Burgen in der Pfalz
Ritterdämmerung: Burg Drachenfels bei Busenberg
Drachenfels. Bei diesem Namen müssten allen Fans der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ die Ohren klingeln. Denn auch dort gibt es eine Burg, die Dragonstone heißt, Drachenstein. Doch anders als die Schauplätze im animierten Vorspann der Serie ersteht die Burg im Wasgau leider nicht so mir nichts, dir nichts aus ihren Ruinen auf.
Wer wissen will, wie der Drachenfels bei Busenberg zu seiner Glanzzeit aussah, muss, vor oder nach der Burgbesichtigung, nach Annweiler ins Museum unterm Trifels fahren. Dort steht ein Modell der Burg, bis ins Detail akribisch durchgestaltet von Kurt Stuck, einem passionierten Burgenforscher, der noch vorhandene Fundamente genau vermisst und daran festmacht, ob das, was heute verschwunden ist, in Stein oder Holz ausgeführt war. Dem Drachenfels hat Stuck deshalb ziemlich viele Fachwerkhäuschen verordnet. Selbst der markante Aufsatzfelsen, der, von Westen aus betrachtet, wie ein von Karies zerfressener Backenzahn ausschaut, trägt bei Stuck einen flachen Fachwerkaufbau. Dass der markante Felskopf, das Wahrzeichen der Ruine, rings umbaut war, belegen die noch vorhandenen Balkenlöcher.
Stucks Modell zeigt den Drachenfels in seiner letzten Ausbaustufe um 1500. Damals war die Feste eine Ganerbenburg mit vielen Anteilseignern. Ein Burgfriedensvertrag vom 11. März 1510 – die mit zahlreichen Siegeln behängte Urkunde wird heute im Deutschen Historischen Museum zu Berlin verwahrt – listet 24 Gemeiner auf, darunter Franz von Sickingen. Zu jener Zeit diente die Burg als Versammlungsort der 1463 gegründeten Heilig-Geist-Gesellschaft, deren Ziel es war, dem Ritterstand wieder zu mehr Glanz und Gloria, vor allem aber zu mehr politischer Relevanz zu verhelfen. Mithin war der Drachenfels ein Stützpunkt des Niederadels, weshalb er schließlich in den Strudel gesellschaftlicher Verwerfungen an der Schwelle zur Frühen Neuzeit geriet.
Fehde gegen Worms
Mächtig was los war hier aber bereits in der Frühphase der Burg. Mutmaßlich um 1240 wurde die zweigeteilte, dem Jüngstberg und dem Heidenberg vorgelagerte Felsbarre befestigt. Urkundlich so richtig greifbar werden die Herren von Drachenfels allerdings erst ab 1280. Und da liegen sie prompt im Streit mit der Stadt und dem Bistum Worms um Markt- und Zollrechte sowie Lehen innerhalb des Wormser Burgfriedens. Offenbar wollten die Cousins Rudolf und Anselm von Drachenfels, eigentlich Ministeriale und Lehensmänner des Klosters Klingenmünster, diese Ansprüche durchsetzen, indem sie immer wieder Wormser Bürger und Kleriker verschleppten und gefangen setzten. Wobei sie mit ihren Nachbarn, den Herren vom Berwartstein, gemeinsame Sache machten.
Im Juni 1283 baten deshalb die neun Räte der Domstadt den künftigen Bischof, in dieser Sache Abhilfe zu schaffen. Doch erst 1287 wurde ein Sühnevertrag geschlossen, in dem die Vettern vom Drachenfels für alle Zeit auf ihre Ansprüche gegen Worms verzichteten. Ein Jahr später beglaubigte König Rudolf von Habsburg höchstpersönlich diese Vereinbarung.
Der Vorgang ist bedeutsam. Denn an ihm zeigt sich exemplarisch eine wesentliche soziale Umwälzung des Spätmittelalters: Die Interessen der niederadeligen Ritter, deren Stand zuvor von den Staufer-Herrschern protegiert wurde, kollidieren nun mit dem erstarkenden Selbstbewusstsein der Städte und ihrer Bürger.
Krach mit Straßburg
Dieser Konflikt eskaliert zu Beginn des 14. Jahrhunderts. 1314 wird der Berwartstein zum Ziel einer militärischen Strafaktion der Städte Hagenau und Straßburg. Dabei werden auch Besitzungen der Herren von Drachenfels verwüstet. Dafür soll die Stadt Straßburg Reparationszahlungen leisten. Doch der juristische Schuss geht nach hinten los: 1335 belagern die Straßburger unter dem Vorwurf des Raubrittertums nun auch die Burg bei Busenberg. Anselm von Drachenfels, wohl der Sohn des Anselms aus den Wormser Vorgängen, wird zur Übergabe der Burg gezwungen, die von den städtischen Siegern geschleift werden darf.
Weg zur Ganerbenburg
Der wirtschaftliche Schaden für die Ritter vom Drachenfels war so groß, dass sie in der Folgezeit ihre zumindest teilweise zerstörte Stammburg verkaufen mussten. Die Grafen von Zweibrücken (später Zweibrücken-Bitsch) erwarben den Drachenfels 1344. Oberster Lehensherr wurde, neben der Abtei Klingenmünster, der Pfalzgraf bei Rhein. Zu den wichtigsten „Afterlehensträgern“, welche die Burg tatsächlich nutzten und bewirtschafteten, avancierten ab 1389 die Eckbrechte von Dürckheim: Gegen Ende des 14. Jahrhunderts verfügte dieses Adelsgeschlecht bereits über den gesamten Drachenfels.
Im Laufe des 15. Jahrhunderts nahmen die Eckbrechte weitere Gemeiner, also Mitbesitzer, auf dem Drachenfels auf. Dabei handelte es sich in der Regel um Angehörige des Niederadels, wie die Herren von Venningen, die Ritter von Ramberg oder die Landschad von Steinach. Die Entwicklung zur Ganerbenburg, die in vielen anderen Fällen zu baulicher Stagnation führte, bewirkte beim Drachenfels das glatte Gegenteil: Die Wasgau-Felsenburg wurde ab etwa 1460 aus- und umgestaltet.
Der Halsgraben, der bis dato den Zugang im Westen sicherte, wurde überbaut. Nach Norden hin schloss man ihn durch ein halbrundes Geschützrondell ab. Der Westfelsen, bis dahin wahrscheinlich nur rudimentär befestigt, wurde konsequent erschlossen und analog zum Ostfelsen in eine Ober- und eine Unterburg gegliedert: Man brauchte Platz für die steigende Zahl ritterlicher Gemeiner, die sich in der Heilig-Geist-Gesellschaft organisierten. Der Eingang zur Burg wurde nach Osten verlegt. Hier errichtete man um 1500 den mächtigen, mit Buckelquadern gepanzerten und etwa 17 Meter hohen Torturm, dessen Reste noch heute imponieren.
Franz, der fatale Mitbesitzer
Diese bauliche Zusammenballung des oberrheinischen Rittertums machte den Drachenfels offenbar auch für die zeitgenössische Prominenz attraktiv. Angeblich soll Kaiser Maximilian I., der sich gerne als idealer Ritter stilisierte, fünf Jahre lang, von 1505 bis 1510, Ehrenmitglied der Drachenfelser Ganerbenschaft gewesen sein. Und der ehrgeizige Söldnerführer Franz von Sickingen, der mal für, mal gegen Maximilian kämpfte, fungierte ab 1510 als Hauptmann der Gemeiner vom Drachenfels. Dies jedoch wurde der Burg zum Verhängnis.
Reich geworden, indem er eifrig Gebrauch vom Fehderecht machte, zettelte Franz von Sickingen 1522 einen wahlweise „Pfaffenkrieg“ oder „Ritteraufstand“ genannten Feldzug gegen das Kurfürstentum und Erzbistum Trier an. Doch seine Belagerung der Stadt scheiterte. Stattdessen verbündeten sich nun die Kurpfalz und der Landgraf von Hessen mit Kurtrier gegen den „letzten Ritter“. Franz von Sickingen verschanzte sich auf seiner Burg Nanstein. Diese wurde vom Heer der Fürstenkoalition Anfang Mai 1523 eingekesselt und mit Kanonen beschossen. Dabei wurde Franz so schwer verwundet, dass er nach zwei Tagen kapitulierte. Am 7. Mai erlag der Sickinger seinen Verletzungen.
Drei Tage später, am 10. Mai 1523, marschierte die Streitmacht der Fürsten vor dem Drachenfels auf. Und obwohl der Burgvogt die zu diesem Zeitpunkt mit nur acht Knechten besetzte Anlage kampflos übergab, wurde sie von den Siegern konsequent zerstört und mit einem Wiederaufbau-Verbot belegt.
Damit endete eine politische Entwicklung, die sich bereits im Zwist der Ritter von Drachenfels mit der Stadt Worms während der 1280er-Jahre angedeutet hatte. Die Tage des Rittertums waren nun endgültig vorbei, der Treffpunkt des Niederadels ausradiert, der Drachenfels auf sein felsiges Innenskelett reduziert.
Epilog mit Drachenkunst
Als Hauptlehensnehmer hatten die Eckbrechte von Dürckheim 1523 den größten Schaden. Sie konzentrierten ihre Bautätigkeit in der Folgezeit auf die etwas weiter südlich und heute im Elsass gelegene Burg Schöneck, mit der sie 1517 belehnt worden waren.
Und der namengebende Drache? Einer Sage zufolge soll er einst für die Lücke zwischen Ost- und Westfelsen gesorgt haben. Dort findet man ihn tatsächlich heute noch, in Gestalt einer vermutlich mittelalterlichen Ritzzeichnung auf einer Wand des Halsgrabens. Feuer speit dieser verwitterte Graffiti-Lindwurm freilich nicht.
Wegweiser
Burgruine Drachenfels bei Busenberg ist frei zugänglich; vom Parkplatz an der Drachenfelshütte sind es fünf Gehminuten zur Burg. Zurzeit finden Sanierungsarbeiten im Bereich des Torturms statt, daher ist die Ruine nur vom westlichen Ende über den Halsgraben zugänglich. Die Oberburg des Westfelsens ist nicht erschlossen. Einkehrmüglichkeit: Die Drachenfelshütte ist Mi/Sa/So 11-18 Uhr bewirtschaftet. Wandertipp: Zwei Prädikatswanderwege führen über die Burgruine, der Bären-Steig (14 km) und der Busenberger Holzschuhpfad (24 km). Für etwas kürzere Touren sind Buchkammerfels und Heidenpfeiler (auf dem Heidenberg) sowie der Jüngstberg lohnende Ziele. Noch mehr Burgen-Wissen gibt’s auf www.rheinpfalz.de/burgen



