Burgen in der Pfalz
Zurück zur Kästenburg: Das Hambacher Schloss vor 1832
Woran denken wir beim Hambacher Schloss? An die Anfänge der Demokratie-Bewegung. Das ist, in gewisser Weise, absurd. Denn vor 1832 war das Hambacher Schloss 700 Jahre lang das genaue Gegenteil eines Freiheit-und-Einheit-Denkmals: Als Kästenburg des Hochstifts Speyer war es ein Bollwerk geistlicher Fürsten und damit eine Manifestation der reichlich undemokratischen Ständegesellschaft im Alten Reich.
Um 1100, damit sind wir noch in der Zeit der letzten Salier-Kaiser, tritt die Kästenburg aus dem Dunkel der Geschichte. Johannes, von 1090 bis 1104 Bischof von Speyer und Retter der jüdischen Gemeinde während des Pogroms von 1096, übergab in seiner Amtszeit die Anlage bei Hambach zusammen mit Burg Meistersel aus Eigenbesitz an das Hochstift. Als weltliche Instanz des Bistums blieb dieses bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Eigentümer der Kästenburg.
Spätestens ab dem späten 12. Jahrhundert nannte das Hochstift Speyer noch mehr Befestigungen sein Eigen: Das Dahner Burgen-Quartett ging vom Speyerer Bischof zu Lehen, auch die kleine Burg Spangenberg im Elmsteiner Tal, außerdem die Wasserburgen in Deidesheim und Kirrweiler. Die Kästenburg aber – vom Hambacher Schloss ist erst seit dem 19. Jahrhundert die Rede – war während des Hochmittelalters die wichtigste Burg des Hochstifts, was sich an diversen Aufenthalten der Speyerer Bischöfe zwischen 1180 und 1390 sowie am repräsentativen Saalbau der Anlage ablesen lässt.
Des Kaisers Botschafter
Selbst die Burgmannen, die zur Bewachung der Anlage eingesetzt wurden, machten Karriere, und zwar im Reichsdienst unter den Staufern. Ab 1154 tritt Burkhard von Kästenburg in Urkunden von Friedrich Rotbart als Zeuge auf, ab 1174 auch sein Bruder Trushard. Obschon sie eigentlich speyerische Ministerialen waren, gehörten die beiden Kästenburg-Brüder offensichtlich zum engeren Kreis der staufischen Administration, wenn der Kaiser in seiner Pfalz in Lautern oder auf dem Trifels weilte. Trushard von Kästenburg begleite Barbarossa 1185 nach Norditalien, wo er zum Statthalter von Chieri und später, unter Friedrichs Sohn Heinrich VI., sogar zum kaiserlichen Botschafter aufstieg.
Solch illustre Biografien können spätere Burgmannen-Geschlechter zwar nicht vorweisen, dafür aber lustige Familiennamen: Die Herren „Schnittlauch von Kästenburg“ waren nachweislich ab 1256 im Einsatz und wohnten wahrscheinlich in einem jener Burgmannengebäude, deren Reste man im Norden und Nordwesten der Unterburg, angebaut an die Innenseite der äußeren Ringmauer, entdecken kann. Bis 1272 hatten die Burgmannen der Kästenburg Residenzpflicht. Sie benötigten also auf dem Areal eigene Wohn- und Wirtschaftsbauten, was durch die archäologische Erschließung der Unterburg, die zwischen 2008 und 2015 erfolgte, nun auch sichtbar wird.
Der Saalbau der Bischöfe
Von den Speyerer Bischöfen selbst hielten sich Heinrich II. aus dem Leininger Grafengeschlecht und Friedrich von Bolanden besonders häufig auf der Kästenburg auf. In ihre Zeit – von 1245 bis 1302 – fallen massive Umbaumaßnahmen an der Kernburg.
Der gewaltige Bergfried, zwischen 1150 und 1200 an der westlichen Schmalseite der Oberburg errichtet und ursprünglich 13 auf 13 Meter messend, wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts abgerissen. Nur seine westliche Außenmauer samt Aborterker blieb stehen und ging in einem „Hohen Mantel“ auf, der nun die Wohnbauten zu schirmen hatte. Zeitgleich entstand, in der Formensprache der Frühgotik, der dreigeschossige Saalbau, der bis heute die Ostfassade der Burg prägt. Ob er einen romanischen Vorgängerbau ersetzte, ist in der Forschung umstritten.
Alcibiades, der Zerstörer
Kam der Kästenburg während des 14. Jahrhunderts als Aufbewahrungsort des bischöflichen Urkundenarchivs noch eine wichtige Funktion zu, verlor sie im folgenden Jahrhundert rasch an Bedeutung. Was damit zusammenhängen dürfte, dass den Speyerer Bischöfen ab 1414 mit der heute verschwundenen Wasserburg Marientraut bei Hanhofen eine Festung in unmittelbarer Nähe der Stadt zur Verfügung stand. Ein Inventar aus dem Jahr 1464 spricht Bände: Demnach gehörten damals zur Ausstattung der Kästenburg lediglich 14 Armbrüste, sechs Haken- und vier Handbüchsen, ein Esel und zwei Pferde, von denen eines blind war. Klingt nicht gerade nach einer unangreifbaren Adelsbastion.
Vermutlich hatten die Bauern also leichtes Spiel, als sie 1525 auch die Kästenburg besetzten und plünderten. Zerstört wurde die Burg damals jedoch nicht. Das besorgte 27 Jahre später Markgraf Albrecht II. Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach. Der Söldnerführer war ein windiger, skrupelloser Renaissance-Mensch. Focht er im Schmalkaldischen Krieg (1546/47) noch für den katholischen Kaiser Karl V., zettelte er fünf Jahre später einen Fürstenaufstand gegen den Habsburger an. Als Protestant spezialisierte sich Albrecht Alcibiades auf die Brandschatzung katholischer Hochstifte. Im Zweiten Markgrafenkrieg belagerte er 1552 auch Speyer. Um Verwüstungen zu entgehen, sollte ihm Bischof Philipp von Flersheim 150.000 Gulden zahlen. Doch Philipp floh, bereits todkrank, nach Zabern (Saverne), wo er kurz darauf starb. Albrecht Alcibiades ließ daraufhin die Kästenburg und die Madenburg abfackeln.
Danach konzentrierten sich die Wiederaufbauarbeiten auf die Madenburg, die dem Hochstift Speyer seit 1516 gehörte. Während dort Prächtiges im Renaissance-Stil entstand, wurde die Kästenburg nach 1552 nur notdürftig für einen Förster hergerichtet. Als dann, mehr als hundert Jahre später, französische Soldaten während des Pfälzischen Erbfolgekriegs noch mehr Schäden anrichteten, war die Kästenburg bereits verlassen.
Politische Purzelbäume
1823 erwarben 16 wohlhabende Neustadter Bürger die Ruine. 1832 versammelten sich rund um das Gemäuer an die 30.000 Menschen, um Pressefreiheit und einen deutschen Nationalstaat zu fordern. Darüber war man im Königreich Bayern, dem die Pfalz damals angehörte, gar nicht amüsiert, weshalb ein Zentralkomitee der pfälzischen Abgeordneten die Ruine 1842 ersteigerte und sie, zum Zwecke der politischen Wiedergutmachung, dem bayerischen Kronprinzen Maximilian als Hochzeitspräsent verehrte.
Der Architekt August Voit entwickelte ehrgeizige Pläne für den Wiederaufbau. Aus der Ruine der Kästenburg sollte die Maxburg werden, ein neugotisches Traumschloss ganz im Sinne der Burgenromantik. 1845 begannen die Arbeiten, doch bereits Ende 1846 wurden sie wieder eingestellt. Prinz Maximilian hatte das Interesse am Projekt verloren, aus der königlich-bayerischen Kasse floss kein Geld mehr.
Danach stand der Zwitter aus verfallener Burg und neugotischer Bauruine leer, bis die Anlage in einer weiteren Volte der Rezeptionsgeschichte zur „Wiege der Demokratie“ verklärt und zu Beginn der 1980er-Jahre in ein thematisch entsprechendes Museum verwandelt wurde. Postmodernistische Zutaten, Restaurant und Besucherhaus, folgten in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts.
Fahne auf dem Klohäuschen
Was ist nach all diesen politischen Purzelbäumen und architektonischen Überschreibungen von der mittelalterlichen Kästenburg noch vorhanden? Eigentlich ziemlich viel. Komplett original erhalten sind zum Beispiel noch die Bergfried-Wand und die Schildmauer, die den Burghof der Kernburg auf der West- und der Südseite ummanteln. Auch die Ostfassade des Saalbaus ist keine reine Erfindung August Voits: Vor 1845 entstandene Zeichnungen und Druckgrafiken belegen, dass die Wohntrakte die Zerstörungen des 16. und 17. Jahrhunderts relativ gut überstanden hatten.
Besonders aussagekräftig ist in diesem Zusammenhang eine aquarellierte Zeichnung, die der Frankfurter Künstler Friedrich Christian Reinermann im Mai 1821 von der Kästenburgruine anfertigte. Auf dem Blatt sieht man nicht nur, dass der Saalbau noch bis zum zweiten Geschoss aufragte – auch das architektonisch aufwendig gestaltete südliche Erkerfenster ist zu erkennen. Dahinter lag während des Mittelalters höchstwahrscheinlich ein Kapellenraum. Dass es heute in der Ostfassade des Saalbaus zwei Kapellenerker gibt, ist allerdings Voit zu verdanken: Aus Gründen der Symmetrie schuf der Architekt des 19. Jahrhunderts ein nördliches Pendant zum renovierten südlichen Erkerfenster.
Auch dass die Nordflanke des anschließenden Wohnbaus so stark durch Spitzbogenfenster geprägt wird, ist Voits Erfindung. Auf Reinermanns romantischer Zeichnung ist diese starke Durchfensterung ebenso wenig zu erkennen wie auf Erhard Joseph Brenzingers berühmter Federlithografie, die den Festzug von 1832 zeigt. Im Gegenteil, dieser Gebäudetrakt war eher hermetisch gestaltet. Die Zeichnungen lassen in der Hauptsache Kragsteine erahnen, die auf Aborterker hinweisen.
Apropos Abort: Der Turm, von dem auf Brenzingers Fest-Bild die Deutschland-Fahne weht, ist, wie wir nun ja wissen, keinesfalls als Bergfried der Kästenburg anzusehen. Vielmehr handelt es sich dabei, an der Schnittstelle von Saalbau und Wohnbau, um einen Abortturm. Die Fahne, deren Aufschrift „Deutschlands Wiedergeburt“ forderte, wurde 1832 also auf dem steinernen Klohaus der mittelalterlichen Burg gehisst.
Wegweiser
Kästenburg alias Hambacher Schloss: täglich 9.30-18 Uhr geöffnet. Wer gut zu Fuß ist, sollte vom Parkplatz aus den Siebenpfeifferweg nehmen, der auf Waldboden hoch zum Schloss führt. www.hambacher-schloss.de



