auf Anfrage mit. 17.000 virtuelle Klassenräume wurden in dieser Zeit von Lehrkräften eingerichtet, mehr als drei Millionen Befehle („Prompts“) eingegeben. Außerdem wurden über die Plattform rund 44.000 Fortbildungen gebucht, 17.000 davon mit direktem Bezug zu Künstlicher Intelligenz.

Die über Fobizz verfügbaren Sprachmodelle wie ChatGPT, Claude oder Aleph Alpha werden dem Ministerium zufolge fortlaufend aktualisiert. Für die Lizenzierung der Plattform einschließlich der KI-Werkzeuge und spezieller Fortbildungsformaten zum Thema KI zahlt das Land nach eigener Darstellung 2,1 Millionen Euro für eine Laufzeit von 18 Monaten. Im Februar wurde der Vertrag mit dem Anbieter, einem Start-up-Unternehmen mit Hauptsitz in Hamburg, um ein weiteres Schuljahr bis Sommer 2027 verlängert.

Corona sorgt für Rückenwind bei Digitalisierung

Es sei gut, dass Rheinland-Pfalz als eines der ersten Länder mit einer flächendeckenden, kostenlosen Plattform für Schulen frühzeitig eingestiegen sei und über Fobizz rechtssichere KI-Werkzeuge biete, „ohne dass der Einzelne sich kümmern muss“, sagt Joachim Dieterich. Er leitet das Digitale Kompetenzzentrum. Als Stabsstelle im Pädagogischen Landesinstitut berät und begleitet das Kompetenzzentrum Schulen im Unterrichtsalltag und bei der Weiterbildung in Sachen Digitalisierung. Dieterich erlebt eine große Offenheit unter Pädagogen. „Früher mussten wir erklären, warum Bildung digital werden muss. Dann kam Corona“, beschreibt er die rasante Entwicklung seit 2021. Workshops und Selbstlernangebote, aber auch offene Austauschformate wie das 14-tägige KI-Café würden mittlerweile sehr gut genutzt. Jede Schule im Land hat laut Dieterich einen Koordinator „Bildung in der digitalen Welt“ benannt, der als Multiplikator KI-Themen ins Kollegium weiterträgt.

Neu ist seit Februar ein KI-Zukunftslabor unter dem Dach des Digitalen Kompetenzzentrums. Zehn Lehrkräfte aus allen Schulformen beobachten hier neue Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz und prüfen, wie sie in der Schule eingesetzt werden können. Es gehe darum, „Dinge zu entwickeln, die in der Praxis gebraucht werden“, sagt Leiterin Svenja Matheis. Aktuell ist beispielsweise ein Lehrplanassistent im Entstehen, der Schulteams bei der organisatorischen Arbeit entlasten soll. Leitfrage beim Einsatz von KI müsse immer sein: „Wo liegt ein Mehrwert für die Bildung?“, betont Joachim Dieterich. Außer Frage steht für ihn, dass Basiskompetenzen wie Rechnen, Schreiben, aber auch das Erlernen von Fremdsprachen noch in 20 Jahren wichtig sein werden. Aber der Unterricht werde immer individueller. Dank der Technik bleibe mehr Zeit für soziale Interaktion, sagt er.

Mehr Freiraum für individuelle Förderung

Das erlebt auch die Ludwigshafener Lehrerin Laura Kurz. Während die Klasse mit Lex arbeitet, kann sie bei Bedarf gezielt auf einzelne Fragen eingehen. „Das Zwischenmenschliche rückt mehr in den Fokus“, sagt sie. Kurz hat sich frühzeitig mit KI beschäftigt und schnell deren Vorteile erkannt. „So differenziert und selbstorganisiert zu unterrichten, das könnte ich im Alltag ansonsten niemals leisten“, ist die 32-Jährige überzeugt. Zusätzlich zu ihrer Lehrerinnentätigkeit engagiert sie sich im KI-Zukunftslabor. „Richtig eingesetzt, kann KI Lehrkräfte entlasten und ihnen mehr Freiraum für pädagogische Aufgaben verschaffen“, sagt auch Dagmar Wolf, Leiterin des Bildungsbereichs der Robert-Bosch-Stiftung.

Das Schulbarometer der Stiftung beschäftigte sich in seiner Ausgabe von 2025 unter anderem mit dem Einsatz von KI im Unterricht. Das Ergebnis der Befragung zeichnet ein etwas anderes Bild, als es Dieterich vom Digitalen Kompetenzzentrum erlebt. Nur ein Drittel der für das Schulbarometer befragten Lehrkräfte nutzt regelmäßig KI-Tools, mehr als 60 Prozent fühlen sich unsicher im Umgang damit. Viele erkennen jedoch zugleich deren Nutzen, insbesondere für individuelles Lernen.

Hier sieht auch Laura Kurz großes Potenzial. Um ihren Unterricht vorzubereiten, verwendet die Ludwigshafener Lehrerin Künstliche Intelligenz inzwischen sehr routiniert. So nutzt sie beispielsweise KI zum Programmieren ihrer Chat-Assistenten. Wo sie früher Wochen an einer Unterrichtsreihe getüftelt hat, reiche heute ein halber Tag. Die gewonnene Zeit kann sie dazu nutzen, einzelne Schüler gezielt zu fördern. Gerade bei sehr unterschiedlichem Wissens- und Leistungsniveau sei das wichtig. „Es geht nicht um mehr Freizeit für mich“, stellt die Lehrerin klar. Eigenständig und in eigenem Tempo zu arbeiten: Das empfinden auch ihre Schüler nach der Testphase mit Lex als hilfreich. „Dass der Assistent keine fertigen Antworten gibt, sondern zum selbstständigen Denken anregt, wurde von vielen Schülerinnen und Schülern zunächst als ungewohnt, im Rückblick jedoch als wertvoll empfunden“, berichtet Kurz.

Umgang mit KI lernen

Standardschreiben in verschiedenen Sprachen verfassen, Förderpläne erstellen, Lernstände erfassen, zeitnah ein erstes Feedback geben, Schüler Lösungen selbstständig überprüfen zu lassen und ihnen helfen, umfangreichen Lernstoff sinnvoll aufzuteilen: Auch hier kann KI von Pädagogen gewinnbringend eingesetzt werden, sagt Svenja Matheis vom KI-Zukunftslabor. Als Ratgeber könne die Technik Lehrkräften neue Methoden der Wissensvermittlung zeigen, um mit interessant gestalteten und alltagsbezogenen Materialien die Lernmotivation zu steigern. Und nicht zuletzt geht es natürlich immer darum, den Schülern einen kompetenten Umgang mit KI zu vermitteln. Schließlich werden viele von Ihnen im Beruf später tagtäglich damit arbeiten müssen. „Die jungen Leute nutzen KI daheim so oder so. Ich will sie so einsetzen, dass es dem Wissenserwerb dient“, sagt die Ludwigshafener Lehrerin Laura Kurz. Aufgabe von Schule müsse es sein, das zu vermeiden, was mit dem Fachbegriff Skill Skipping umschrieben wird – und was bei der privaten Nutzung längst Alltag ist: Statt grundlegende Fähigkeiten durch Übung selbst zu erwerben, lassen Schüler die Aufgabe von der Maschine lösen – und sind so langfristig von der Technologie abhängig. „KI als Assistent und Sparringspartner, nicht als Ersatz für Kompetenz“, lautet die Formel von Stabsstellenleiter Dieterich für den Bildungsbereich.

Künstliche Intelligenz wird das System Schule grundlegend verändern – und zwar rasend schnell: Darin sind sich Praktiker und Wissenschaftler einig. Während Netflix dreieinhalb Jahre, Facebook zehn Monate und Instagram zweieinhalb Monate brauchte, um eine Million Nutzer zu gewinnen, gelang das dem KI-Chattool ChatGPT 2022 laut Statistischem Bundesamt in nur fünf Tagen. Ein Tempo, bei dem staatliche Institutionen nicht mithalten können.

Moderner Spickzettel

So gibt es beispielsweise bislang keine Möglichkeit, rechtssicher zu beweisen, dass ein Text KI-generiert ist. Ein Problem bei wissenschaftlichen Hausarbeiten. Ein KI-Stift hat als moderner Spickzettel vergangenen Sommer für einen kleinen Hype in sozialen Netzwerken gesorgt, KI-Brillen mit integrierter Kamera, Mikrofonen und Lautsprechern sind in den USA längst auf dem Markt und werden früher oder später wohl auch in Deutschland ankommen – selbst wenn die EU aktuell Expansionspläne noch ausbremst. Statt in Hausaufgaben und Prüfungen punktuell einen Wissensstand abzufragen, muss es künftig eher darum gehen, Lernprozesse zu bewerten, sagt Joachim Dieterich vom Digitalen Kompetenzzentrum. Er sieht das grundsätzlich durchaus positiv. „Früher wusste ich doch auch nicht, ob das Referat oder der Aufsatz zu Hause tatsächlich selbst geschrieben wurde.“ Klare Grenzen sieht er dort, wo es um Notengebung geht: individuelles Feedback während des Lernprozesses ja, abschließendes Bewerten nein. „Die Lehrkraft muss immer begleiten“, sagt Dieterich.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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