Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Kitas in der Krise: Auch Ihr Fehler, Frau Ministerin?

Eltern protestieren gegen die Betreuungssituation in Kitas: Anna Starzetz vom Stadtelternausschuss Frankenthal im November. In L
Eltern protestieren gegen die Betreuungssituation in Kitas: Anna Starzetz vom Stadtelternausschuss Frankenthal im November. In Ludwigshafen rufen Familien für den 4. Februar zu einer Demo auf dem Berliner Platz auf.

Interview: In den Kindergärten des Landes klagen Erzieher und Erzieherinnen über die Arbeitsbelastung, manche suchen sich andere Jobs. Fachkräfte fehlen schon lange. Dazu haben 26.000 Kinder keinen Kita-Platz. Das erbost Eltern. Wer trägt die Verantwortung für das Dilemma? Simone Schmidt sprach mit Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) darüber, ob sie genug Daten für die Analyse und gute Lösungsansätze hat.

Frau Hubig, möchten Sie sich bei Eltern in Rheinland-Pfalz entschuldigen?
(Zögert erstaunt) Welchen Hintergrund hat Ihre Frage?

Ich frage wegen der 26.000 Kinder in Rheinland-Pfalz, für die kein Platz in einem Kindergarten ist, obwohl ihnen der rechtlich zusteht. In Ludwigshafen fehlen sogar rund 1600 Plätze. Am 4. Februar gehen dort Eltern aus Protest auf die Straße.
Ja, Kita-Plätze sind für Eltern unglaublich wichtig. Das hat mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu tun. Und die Kinder brauchen, das haben Corona und auch Studien gezeigt, gute frühkindliche Bildung und Betreuung. Damit es die gibt, unterstützen wir die Kita-Träger bei der Finanzierung des Personals und beim Bau neuer Kita-Plätze: 2022 haben wir 24 Millionen Euro bewilligt für 2800 neu entstehende Plätze.

2800 neue Plätze sind bei 26.000 fehlenden nur etwa zehn Prozent. Der Rechtsanspruch, den das Landesgesetz definiert, wird nicht erfüllt …
Die Bereitstellung der Kita-Plätze und eines bedarfsgerechten Angebots ist Pflichtaufgabe der Kommunen.

Wo bleibt Ihre Verantwortung als Bildungsministerin, wenn die Kommunen seit Jahren ihrer Aufgabe nicht nachkommen? Das rächt sich auch in der Schule – und da sind Sie zuständig!
Richtig ist, dass Kinder eine gute Vorbereitung auf die Schule brauchen, und die bietet die Kita. Wir unterstützen, wo wir können. Viele Kommunen haben das auch gut geschafft. Meine Aufgabe ist nicht, Kita-Plätze zu bauen und Kita-Personal einzustellen.

Sie fühlen sich also nicht verantwortlich, dass Tausende Kita-Plätze fehlen?
Doch, wir sind eine Verantwortungsgemeinschaft aus Kita-Trägern, Kommunen, Eltern und dem Land. Wir als Land zahlen etwa fast die Hälfte der Personalkosten. Wir starten eine Kampagne für mehr Auszubildende und haben die Ausbildungskapazitäten erhöht. Aktuell haben wir 6000 Azubis für den Erzieherberuf – so viele wie noch nie. Rund 2000 schließen die Ausbildung pro Jahr ab.

Sie schauen aber ansonsten zu, wie Städte und Gemeinden es versäumen, genügend Kindergartenplätze zu schaffen? Seit über zehn Jahren leben immer mehr Kinder in unserem Land. Da war doch klar, dass es ein größeres Angebot braucht.
Deshalb gibt es auch mehr Plätze und Personal. Seit 2006 arbeiten 75 Prozent mehr pädagogische Fachkräfte in den Kitas, und die Plätze haben um rund 20 Prozent zugenommen. Wir sind uns einig, das reicht nicht. Die Kommunen haben große Anstrengungen unternommen, sie sind zum Teil aber nicht hinterhergekommen, auch weil Kinder heutzutage mehr Stunden in der Kita bleiben und in jüngerem Alter gebracht werden.

Mal anders gefragt: Können Sie wütende Eltern verstehen, die verzweifelt nach Tagesmüttern suchen oder mangels Kita-Platz teils nicht arbeiten gehen können, obwohl sie selbst dem Arbeitsmarkt fehlen? Und auch Erzieher stöhnen über ihre Arbeitsbelastung.
Ich verstehe das total, das ist eine schwierige Situation. Für Ludwigshafen ist es besonders herausfordernd. Es gibt dort viel Zuzug, die Stadt hat eine große Heterogenität (gemeint ist unter anderem ein hoher Anteil an Migranten, Anm. d. Red.). Lösungen finden kann aber nur die Stadt selbst.

Ein folgenschwerer Fehler des Ministeriums aber war sicher, dass man 2010, als dann Zweijährigen gesetzlich ein Kita-Platz zustand, eine Empfehlung herausgab an die Kommunen: Es sei davon auszugehen, dass in dieser Altersstufe nur 50 Prozent der Eltern das Angebot nutzen würden. Zumindest für Großstädte illusorisch, der tatsächliche Bedarf war viel größer.
Die 50 Prozent waren keine Empfehlung, sondern ein Landes-Durchschnittswert, um Kosten abzuschätzen. Natürlich war schon damals klar, dass in Ballungsräumen der Bedarf größer ist. Aufgabe der Jugendämter war, hier zu planen und entsprechend auszubauen.

Dies nicht klarer vonseiten des Ministeriums zu kommunizieren, war in Ihren Augen ebenfalls kein Fehler?
Nein, das war kein Fehler. Denn es war keine Vorgabe an die Jugendämter. Und die Jugendämter als Profis für den Bedarf in einer Stadt, konnten das einordnen.

Wir haben jetzt die Kita-Krise. Wie kommen wir da raus?
Vielerorts läuft es auch gut in den Kitas. Da kommen wir nur gemeinsam raus, müssen Plätze ausbauen, Fachkräfte halten und neue gewinnen.

Das ist das andere Problem, der Fachkräftemangel. Bis heute weiß die Landesregierung nicht genau, wie viele Erzieher und Erzieherinnen fehlen. Wie viele Stellen sind etwa unbesetzt?
Rund sechs Prozent der pädagogischen Stellen sind unbesetzt, also rund 1500 Vollzeitstellen. Weitere rund zwei Prozent der Stellen sind mit Vertretungskräften besetzt.

Hochgerechnet entspricht das etwa 2000 der knapp 26.000 Vollzeitstellen. Die Dunkelziffer könnte höher liegen ...
Wir kennen den Fachkräftemangel. Das betrifft nicht nur diesen Beruf, und das ist überall in Deutschland so.

Das Ministerium kennt auch die Anzahl der in den Kitas arbeitenden Quereinsteiger nicht ...
Wir sind nicht Arbeitgeber der Fachkräfte, haben diese Daten nicht automatisch. Wir haben aber ein neues Monitoringsystem. Künftig werden wir also wissen, wer mit welcher Qualifikation in den Kitas arbeitet.

Noch eine unbekannte Größe in Mainz: Dass 26.000 Kita-Plätze im Land fehlen, hat die Bertelsmann-Stiftung herausgefunden ...
Diese Daten haben die Kommunen, dort ist die richtige Stelle, denn sie müssen das Angebot bereitstellen.

Die Ausbildung zur Erzieherin dauert je nach Schulabschluss vier bis fünf Jahre. Das ist bei dem Fachkräftemangel zu lang, für Quereinsteiger allemal. Und verdienen konnte man in der Zeit meist nichts …
Deshalb haben wir das geändert.

Erst jetzt, zu spät. Außerdem hat sich an der Dauer der Ausbildung nichts geändert.
Seit dem Schuljahr 2012/2013 gibt es auch die berufsbegleitende Ausbildung. Die ist ein echter Hit. Die Azubis sind vom ersten Tag an in der Kita. Dort haben sie so mehr Personal und die jungen Menschen verdienen Geld. Von den 6000 aktuellen Azubis macht das mehr als ein Drittel.

Sie haben eine Kita-Imagekampagne angekündigt. Wie sieht die aus, was kostet sie und wann startet sie?
500.000 Euro stehen dafür 2023 im Landeshaushalt. Wir werden die Kampagne Anfang Februar vorstellen. Ziel ist, damit Fachkräfte zu halten und neue zu gewinnen.

Hat Ihr Ministerium am Ende alles richtig gemacht bei den Kitas?
Ich würde niemals behaupten, dass irgendjemand alles richtig macht – dazu sind die Dinge zu anspruchsvoll. Aber wir nehmen unsere Verantwortung und unsere Aufgaben zuverlässig wahr – und so müssen das auch die anderen Verantwortungsträger tun.

Zur Person

Die in Frankfurt geborene, promovierte Juristin Stefanie Hubig, 54, ist seit 2016 rheinland-pfälzische Bildungsministerin.

Zum Weiterlesen: Überall in der Pfalz zeigt sich der Kindergarten- und Betreuungsnotstand. Mehr dazu lesen Sie beispielsweise hier für den Rhein-Pfalz-Kreis, für Ludwigshafen, den Kreis Germersheim, und welche Ängste die Lebenshilfe in Kaiserslautern hat. Wie die Stadt Pirmasens das Thema lösen will finden Sie hier. Und in Zweibrücken gibt es seit Jahresanfang ein ganz anderes Problem in mehreren Kitas.

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin: Stefanie Hubig (SPD)
Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin: Stefanie Hubig (SPD)
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