Burgen im Elsass
Romantik für Indiana Jones: Burgruine Hohenfels bei Dambach
Ihre Mauern sind eingesunken, ihre Wächter seit Jahrhunderten Asche und Staub. Dennoch erscheint Burg Hohenfels ziemlich hermetisch. Das beginnt mit der Suche nach dem Eingang.
Wer sich der Ruine, vom 750-Seelen-Dörfchen Dambach kommend, nähert, entdeckt zuerst den Halsgraben, darüber einen ambossartigen Felskopf, an den sich ein langes, zweigeteiltes Sandsteinriff anschließt. Ein Stück Mauer, irgendwann heruntergepurzelt und von Farn besetzt, flankiert den Weg. Dahinter gerät, etwas über Kopfhöhe, weiteres Mauerwerk in Sicht. Es gehörte offensichtlich zu einem Gebäude, das sich über eine schmale Terrasse am Fuß des Oberburgfelsens erstreckte. Dass dieses steinerne Haus auch wehrtechnische Funktion hatte, verraten Kragsteine, die auf einen Guss- oder Schießerker schließen lassen.
Auf dem Weg zum Westbug des Burgfelsens stößt man noch auf einen Felsenkeller mit Rundpforte. Und wer dann, nach Umrundung des westlichen Felskopfes, die Nordflanke abschreitet, erblickt hoch über sich die dreistöckigen Reste eines Wohnbaus. Spaltartige Öffnungen über dem Felsrand markieren das Kellergeschoss. Aus den Fenstern im Erdgeschoss machte Zerstörung klaffende Löcher, die Rechteckfenster im Stockwerk darüber sind dagegen gut erhalten. Reste eines Aborterkers ragen aus dem Mauerwerk, das vor allem im unteren Bereich Glatt- und Buckelquader miteinander vermengt.
Sesam, öffne dich!
Es ist also noch Nennenswertes an Burg vorhanden. Doch wie kommt man hinein? Diesbezüglich erweist sich die Nordflanke, die offenbar – es fehlen jedwede Balkenlöcher – nie bebaut wurde, als noch abweisender als die Südseite der Anlage. Jedenfalls zunächst. Denn unmittelbar, bevor man wieder auf den Halsgraben trifft, führen in den Felsen gehauene, stark erodierte Treppenstufen dann doch hinauf, um den Fuß des östlichen Felskopfes herum – und hinein in die Ruinen jenes Gebäudes, das sich, akkurat rechteckig, an die Südflanke des Oberburgfelsens schmiegte.
Interessanter als die bereits von unten betrachtete Außenmauer dieses Baus ist das, was aus der Sandsteinbarre gehauen wurde: eine Zisterne, ein großes Wasserbecken, dazwischen eine Art Wasserleitung. Jürgen Keddigkeit und Alexander Thon, die Autoren des Hohenfels-Artikels im Pfälzischen Burgenlexikon, vermuten, dass der Trakt um 1400 errichtet und, wegen seiner Wasserversorgung, auch als Küche und Werkstatt genutzt wurde.
Eine Felsentreppe führt weiter empor auf den Einschnitt zwischen östlichem und westlichem Oberburgfelsen. Seitdem ihr das umgebende Mauer- oder Fachwerk abhandengekommen ist, spannt sich hier eine Art Treppenbogenbrücke völlig ungesichert hoch zum westlichen Plateau. Wer den Aufstieg trotz mangelnden Geländers wagt, genießt dieselbe Perspektive wie ehedem Jacques Rothmüller (1804-1862).
Der aus Colmar stammende Zeichner und Lithograph hielt vor 200 Jahren „Malerische Ansichten der Schlösser, Denkmäler und merkwürdigen Gegenden des Elsasses“ fest, die er zwischen 1836 und 1839 publizierte. Auf seinem Hohenfels-Blatt sitzt ein Wanderer, Tischbeins „Goethe in der Campagna“ nicht unähnlich, am Abgrund und schaut hinüber auf die westliche Schmalseite des östlichen Wohnbaus, die, fensterlos und mit Buckelquadern verkleidet, schildmauerartigen Charakter hat. Dieselbe romantische Ansicht bietet sich dem Betrachter noch heute. Näher kommt man dem Phänomen jedoch nicht: Die Oberburg ist nicht erschlossen, die dort aufragende Wohnbauruine nicht zugänglich.
Die Herren von Ettendorf
Somit bleibt Zeit, das zusammenzukratzen, was man über Hohenfels weiß. Viel ist es nicht. Und dass es auf dem Donnersberg eine weitere Burg Hohenfels gab, macht das Studium der Schriftquellen zusätzlich kompliziert.
Das Hohenfels im Nordelsass taucht erstmals 1291 in einer Urkunde auf, aus der hervorgeht, dass Burg und Hof bei Dambach im Besitz der Herren von Ettendorf waren und vom Straßburger Bischof zu Lehen gingen. Die Ettendorfer begegnen zuvor, in der Zeit Philipps von Schwaben und Kaiser Friedrichs II., als Teil der staufischen Verwaltung in Hagenau, waren aber keine Ministerialen, keine Dienstadeligen, sondern Edelfreie. Gut denkbar, dass sie Hohenfels während der Zeit des Interregnums (1250-1273) hochzogen: Damals, nach dem Niedergang der Staufermacht, entwickelte der Niederadel insbesondere im Wasgau und dem nördlichen Elsass eine rege Burgenbautätigkeit.
Auch für die Burgen Wineck und Schöneck – beide liegen fußläufig jeweils nur fünf bis sechs Kilometer von Hohenfels entfernt – zieht die Forschung die Herren von Ettendorf als Erbauer in Betracht. Damit hätte sich das Geschlecht in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts im Raum um Dambach ein kleines Territorium arrondiert. Aber das bleibt, wenn auch topographisch plausibel, nur Mutmaßung.
Fakt ist: Im Lauf des 14. Jahrhunderts gerieten die Ettendorfer in finanzielle Nöte. Sie mussten Teile ihrer Güter verpfänden. Das brachte auf dem Hohenfels ab den 1360er-Jahren die Herren von Lichtenberg und die Grafen von Leiningen als Anteilseigner ins Spiel, wenig später zusätzlich die Grafen von Zweibrücken-Bitsch.
Boemund gegen den Rest
Um die missliebigen Miteigentümer wieder loszuwerden, startete Boemund (oder Beymunt) von Ettendorf, der in den Urkunden dezidiert den Zusatztitel „Herr zu Hohenfels“ führt, ab 1385 gewiefte Transaktionen: mit Kurfürst Ruprecht I. von der Pfalz, dann mit dem Markgrafen von Baden, schließlich mit dem Bistum Straßburg. Das führte, logisch, zu Streit mit den anderen Herren, die Ansprüche auf Hohenfels geltend machten. Einmal, 1389, wurde Boemund von den beiden Grafen, dem Leininger und dem Zweibrücker, gar gefangengesetzt; Pfalzgraf Ruprecht musste schlichten.
Letztlich blieben Boemunds Bemühungen, die alleinige Verfügungsgewalt über Hohenfels zurückzugewinnen, auch deshalb erfolglos, weil mit ihm um 1408 der letzte legitime Herr von Ettendorf starb. Danach wären die Zweibrücker, Leininger und Lichtenberger am Zug gewesen, aber offensichtlich war diese Eigentümergemeinschaft nur an den Einkünften der Herrschaft, nicht an der Burg selbst interessiert. Eine fortifikatorische Modernisierung unterblieb. Es gibt keinen Zwinger, keine Flankierungstürme, keine Rondelle. Der Bauplan der Anlage stagniert auf dem Level des frühen gotischen Burgenbaus zwischen 1250 und 1300. Selbst die spätmittelalterlichen Rechteckfenster im Obergeschoss des Wohnbaus dürften noch aus der Zeit des letzten Ettendorfers stammen.
Daher wundert es nicht, dass schon 1542 berichtet wird, die Burg sei „zerbrochen und ohnbewohnt“. Was von Hohenfels blieb, reizt sowohl den Indiana Jones als auch den Romantiker in uns.
Wegweiser
Burgruine Hohenfels bei Dambach ist frei zugänglich und nur zu Fuß zu erreichen. Anfahrt von Obersteinbach über die D53, dann über die D853. In Dambach nach der Kirche links abbiegen in die Rue du Lion, am Ende der Straße findet sich ein Parkplatz. Von dort wandert man 1 km in westlicher Richtung hoch zur Ruine, teilweise ist der Weg recht steil. Die 4. Etappe des Elsässer Burgenwanderwegs (Le chemin des châteaux forts d’Alsace) verbindet Hohenfels mit den Windsteiner Burgen und Burgruine Falkenstein beim Étang de Hanau.



