Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel In den Kitas fehlen Erzieher

Erzieher haben in den vergangenen Wochen bundesweit für bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung protestiert.
Erzieher haben in den vergangenen Wochen bundesweit für bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung protestiert.

Platzmangel, Personalnot und Pandemie: Die Kitas stecken in der Krise. Der Fachkräftemangel sorgt Eltern, Träger und Jugendamt. Bei der Umsetzung des neuen Kita-Gesetzes hakt es auch an anderen Stellen.

Nicht mal jede zweite Kita im Landkreis biete eine durchgängige Sieben-Stunden-Betreuung an, sagt Julia Stock. Das ist aus Sicht der zweifachen Mutter zu wenig. Seit 1. Juli 2021 haben Eltern in Rheinland-Pfalz nämlich einen Rechtsanspruch auf genau das, inklusive einem Mittagessen – sofern ihr Kind das zweite Lebensjahr vollendet hat. Auf Kitas und Träger kam damit einiges zu: Es fehlt mitunter an Küchen, Essens- und Schlafräumen für die Kleinsten – und an Personal. Viele Einrichtungen werden deshalb umgebaut oder erweitert, in einigen hakt es. „Es ist verschleppt“, meint Stock, die sowohl im Kreiselternausschuss (KEA) als auch im Vorstand des Landeselternausschuss (LEA) ist.

Dass das neue Kita-Gesetz komme, sei schon seit 2019 klar gewesen. Die Übergangsfrist bis 2028 gilt zwar für das Mittagessen-Angebot, nicht aber für die Sieben-Stunden-Regel. „Wir pochen nicht darauf, dass alles sofort umgesetzt wird“, ergänzt ihre KEA-Kollegin Miriam Bösherz. Lieferengpässe wegen Corona hätten Bauarbeiten verzögert. Wenn manche Träger bisher aber nicht mal Gespräche mit dem Architekten geführt haben, dann hänge es nicht am Material. „Dann ist man noch nicht mal auf dem Weg.“

Zuzüge in vielen Gemeinden

„Die Umsetzung sei überall im Gange. Aber es braucht Zeit“, sagte Sozialdezernent Christoph Buttweiler im Jugendhilfeausschuss. Auch hier hatte der KEA seine Kritik geäußert. Er selbst sei gerade dabei, alle 90 Kitas im Kreis zu besuchen, so Buttweiler. Das Jugendamt hat das bereits 2020 getan. Die Bedingungen vor Ort seien halt sehr individuell. „Wir gehen davon aus, dass nahezu 50 Prozent der Kitas das Gesetz in diesem Kita-Jahr umsetzen können“, ergänzte Wilhelm Fliehmann vom Jugendamt. In zwei, drei Jahren sollen dann alle Kindergärten im Kreis soweit sein.

Kitas stehen nicht nur wegen der Gesetzesnovelle vor Riesen-Herausforderungen. Auch weil die Anzahl der Kinder wächst, müssen Gemeinden oder andere Träger erweitern und neu bauen. So erwartet das Jugendamt beispielsweise für Jockgrim viele Zuzüge: Bis 2023 sollen hier rund 100 familienfreundliche Wohneinheiten gebaut werden – die Suche nach einem Standort für eine neue Kita hat begonnen. In der Stadt Hagenbach, in der laut Bedarfsplan für das Kiga-Jahr 22/23 statistisch rund 40 Plätze fehlen und provisorisch eingerichtet werden sollen, sind bis 2025 100 neue Bauplätze geplant. Die Stadt suche ein Gebäude, das sie umbauen kann.

In Germersheim „Druck von Eltern nicht so hoch“

Das größte Problem aber hat laut den Jugendamtsplanern die Stadt Germersheim. In den 14 Kitas fehlen im kommenden Jahr rechnerisch 191 Plätze. Und neuer Wohnraum kommt hinzu. „Je nachdem, wie viele Familien nachrücken, wird es verdammt eng“, war im Jugendhilfe-Ausschuss zu hören. Zumindest provisorisch müssten dringend Plätze her, bis ein Kita-Neubau in Betrieb geht. Gespräche dazu laufen. Allerdings sei in Germersheim der „Druck von Eltern nicht so hoch“: Viele Familien mit Migrationshintergrund würden die Kinder über das zweite Lebensjahr hinaus zuhause betreuen. Sprich: Der Fehlbedarf deckt sich nicht mit den Anmeldungen. Nur wenn jeder Zweijährige tatsächlich in die Kita wollte, würden 191 Plätze fehlen.

Im Bedarfsplan berücksichtigt das Jugendamt die Geburtenstatistiken und neue Baugebiete. „Wir sagen den Trägern, was in einer Kommune notwendig ist“, erklärte Wilhelm Fliehmann. Die Umsetzung sei deren Aufgabe. Schwierigkeiten gebe es mitunter bei der Standortsuche oder Vorgaben im Bebauungsplan. Viele Gemeinden stöhnen unter der finanziellen Last, denn nicht alle bekommen Zuschüsse vom Land. Miriam Bösherz und Julia Stock hätten gerne mehr Elterneinwirkung in der Planung. Schließlich zielt das neue Gesetz auch darauf ab, das Angebot besser an die Bedürfnisse der Familien anzupassen. Der KEA hatte deshalb angeregt, das Jugendamt solle regelmäßig einen standardisierten Fragebogen über die Kitas an alle Eltern verteilen. Die Idee fand wenig Zuspruch in dem Ausschuss. Das sei bei 6000 Kindern im Kreis kaum machbar, war der Tenor des Jugendamts und der Ausschussmitglieder. Außerdem wecke man damit Begehrlichkeiten, die man nicht bedienen könne. Eine Bedarfsabfrage gebe es bereits, wenn die Familien Elterngeld beantragen. Eine verschwindend geringe Anzahl melde sich beim Jugendamt zurück. „Da hat das Jugendamt eine gute Idee und die Eltern nutzen es nicht“, bedauert Bösherz. „Wenn viele Eltern lauter sagen würden, dass sie einen bestimmten Bedarf haben, wäre die Not besser bekannt“, pflichtet Julia Stock bei.

310 Familien beteiligen sich an Umfrage

Den Antrag hat der Kreiselternausschuss letztlich zurückgezogen, aber im Mai auf eigene Faust eine Online-Umfrage gestartet. 310 Familien haben sich beteiligt. „Das ist nicht repräsentativ, aber eine beachtliche Anzahl“, sagt die KEA-Vorsitzende Stock. Und man könne kleine Dinge rauslesen. So habe sich beispielsweise die Diskussion um die Schließung des Horts in Westheim in der Umfrage niedergeschlagen. Dort sollen die 20 Hort-Plätze wegfallen, weil der Raum künftig für Kita-Kinder gebraucht wird (wir berichteten). Ein weiteres Ergebnis: Für viele Eltern passen Kita-Öffnungszeiten nicht zu ihrem Bedarf. Auch bei den Angeboten für Kinder unter zwei Jahren sehen die KEA-Vertreter Nachholbedarf: „Drei Viertel der Umfrageteilnehmer, die einen Bedarf haben, haben ihn nicht erfüllt bekommen, auch nicht bei einer Tagesmutter“, berichtet Julia Stock. Eine solche Umfrage habe nicht zum Ziel, jeden Wunsch zu erfüllen, aber ein Meinungsbild einzuholen: „Wir können nicht die Welt retten, aber wir informieren und vermitteln“, sagt Stock über den KEA. „Das A und O ist, dass Eltern aufgeklärt sind, welche Rechte sie haben.“ Beide Frauen haben den Eindruck, das sei nicht immer der Fall.

Das Jugendamt und der KEA hätten das gleiche Ziel: dass die Kinder gut betreut werden. Unterm Strich werden im nächsten Kita-Jahr kreisweit 303 Plätze geschaffen, provisorische und langfristige. Das bedeutet, dass mehr Personal gebraucht wird – 31,5 Vollzeitstellen. „Alle Ideen sind schön und gut. Aber nichts davon funktioniert, wenn wir keine Leute haben“, betont Miriam Bösherz. Der Fachkräftemangel bei den Erziehern sei eklatant, meint auch der Kreisbeigeordnete Buttweiler (CDU). Bei seinen Kita-Besuchen komme der Personalmangel immer zur Sprache. „Ob Träger oder Fachkraft - die Sorgen sind überall riesig.“ Dabei bräuchten die Einrichtungen gerade wegen des neuen Gesetzes zusätzliche Mitarbeiter. Die Corona-Pandemie habe die Probleme verstärkt. Buttweiler hat deshalb dem Landkreistag einen Ideen-Katalog vorgelegt, wie dem Fachkräftemangel entgegengewirkt werden könnte: Ausbildungskapazitäten sollten ausgebaut werden sowie bessere Verdienst-, Vertrags- und Arbeitsbedingungen geschaffen werden.

Die KEA-Mütter stimmen zu: „Wer kann sich erlauben, jahrelang eine Ausbildung zu machen, ohne Geld zu verdienen“, echauffiert sich Miriam Bösherz. Für den klassischen Weg zum Erzieher über eine Fachschule wird nämlich kein Gehalt gezahlt. Eine Lösung sieht die Dreifach-Mama auch in Quereinsteigern. Diesen müsse der Start erleichtert werden. Das Land hat 2021 signalisiert, dass künftig bis zu 30 Prozent Fachkräfte aus anderen Bereichen in den Kitas arbeiten könnten. Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) nannte Musiker und Schreiner als Beispiel. „Viele Fachkräfte haben Angst vor multiprofessionellen Teams“, sagt Julia Stock. „Man sollte das aber als Gewinn betrachten.“

Info

  • Kontakt zum Kreiselternausschuss per E-Mail: kontakt@kea-germersheim.de.

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