Burgen in der Pfalz
Die Wolfsburg bei Neustadt und die Pfalzgrafen bei Rhein
Auf dem Turmstumpf der Wolfsburg flattert eine Fahne im Sommerwind. Darauf tanzt ein goldener Löwe mit roter Krone. Er ist das Wappentier der Stadt Neustadt. Aber auch das des Hauses Wittelsbach. Von 1214 bis 1777 stellte es die Pfalzgrafen bei Rhein und damit die Pfälzer Kurfürsten. Und tatsächlich war die Wolfsburg bis zu den Koalitionskriegen am Ende des 18. Jahrhunderts genauso kurpfälzisch wie das Heidelberger Schloss.
Das Territorium der historischen Kurpfalz wurde vom Rhein nicht begrenzt. Die Städte Alzey und Neustadt gehörten um die Mitte des 13. Jahrhunderts ebenso zum pfalzgräflichen Besitz wie die Burgen Elmstein, Winzingen, heute Haardter Schloss genannt, oder eben die Wolfsburg.
1256 tritt sie aus dem Dunkel der Geschichte: Damals soll Pfalzgraf Ludwig II., genannt der Strenge, auf „Wolffsperg“ Schmiergelder kassiert haben, damit er als Kurfürst bei der deutschen Königswahl anno 1257 für Richard von Cornwall stimmte. Dem bauhistorischen Befund zufolge dürfte die Wolfsburg auch nicht viel früher entstanden sein. Vermutlich wurde sie um 1250 oder kurz davor errichtet, auf den Resten einer Fliehburg des 9. und 10. Jahrhunderts. Ihre Lage ist strategisch bedeutsam: Sie thront über einer der wichtigsten Verkehrsadern, die lange vor der A6 die Rheinebene mit Kaiserslautern verbanden.
Pfalzgrafen und Burgmannen
Der strenge Ludwig, 1229 in Heidelberg geboren und 1294 ebendort gestorben, gehörte nach dem Ende der Staufer-Ära eindeutig zu den politischen Gewinnern des Interregnums. Seinen Beinamen, der die Grausamkeit schon erahnen lässt, erwarb sich der Wittelsbacher, indem er seine erste Gemahlin Maria von Brabant 1256 fälschlich des Ehebruchs bezichtigte und kurzerhand hinrichten ließ. Als dann Rudolf von Habsburg 1273 auf dem Plan erschien, unterstütze Ludwig dessen Wahl zum deutschen König. Zur Belohnung gab’s die Hand von Rudolfs Tochter Mathilde, Stadtrechte für Neustadt und, mittels Mitgift, die Wachtenburg bei Wachenheim.
In die Zeit des strengen Ludwigs fällt auch die erste urkundliche Erwähnung eines Burgmanns auf der Wolfsburg. 1269 beauftragte der Pfalzgraf, der zugleich Herzog von Bayern war, den Ministerialen Albrecht von Lichtenstein mit der Burghut. Da der Hochadel in der Regel etliche Burgen besaß, ließ er diejenigen, die er nicht selbst bewohnte, von solchen Burgmannen bewachen, verteidigen und verwalten.
Dieses Burgmannen-Prinzip prägte auch unter Ludwigs Nachfolgern, von Rudolf I. (1274-1319) bis Johann Casimir (1543-1592), die Geschicke der Wolfsburg. In der Regel dienten Niederadelige als Burgmannen. 1350 verdingte sich aber auch ein Graf von Leiningen-Hardenburg als Wolfsburg-Burgmann, was man als Indiz für die Relevanz der Anlage interpretieren kann: Burg „Wolffsperg“ fungierte zu jener Zeit auch als „Kasten“, als Sammelstelle und Aufbewahrungsort für Naturalien, die der Herrschaft abzugeben waren.
Von Bauern doppelt erobert
Trotz dieser wirtschaftlichen Bedeutung verpasste man in der Folgezeit offensichtlich die fortifikatorische Aufrüstung der Anlage. Was von der Wolfsburg übrig ist, weist architektonisch kaum über das 13. und 14. Jahrhundert hinaus; lediglich die Fensteröffnungen des Wohnbaus der Kernburg lassen Umbaumaßnahmen im 16. Jahrhundert erkennen.
Aus einem zeitgenössischen Register weiß man, dass es 1504 lediglich drei Hakenbüchsen auf der Feste gab. Auch die Tatsache, dass die Wolfsburg im Bauernkrieg 1525 gleich zweimal hintereinander eingenommen und geplündert wurde, spricht weder für besonderes Engagement der damaligen Burgmannen noch für adäquate Investitionen der Kurfürsten in die Verteidigungstechnik. Zur Ruine wurde die Wolfsburg jedoch erst im 17. Jahr des Dreißigjährigen Kriegs: 1635 wurde sie von kaiserlichen Truppen „bis auf die nackten Mauern zusammengebrannt“.
Dass die zerstörte Burg danach auch noch als Steinbruch herhalten musste, trug ein Übriges dazu bei, dass die Wolfsburg vergleichsweise karg und spröde wirkt, an manchen Stellen übermäßig restauriert, an anderen ganz schön „rudimentär“. Dennoch lohnt sich ein genauerer Blick auf ihre architektonischen Strukturen.
Vorreiter beim Zwinger
Die Anlage auf dem 270 Meter hohen Wolfsberg-Sporn ist auffällig schmal und langgestreckt. Sie zerfällt in eine kompakte nordöstliche Kernburg, deren Palas durch Schildmauer und Halsgraben gegen die Bergseite geschützt wurde, und eine südwestlich anschließende Unter- oder Vorburg, auf deren Areal auch der bereits erwähnte Fahnenturm steht.
Bemerkenswert ist das Unscheinbare: eine zweite, äußere Ringmauer, welche die Burg auf ihrer ganzen Länge umgab, teilweise in relativ geringem Abstand zur eigentlichen Ringmauer. Dieses Befestigungssystem, das vor allem auf der Südostflanke noch gut zu erkennen ist, stellt eine frühe Form des Zwingers dar.
Man sieht solche Anlagen, die dazu dienten, eindringende Angreifer zwischen den Mauerringen in die Mangel zu nehmen, auch auf der Wachtenburg und Burg Landeck. Die dortigen Zwinger mit ihren runden Flankierungstürmen entstanden jedoch erst im 15. Jahrhundert, während der turmlose Zwinger der Wolfsburg vermutlich zusammen mit der Kernanlage oder kurz danach errichtet wurde. Damit hatten die Wolfsburg-Erbauer in Sachen Zwinger die Nase vorn.
Eine weitere Besonderheit der Anlage lässt sich nur noch erahnen: Der große, planierte Felsblock, der im Innern der Kernburg direkt an die Schildmauer anschließt und Besuchern erhabene Aussicht gewährt, soll ehedem als Fundament eines heute völlig abgegangenen Bergfrieds gedient haben. Folglich wäre die Wolfsburg eine Doppelturmburg gewesen, was eine Abbildung aus dem späten 16. Jahrhundert auch bestätigt. Für den Ausflügler ist vor allem wichtig, ob die Fahne vom teilweise wieder aufgemauerten Turmstumpf des Südwestteils weht. Wenn der Pfälzer Löwe im Wind tanzt, heißt das: Die Burgschenke „is uff“.
Wegweiser
Die Wolfsburg bei Neustadt ist frei zugänglich. Die Burgschenke ist Sa, So, Feiertag 11-18 Uhr geöffnet. Wandertipp: Unterhalb der Schildmauer startet im Halsgraben der Wolfsburg ein sehr schöner Weg auf den Hohfels. Wer der Markierung des Pfälzer Weinsteigs weiter folgt, kommt zum Bergstein, dann zum bewirtschafteten Weinbiethaus des PWV-Gimmeldingen.



