Burgen in der Pfalz
Meistersel: Rekonstruktion einer Ganerbenburg
So hat das Ganze also mal ausgesehen? Wow! Das Bild verblüfft. Und es erhellt. Seitdem Burgruine Meistersel vor ein paar Jahren im Auftrag der Generaldirektion Kulturelles Erbe saniert wurde, steht am Parkplatz unterhalb der Burg eine instruktive Hinweistafel. Sie listet nicht nur zentrale Daten aus Meistersels Historie auf, sondern präsentiert auch eine frappierend naturalistische computergrafische Rekonstruktion der Burg. Was man oben, beim Rundgang durch die Ruine, nach den archäologischen Ausgrabungen und bestandserhaltenden Maßnahmen, die im Herbst 2020 abgeschlossen wurden, in Ansätzen erkennen kann, ist in diesem Bild, das wir hier abdrucken, anschaulich ausgeführt.
Demnach erhob sich in der Mitte des Oberburgfelsens ein branchenüblicher Bergfried. Diesem schloss sich südlich ein Palas an, in dessen Ostwand sich ein gotisches Gruppenfenster aus vier gleichhohen schmalen Spitzbögen erhalten hat. Auf dem nördlichen Teil des Oberburgfelsens stand ein weiteres Wohngebäude, das sich an einen zweiten turmartigen Bau anlehnte. Dessen dreieckig zugespitzte Nordkante ragt noch heute wie ein steinerner Bug über dem Halsgraben auf, der bei den Sanierungsarbeiten wieder freigelegt wurde.
Für die Unterburg, von der heute neben Ringmauer, Brunnenturm, zwei Toren und einem Keller fast nur Fundamente übrig sind, vermuten die Mittelalterarchäologen einen Mix aus steinernen Häusern, Fachwerkbauten und hölzernen Wehrgängen. Die Rekonstruktion zeigt den Zustand der Burg im Spätmittelalter, um das Jahr 1450.
Erst Bischofsburg, dann Reichsburg
Es ist jene Phase in der Geschichte der Burg, aus der wir durch eine Teilungsurkunde von 1407 und diverse Burgfriedensverträge am besten informiert sind über die bauliche Gestalt der Feste. Dabei ist Meistersel, die typologisch zu den Felsenburgen zu rechnen ist, wesentlich älter. Bereits um 1100 muss es hier eine Anlage gegeben haben. Denn damals überschrieb Bischof Johannes I. von Speyer neben der Kästenburg, heute besser als Hambacher Schloss bekannt, und Deidesheim auch Burg Meistersel aus Eigenbesitz an sein Bistum.
Nach diesem notariellen Akt klafft in der Überlieferung eine Lücke von fast 90 Jahren. Doch zwischen 1186 und 1198 taucht in mehreren Urkunden ein Heinrich von Meistersel auf, der sich nach der Burg benennt und in Rechtsakten der Stauferherrscher Friedrich Barbarossa, Heinrich VI. und Philipp von Schwaben als Zeuge fungiert. Offensichtlich war dieser Heinrich ein staufischer Ministeriale und Meistersel mithin im Laufe des 12. Jahrhunderts zur Reichsburg geworden.
Dass sie dies blieb, könnte erklären, warum sich Meistersel ab etwa 1300 im Besitz der Herren von Ochsenstein befand. Dieses Adelsgeschlecht, dessen männliche Vertreter mit Vorliebe den Namen Otto führten, hatte seine Stammburg im Elsass, in der Nähe von Marmoutier. Otto II. von Ochsenstein war mit einer Schwester des Königs Rudolf von Habsburg (1218-1291) verheiratet, der im Zuge seiner dynastischen Politik, so die Vermutung der Burgenforscher, die Ochsensteiner Verwandtschaft mit Pfälzer Liegenschaften ausstattete, die damals an das Reich zurückgefallen waren. Neben Burg Meistersel gehörte dazu auch ein Teil der Burg Landeck.
Entwicklung zur Ganerbenburg
Offenbar gerieten die Herren von Ochsenstein in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in finanzielle Nöte. Denn 1369 verpfändete Otto V. von Ochsenstein die Hälfte von Burg Meistersel für 5000 Florentiner Gulden an Konrad Landschad von Steinach. Damit setzte Meistersels Entwicklung zur Ganerbenburg ein: Konrads Sohn verpfändete ein Viertel seiner Burghälfte an seinen Schwager aus dem Geschlecht der Kämmerer von Worms, die Zerstückelung der Besitzverhältnisse setzte sich munter fort, und gegen Ende des 14. Jahrhunderts hatte Meistersel bereits fünf „Gemeiner“, also Anteilseigner, darunter auch den Pfälzer Kurfürsten.
Viele Köche verderben bekanntlich den Brei, und auch bei Meistersel scheint die Aufteilung unter einer Eigentümergemeinschaft dazu geführt zu haben, dass die Burg verwahrloste. Die Pfandnehmer und Anteilseigner waren vor allem an den Einkünften aus den mit der Burg verbundenen Ländereien interessiert, der Unterhalt der Burg wurde dagegen vernachlässigt.
Als sich im Jahr 1404 Bischof Raban von Speyer und sein Bruder Hans von Helmstatt auf Meistersel einkauften, sahen sich die beiden neuen Burgherren deshalb gezwungen, zunächst einen Burgfriedensvertrag mit ihren Miteigentümern abzuschließen. Dieser sah unter anderem vor, dass alle Mitglieder der Burgeigentümergemeinschaft einen bestimmten Betrag investieren sollten, um „die Feste in notwendigem Bau zu erhalten“. Außerdem wurde beschlossen, Meistersel mit 16 Edelknechten zu bemannen. Bis 1407 brachten die Helmstatt-Brüder die Hälfte der Burg in ihren Besitz und sicherten sich dabei Meistersels Filetstücke: nämlich sowohl in der Unterburg als auch auf dem Felsen sämtliche Gebäude zwischen dem Hauptturm und dem südlichen „Schnabeleck“.
Einfach aufgegeben?
Für das weitere 15. Jahrhundert sind wir noch ganz gut mit Nachrichten zur Burg zwischen dem Bürstenbinderdorf Ramberg und dem Modenbachtal versorgt. Sie bestätigen vor allem, dass Meistersel Ganerbenburg und Reichslehen blieb. Doch dann tröpfeln die schriftlichen Quellen zur Burg allmählich aus. Wann sie zerstört wurde und von wem? Man weiß es nicht. „Als die Meistersel dann im Bauernkrieg 1525 von Aufständischen geplündert wurde, war die Burg kaum noch bewohnt. Man gab sie einfach auf“, ist auf dem Hinweisschild am Fuße des Burgbergs zu lesen.
Dieser These scheint jedoch eine gemalte Karte aus dem Jahr 1564 zu widersprechen, die im Speyerer Landesarchiv aufbewahrt wird. Sie zeigt die Gegend um Gleisweiler, Burrweiler und Ramberg mitsamt den Burgen dieses Gebiets. Während Altscharfeneck als abgegangener Burgstall markiert ist und die heute verschwundene Geisburg bei Burrweiler als Ruine dargestellt wird, zeigt die Karte Neuscharfeneck, Ramburg und auch Meistersel in intaktem Zustand. Das würde bedeuten, dass der Verfall der Burg später einsetzte, zu einem Zeitpunkt nach 1564.
Wie dem auch sei – was sich an architektonischen Resten auf Meistersel erhalten hat, weist primär ins 14. und 15. Jahrhundert, in die Zeit der Herren von Ochsenstein und des Speyerer Bischofs Raban aus dem Hause Helmstatt. Danach scheint auf der Burg nicht mehr viel passiert zu sein.
Wegweiser
Burgruine Meistersel, auch Modeneck genannt, liegt zwischen Ramberg und Modenbachtal und ist frei zugänglich. Vom Parkplatz an der L 506 bei Ramberg sind es etwa zehn Gehminuten hoch zur Burg. Eine Einkehrmöglichkeit ganz in der Nähe, quasi gegenüber, bietet das Waldhaus Drei Buchen bei Ramberg. Ein 17 Kilometer langer Drei-Burgen-Rundweg verknüpft Meistersel mit der Ramburg und Neuscharfeneck. Letztere Burg ist allerdings zurzeit für Besucher gesperrt. Infos zu Meistersel unter www.burgenlandschaft-rlp.de




