Meinung Überall nur Miesepeter und Motzköppe
Zugegeben: Das Wetter ist ätzend. Grau, kalt, eklig. Aber warum müssen dann auch die Menschen so ätzend, kalt und eklig sein? Mit dem Wetter kann das nicht zusammenhängen. Denn die allgemeine Miesepetrigkeit ist ja nicht erst seit gestern zu beobachten.
Wer dieser Tage ins Gespräch kommt mit Verkäuferinnen und Handwerkern, Arzthelferinnen, Paketboten und all den anderen, die in Berufen mit Kontakt zu Menschen arbeiten, hört unisono: „Man wird fast nur noch angeblafft.“ Die Zündschnur ist verdammt kurz bei immer mehr Zeitgenossen. Da wird im Laden geschimpft und gepöbelt, auf der Straße gedrängelt und geschnitten. Freundlich lächeln, den anderen den Vortritt oder die Vorfahrt lassen? Fehlanzeige. Dabei zeigt sich immer wieder: Erst mal ins Gespräch gekommen, ein paar nette Worte ausgetauscht, eine freundliche Miene gezeigt – und es läuft.
Grassierender Missmut
Doch was ist der Grund für den grassierenden Missmut? Das Wetter scheidet schon mal aus. Es ist allenfalls als Verstärker für ohnehin schon grassierende schlechte Laune verantwortlich zu machen. Dann vielleicht die politische Großwetterlage? Die kann einem durchaus die Stimmung verhageln, das ist wahr. Doch zu dem diffusen Gefühl, die Welt drifte immer weiter ab in diverse Katastrophen, kommt wohl noch ein weiterer Aspekt. Offenbar haben immer mehr Menschen in Deutschland das Gefühl, es gehe ihnen schlecht. Schlechter als anderen – wer auch immer die anderen sein mögen.
Und merkwürdigerweise hört man entsprechende Klagen häufig nicht unbedingt von denjenigen, die Grund zur Klage hätten. Also nicht von Menschen, deren Jobs bedroht sind. Oder Familien, die sich die hohen Mieten in Städten nur noch schwer leisten können. Es sind Menschen, die ein relativ sicheres Einkommen haben, einen recht hohen Lebensstandard mit mehr als einer Urlaubsreise im Jahr und ein abbezahltes Häuschen mit zwei Autos vor der Tür. Dennoch fühlen sie sich bedroht, überfordert und auch von der Politik im Stich gelassen. „Die da oben“ würden sowieso machen, was sie wollen. Würden das Land und die Menschen in den Ruin treiben.
Gezoffe in Berlin
Nun bekleckert sich derzeit zweifellos keine der Parteien mit Ruhm. Und das Theater und Gezoffe in Berlin mit anzusehen, ist sicher nicht vergnügungssteuerpflichtig. Doch auch, was Politiker aushalten müssen, macht sicherlich keinen Spaß. Hetze und Häme, Drohungen und Anfeindungen haben in den vergangenen Jahren vor allem Ehrenamtliche aus dem kommunalen Bereich das Handtuch werfen lassen. In mehreren hundert Gemeinden in Deutschland finden sich inzwischen keine Bürgermeister mehr, in Rheinland-Pfalz konnten bei den Kommunalwahlen 2024 in 90 der insgesamt 2260 Gemeinden keine Kandidaten für das Bürgermeisteramt aufgestellt werden. Und auch in der„großen“ Politik in Berlin lichten sich die Reihen, treten Politiker wegen Burnout und anderer psychischer Überlastungen zurück.
Kritik ist legitim. Kritik muss auch sein in einer gelebten Demokratie. Aber auf das Wie kommt es an. Sachlich bleibt nämlich inzwischen kaum noch einer. Schon gar nicht im Netz.
Kurze Zündschnur
Aber warum ist die Zündschnur so kurz geworden? Die Erklärungsversuche sind so vielfältig wie hilflos: Corona, die sozialen Medien, mangelnde Wertevermittlung im Elternhaus ... Da müsste wohl eine ganze Nation auf die Couch.
Deshalb bleibt als Sofortmaßnahme wahrscheinlich nur eine Option übrig, die genauso einfach wie kostenfrei ist: Bitte lächeln! Das kommt meist zurück. Auch und gerade an trüben Wintertagen.