Burgen in der Pfalz
Auferstanden aus Ruinen: Burg Berwartstein bei Erlenbach
Am Ende landen wir buchstäblich im finstersten Mittelalter. Wer Burg Berwartstein verlassen will, muss den Weg durch unterirdische Gänge und Säle nehmen, die einst direkt aus jenem Felsen gehöhlt wurden, auf dem die Wasgau-Burg mit der markanten Silhouette fußt.
Elektrische Teelichter erhellen die Felsenflure nur spärlich, die schaurig-düstere Atmosphäre gehört zum Abenteuer. Schlagartig erinnern wir uns an die Sage von der Burgherrin, die, vom eindringenden Feind verfolgt, mit ihrem Säugling vom Söller in den Tod sprang und seither als „weiße Frau“ keine Ruhe findet. Also aktivieren wir lieber mal die Taschenlampenfunktion unserer Smartphones, um besser sehen zu können und etwaigen Gespenstern aus dem Weg zu gehen.
Geschafft! Der Ausgang ist erreicht, die Tür fällt hinter uns zu. Wir blinzeln in die Sonne, die im Burghof die einladend dekorierten Sitzgruppen des burginternen Ausflugslokals bescheint.
Hinter uns liegt ein Parcours, der Mittelalter als Erlebnis inszeniert. Auf Burg Berwartstein gibt’s eine Folterkammer mit Streckbank und „Spanischem Reiter“, eine Waffenkammer, eine Kemenate, einen Rittersaal, eine Burgküche. Dazu jeweils QR-Codes, die man abscannen kann, um zu Informationen in drei Sprachen zu gelangen. Und das alles in intakten Mauern, die dem Betrachter vorgaukeln, dass diese Burg niemals zerstört gewesen sei. Dabei lag der Berwartstein 300 Jahre lang in Trümmern.
Des Hauptmanns Traum von einer Ritterburg
1591 brannte die Burg, vom Blitz getroffen, aus. Sie wurde zur „unbewohnbaren Ruine“, wie ein Dokument von 1645 weiß. Wiederaufbaupläne aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg scheiterten an den zu hohen Kosten, und so zeigen noch Zeichnungen aus der Zeit um 1830 den Berwartstein als verfallenes Bergschloss.
Dann aber kam Theodor von Baginski, genannt Hoffmann, des Wegs, ein ehemaliger Hauptmann aus Ostpreußen, der als Besitzer eines Bergwerks zu Geld gekommen war. 1893 kaufte er den kaputten Berwartstein den damaligen französischen Besitzern ab. 1894 begannen erste Ausbesserungsarbeiten – ein Jahr später ragte die Oberburg in jener architektonischen Form empor, die der Wanderer seither erblickt.
Mithin ist der Berwartstein ein Produkt der Burgenromantik, auferstanden aus Ruinen wie Schloss Stolzenfels oder die Burgen Rheinstein und Sooneck im Mittelrheintal. Und so, wie dort die preußischen Prinzen durch Fortschreibung des Mittelalters ihre Herrschaft manifestieren wollten, mischen sich auch in Hoffmanns Renovierungsprojekt nationalistische Untertöne. Demnach habe er die Ruine erworben, „um den völligen Zusammenbruch der Überbleibsel zu verhüten, weil zu deren Erhaltung von Seiten der undeutschen Eigentümer nichts geschah“, schreibt der Hauptmann a. D. polemisch in seinem 1897 publizierten Berwartstein-Brevier.
Was alte Kunst dokumentiert
Ist die Burg damit ein bloßer „Fake“? Eine Erfindung des Historismus? Nein. Hoffmanns Wiederaufbau nutzte nicht nur die alten Felsenkammern, sondern er integrierte und überformte auch das, was an originärem Mauerwerk noch vorhanden war. Diesbezüglich lohnt sich ein Blick auf die bereits erwähnten Grafiken des frühen 19. Jahrhunderts.
1825 brach der junge Karlsruher Architekturstudent Friedrich Jakob Peipers zu einer Wanderung durch den Wasgau auf. Dabei zeichnete er unter anderem die Ruine des Berwartsteins. Seine aufschlussreiche Skizze, die sich seit 2021 im Besitz des Annweilerer Museums unterm Trifels befindet, zeigt die Südwestflanke der Burg.
Eine detaillierte Ansicht aus nordöstlicher Perspektive überliefert eine lavierte Feder- und Sepiazeichnung von Peter Gayer, der von 1823 bis zu seinem Tod 1836 das Archiv des Bayerischen Rheinkreises in Speyer leitete. Und der Maler Heinrich Jakob Fried machte die Ruine in einer 1830 entstandenen Lithographie zur Kulisse für ein dramatisches Notturno mit Hirschrudel im Mondenschein.
Allen drei Blättern ist gemein, dass sie für die Oberburg des Berwartsteins einen langgestreckten Wohnbau erkennen lassen, der noch etwa zwei bis drei Stockwerke emporragt. An seinem Südende war er augenscheinlich zu einer Art Schildmauer erhöht und verstärkt. Dazu passt Hoffmanns architektonische Interpretation von 1895 ganz gut.
Schwieriger wird’s beim Turm der Oberburg. Denn der lässt sich aus den Zeichnungen des 19. Jahrhunderts so nicht herauslesen. Wenn es ihn überhaupt gab, war er definitiv nicht in dem Maße mit Fensteröffnungen versehen, wie Hoffmann ihn rekonstruieren ließ.
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Was die historischen Zeichnungen dagegen verbriefen, ist die Rechteckform der Wohnbau-Fenster, die auf Umbaumaßnahmen an der Schwelle zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit hindeuten. Die Zeichnungen von Gayer und Peipers dokumentieren außerdem jeweils einen der drei runden Geschütztürme, die seit dem späten 15. Jahrhundert die Unterburg flankierten. Zur Kapelle „umgeweiht“ und mit Beispielen mittelalterlicher Buchkunst ausgemalt wurde der nördliche Geschützturm allerdings erst in jüngerer Zeit.
Belagerung im Jahre 1314
Bleibt noch der spektakuläre Felskamin, der Generationen frappierter Schüler beim Klassenausflug als ehedem einziger Eingang zur Oberburg präsentiert wurde. Auch diese Nachricht gibt Anlass zu Zweifeln. Mancher Burgenforscher will im Schacht eher eine „Sappe“ sehen, eine Mine, die Belagerer anlegten, um den Berwartstein zu unterminieren.
Und belagert wurde die Burg, die 1152 erstmals urkundliche Erwähnung fand, tatsächlich: 1314 zieht ein Bündnisheer der Städte Straßburg und Hagenau vor die Burg. Der Vorwurf gegen ihren Herrn, Eberhard von Berwartstein, lautet auf Landfriedensbruch. Nach fünfwöchiger Belagerung wird das „Raubritternest“ Berwartstein eingenommen, seiner Vorräte beraubt, 25 Verteidiger führt man als Gefangene nach Straßburg ab.
Folge des Konflikts: Die Ritter von Berwartstein, ursprünglich Ministeriale des Hochstifts Speyer, geraten in finanzielle Schieflage. Bereits in der nächsten Generation müssen sie ihre Stammburg versetzen – 1343 an die Herren von Weingarten. Die verkaufen den Berwartstein vier Jahre später weiter: an die Abtei Weißenburg, die in den folgenden 125 Jahren wechselnde Burgvögte auf der Feste einsetzt.
Herrn Wylers tiefer Fall
Der letzte dieser Weißenburger Verwalter ist Erhard Wyler. Weil das Kloster bei ihm tief in der Kreide steht, kann er de facto schalten und walten, wie er will. Dazu gehört, dass er sich mit seinen Nachbarn auf Burg Drachenfels, den Eckbrechten von Dürkheim, einen Kleinkrieg um Wald und Weiderechte liefert. 1471 haben die Eckbrechte die Schnauze voll: Sie stürmen den Berwartstein in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, schnappen sich Wyler und verschleppen ihn auf den Drachenfels, wo sie ihn zwei Jahre lang einkerkern.
Pech nicht nur für Wyler, sondern auch für die Abtei Weißenburg. Denn die verliert in diesen Wirren den Berwartstein ausgerechnet an den Pfälzer Kurfürsten Friedrich I., der schon seit 1469 versucht, das an Besitzungen reiche Benediktiner-Kloster unter seine Kontrolle zu bringen.
Auftritt Hans von Trotha
Nach Friedrichs Tod setzt sein Nachfolger Philipp „der Aufrichtige“ die Schikane-Politik seines Onkels und Adoptivvaters gegen Weißenburg fort. 1480 installiert Kurfürst Philipp zu diesem Zweck seinen engen Vertrauten Hans von Trotha als neuen Burgherrn auf dem Berwartstein.
Der ursprünglich aus Thüringen stammende Ritter, der seit 1470 im Dienst der Kurpfalz steht, modernisiert die Burg. Er erweitert ihre Befestigung durch runde Geschütztürme, sogenannte Rondelle, und lässt auf dem gegenüberliegenden Nestelberg die Bastion Klein-Frankreich errichten, um etwaige Belagerer zwischen Burg und Vorwerk in die Zange nehmen zu können. Außerdem arrondiert Trotha seinen Besitz. Als er vom Weißenburger Abt das wirtschaftlich einträgliche „Zugehör“ des Berwartsteins einfordert, entspinnt sich ein Streit, auf dessen Höhepunkt Trotha die Wieslauter bei Bobenthal aufstauen lässt. Das bringt die Mühlen in Weißenburg zum Stillstand. Der Abt beschwert sich. Trotha gibt daraufhin den Befehl, den Damm einzureißen – die abfließenden Wassermassen überschwemmen die Stadt.
Mit dieser Aktion grub sich Trotha so nachhaltig ins kollektive Gedächtnis der Region ein, dass er zum legendären Unhold „Hans Trapp“ mutierte. Im Elsass ersetzt er in dieser Rolle sogar den Knecht Ruprecht, der im Gefolge des Christkinds unartige Kinder mit einer Rute züchtigt.
Zurück in der Gegenwart picken wir die letzten Butterstreusel vom Kuchenteller und schlürfen Milchkaffee aus einer Tasse, die mehr nach feudalem Rokoko als nach rauem Mittelalter aussieht. Die alten bösen Geschichten erscheinen fern. Und das, obwohl sich Hauptmann Hoffmann und seine Nachfolger alle Mühe gaben und geben, die Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Oder vielleicht gerade deshalb? Denn irgendwie ist diese steingewordene Idee von einer Ritterburg mit ihrem Abenteuercharakter, dem schlossartigen Park und dem hübschen Ausflugscafé letztlich halt doch ein bisschen zu schön, um wahr zu sein.
Wegweiser
Burg Berwartstein in Erlenbach bei Dahn ist bis Oktober täglich geöffnet. Info: 06398 210, www.burgberwartstein.de. Ausflugstipps: Den Besuch der Burg kann man leicht mit einer Wanderung verbinden, zum Beispiel mit der 13.4 Kilometer langen Hans-Trapp-Tour. Für sonnige Sommertage empfiehlt sich ein Abstecher zum Seehof-Weiher, einem Naturbadesee samt Kiosk und Liegewiese mitten im Wald, etwa 1 Kilometer von Burg Berwartstein in südlicher Richtung entfernt.



