Burgen im Elsass
Späte Blüte unter den Herren von Dürckheim: Burgruine Schöneck
Schöneck. An diesem Dezembertag macht die Burgruine in den nördlichen Vogesen ihrem Namen alle Ehre. Was von einem Wohngebäude mit kleinen Spitzbogenfenstern übrig ist, leuchtet rötlich in der Wintersonne. Markant stechen die Buckelquaderkanten hervor, die das Glattmauerwerk akzentuieren. Die stattlichen Trümmer der weitläufigen Anlage liegen verlassen. Nur Licht und Schatten spielen zwischen den Ruinen: Man muss kein Romantiker sein, um hier malerische Ansichten zu entdecken.
Typologisch gehört Schöneck zu den Felsenburgen des Wasgaus. Weil die Feste, die zwischen Obersteinbach und Dambach zu finden ist, ab dem späten 15. Jahrhundert und bis ins 17. Jahrhundert hinein schubweise um- und ausgebaut wurde, repräsentiert Schöneck aber auch exemplarisch die Burg am Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit, darin vergleichbar mit der Hardenburg, der Hohenburg, Neuscharfeneck oder Neudahn. Eng verbunden war diese Bauentwicklung ab 1517 mit einem Rittergeschlecht, dessen Name in die Pfälzer Wurstmarkt-Stadt weist: Die Herren Eckbrecht von Dürckheim ließen Schöneck maßgeblich modernisieren.
Während wir über die Spätzeit der Burg einiges wissen, tappt die Forschung, was ihre Anfänge betrifft, im Dunkeln. In ihrem enzyklopädischen Werk über „Die Burgen des Elsass“ setzen Thomas Biller und Bernhard Metz die ältesten Reste auf Schöneck – die Ruinen auf dem nördlichen und dem südlichen Oberburgfelsen – in die Zeit um 1250. Die Datierung orientiert sich an der baustilistischen Schwellensituation zwischen Spätromanik und früher Gotik, die man an den dort erhaltenen Mauerzügen beobachten kann.
Doppelburg der Ettendorfer?
Wegen der markanten Lücke in der zentralen Buntsandsteinbarre und der dadurch vorgegebenen Zweiteilung der Anlage gehen Biller und Metz außerdem davon aus, dass Schöneck anfangs als Doppelburg konzipiert war – „einheitlich erbaut wohl für zwei Familien“. Aber aus welchem Geschlecht?
Waren es die Herren von Ettendorf? Denen gehörten zu jener Zeit die benachbarten Burgen Windeck (Wineck) und Hohenfels bei Dambach. Aufgrund der räumlichen Nähe erscheint es plausibel, in den Ettendorfern auch die frühen Besitzer Schönecks zu vermuten. Doch schriftliche Belege dafür fehlen.
Urkundlich erwähnt wird die Burg erstmals 1287, als der Straßburger Bischof Konrad von Lichtenberg eine Sondersteuer erhebt, um „castrum Schenecke“ zurückzukaufen – von wem, erfährt man nicht. Nun – wieder – in bischöflichem Besitz wird Schöneck 1301 von Konrads Bruder und Nachfolger Friedrich an den Neffen Johann von Lichtenberg verlehnt. Bis 1480, also fast 200 Jahre lang, bleiben die Herren von Lichtenberg im Besitz der Burg, freilich ohne viel aus der Immobilie zu machen: Unter dem letzten Lichtenberger residierte auf Schöneck lediglich ein bürgerlicher Burgvogt, der hier Vieh züchtete. Was den zwischenzeitlichen Bedeutungsverlust der Anlage unterstreicht.
Als die Lichtenberger 1480 im Mannesstamm ausstarben und die Grafen von Zweibrücken-Bitsch ihr Erbe antraten, war Schöneck entsprechend stark „in unbaw kommen“ – in moderndem Deutsch: vergammelt. Vermutlich initiierten bereits die Zweibrücker Grafen erste Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen. 1517 gaben sie Schöneck dann an Wolf Eckbrecht von Dürckheim weiter, mit der Auflage, die Burg „wieder in Bau und Wesen zu bringen“.
So entstanden in den Jahrzehnten nach 1480 das große U-förmige Rondell an der Westflanke, dessen von einem Rundbogenfries getragenes Obergeschoss dank eines Kamins und eines Aborts bewohnbar war. Die östliche Unterburg erhielt zwei Flankierungstürme und ein schönes Burgtor mit halbrundem Wurferker. Die Südspitze der Anlage wurde mit einem Torzwinger versehen, bewehrt mit rechteckigen Bastionen, die Elemente des Festungsbaus aufgreifen. Die südwestliche Bastion soll sogar erst zwischen 1600 und 1650 entstanden sein.
Aufstieg im Spätmittelalter
Unter den Herren Eckbrecht von Dürckheim erlebte Schöneck also eine späte Blüte. Doch was hat es mit diesen pfälzisch-elsässischen Grenzgängern auf sich? Dass die Ursprünge der Ritter tatsächlich in Dürkheim zu suchen sind, beweist ihr Wappen, das eine sogenannte Doppelhafte zeigt und weitgehend mit dem Wappen der Kurstadt übereinstimmt. Auch an mehreren Türstürzen auf Schöneck ist das markante heraldische Symbol zu entdecken.
Während die Dürckheimer, die sich zur Verwirrung des heutigen Publikums mit „ck“ schreiben, in den Zeugenlisten des Hochmittelalters keine große Rolle spielen, belegen Urkunden des Spätmittelalters, dass ihre Karriere ab dem 14. Jahrhundert Fahrt aufnahm. Da findet man sie im Dienst der Pfälzer Kurfürsten. 1386 wird ein Heinrich Eckbrecht von Dürckheim zum kurpfälzischen Amtmann auf der Burg Kirkel bei Homburg. 1405 macht ihn König Ruprecht I., vormals Pfalzgraf, zum Vogt auf der wichtigen Burg Ortenberg bei Scherwiller. Ab 1347 halten die Herren von Dürckheim Anteile an Burg Alt-Windstein, die nur sechs Kilometer von Schöneck entfernt liegt. Sie besitzen Burglehen in Wachenheim und Hagenau. Ab 1398 gehört ihnen, als Afterlehensträger, die gesamte Burg Drachenfels bei Busenberg. Und 1407 bauen sie im nordelsässischen Dörfchen Frœschwiller ein eigenes Schloss.
An den topographischen Koordinaten dieser Expansion sieht man, dass heutige territoriale Begrenzungen nicht greifen: Zur Zeit der Dürckheimer bildeten Pfalz, Kurpfalz, Saarpfalz und Elsass einen einheitlichen politischen Raum aus Streubesitz diverser Herren.
Als Herren vom Drachenfels lagen mehrere Eckbrechte von Dürckheim zu Beginn der 1470er-Jahre im Dauerclinch mit Eberhard Wyler, dem Burgvogt des Berwartsteins. Zweimal stürmten sie die Nachbarburg. Bei der zweiten Eroberung entführten sie Wyler und setzten ihn gefangen. 1474 verhängte deshalb Kaiser Friedrich III. die Reichsacht über die Brüder und Vettern Peter, Heinrich, Hertwig und Hans Eckbrecht von Dürckheim. Dem Ansehen der Familie scheint dieser Rechtsakt nicht nachhaltig geschadet zu haben, wie die Schöneck-Transaktion von 1517 beweist.
Endspiel im 17. Jahrhundert
Ihre Neuerwerbung nutzten die Dürckheimer übrigens bis ins späte 17. Jahrhundert hinein. Besonders während des Dreißigjährigen Kriegs (1618-48) diente ihnen Schöneck als Wohnsitz. Als die Burg 1663 abbrannte, wurde sie umgehend wiederhergestellt.
Während des Holländischen Kriegs (1672-78) zog sich Wolf Friedrich Eckbrecht von Dürckheim auf Burg Schöneck zurück, um von hier aus im Auftrag der Kurpfalz mit einer Besatzung gegen die französischen Truppen zu agitieren. Diese zeigten sich beeindruckt von Schönecks Dimensionen: „Was die Unterkünfte betrifft, so gäbe es außer der des Kommandanten und der Offiziere genügend Platz, um 150 Mann Fußvolk und 50 Pferde bequem unterzubringen“, notierte 1680 ein französischer Offizier. Dann sprengten seine Männer die Burg.
Und das Geschlecht derer von Dürckheim? Das überdauerte den Untergang Schönecks nicht nur, sondern wurde später sogar in den Grafenstand erhoben. Als letzter Getreue des bereits geschassten bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. ging etwa Alfred Graf Eckbrecht von Dürckheim-Montmartin (1850-1912) in die Geschichte ein.
Wegweiser
Burgruine Schöneck ist über die D53 zu erreichen, die von Obersteinbach nach Wineckerthal, Windstein und Dambach führt. An der Landstraße gibt es einen kleinen Parkplatz. Von dort führt ein Fußweg in 20 Minuten hoch auf die frei zugängliche Ruine, um die sich ein rühriger Verein kümmert: www.chateauschoeneck.fr. Weitere Informationen auch zu anderen Burgen im Elsass findet man auf der Webseite www.chateauxfortsalsace.com



