Spurensuche RHEINPFALZ Plus Artikel Wie konnte die Bergtour mit 99 Pfälzer Schülern so schiefgehen?

Reporter Mark Bihler hat einen der steileren Aufschwünge hinter sich gebracht
Auf Spurensuche am Heuberggrat: AZ-Autor Mark Bihler hat einen der steileren Aufschwünge hinter sich gebracht.

Die Rettung von 99 Schülern am Heuberg im Kleinwalsertal sorgte für hitzige Debatten. Warum endete die Tour so dramatisch? Eine Spurensuche am Berg.

Von Mark Bihler, Allgäuer Zeitung
Freitag, 15.55 Uhr. Wir haben den Heuberggrat hinter uns. Die Geländeläufer Nick Seifert (24) aus München und Timon Günther aus Bayreuth (23) kommen vom Walmendinger Horn her um die Ecke. Sie wollen den Grat in entgegengesetzter Richtung laufen. Von der dramatischen Rettung der 99 Schüler und acht Lehrer aus der Pfalz am Dienstagabend am Grat haben sie gehört. „Deswegen wollten wir uns das mal anschauen“, sagt Nick. Katastrophentourismus? Die beiden lachen kurz. Eher Interesse. Denn man merkt, dass die beiden Bergerfahrung haben. Sie fragen kurz ab, wie es uns auf unserer Tour über den Grat ergangen ist, dann sausen sie davon.

„Die machen halt ihre Feierabendrunde“, murmelt mein Bergkollege Marcus. Und nennt damit den Begriff, der die Medien, das Kleinwalsertal und die Pfalz in Aufregung versetzt hat. Denn so hatte der Autor seinen Tourentipp über den Heuberggrat auf einem Portal für versierte Bergsportler charakterisiert. Den Tipp fischten prompt die Lehrer der Schüler aus der Pfalz aus dem Netz und machten sich auf den Weg. 99 Schüler zwischen 12 und 14 Jahren. 8 Begleiter. Bei Nässe. Erst am Nachmittag. Über einen schmalen Grat. Laut den Bergrettern mit teils ungeeignetem Schuhwerk und unzureichender Bergerfahrung. Ob die Lehrer dabei nur unwissend oder fahrlässig gehandelt haben, müssen die Ermittler klären.

Niedergetretenes Gras vor einem steilen Aufschwung: Von hier aus wurde ein Großteil der Schüler offenbar mit dem Hubschrauber ge
Niedergetretenes Gras vor einem steilen Aufschwung: Von hier aus wurde ein Großteil der Schüler offenbar mit dem Hubschrauber gerettet.

Die Spurensuche beginnt

Unsere Spurensuche beginnt bereits um 13.25 Uhr. Schnell finden wir den Steig, dem man ansieht, was hier los war. Alles ist aufgeweicht von den Stiefeln der Bergretter, die hier einen Teil der Schüler zurück in Sicherheit führten. Vor dem ersten steilen Anstieg ist das Gras großflächig platt gedrückt. Das muss der Punkt sein, von dem aus die meisten Schüler per Hubschrauber und Tau geborgen wurden. Denn für eine Landung ist es viel zu eng.

Der Weg bis zum Platz, von dem die Schüler per Hubschrauber gerettet wurden, ist von der Gruppe und den Bergrettern ausgetreten.
Der Weg bis zum Platz, von dem die Schüler per Hubschrauber gerettet wurden, ist von der Gruppe und den Bergrettern ausgetreten.

Hinter der Fläche der erste Aufschwung. Der Anstieg ist steil, verschlammt, rutschig. Unsere Hände suchen nach Wurzeln und allem, was als Griffe herhalten kann. Unser Eindruck: Klar, dass die Schüler bei Nässe hier in der Falle saßen. Wäre einer abgerutscht, er hätte zig weitere hinunter kegeln können. Bekommt einer eine Panikattacke, stecken alle dahinter im Absturzgelände fest. Wie durch ein Wunder bleibt aber die gute Nachricht des Bergdramas: Es wurde niemand ernsthaft verletzt.

Hier hätten die 99 Schüler hoch müssen: Diesen Aufschwung erreichte die Gruppe nicht.
Hier hätten die 99 Schüler hoch müssen: Diesen Aufschwung erreichte die Gruppe nicht.

Schild warnt: „Nur mit Bergausrüstung“

Von oben her hören wir Geräusche. Manfred Grünbeck und Siegfried Spall aus der Nähe von Aschaffenburg tasten sich mit verdreckten Stiefeln den rutschigen Hang hinunter. Sie haben das Handtuch geworfen. Den besagten Aufschwung meisterten sie noch. „Wir waren fast am Walmendinger Horn“, berichtet Manfred. „Aber bevor es den letzten Anstieg steil die enge Spitze hoch geht, sind wir umgedreht. Wir wussten ja nicht, wie es auf der anderen Seite runter geht. Und dann stand da ja das Schild 'nur mit Bergausrüstung'. Weil wir kein Seil dabei hatten, dachten wir: Nee!“

Die Wanderer Manfred Grünbeck (l) und Siegfried Spall drehten auf dem Weg , als ein Schild warnte, nur mit Bergausrüstung weiter
Die Wanderer Manfred Grünbeck (l) und Siegfried Spall drehten auf dem Weg , als ein Schild warnte, nur mit Bergausrüstung weiterzugehen.

Zumindest ich habe jetzt leicht flaues Gefühl im Bauch. Wie es meinen Bergkollegen Marcus geht, weiß ich nicht. Wir haben das Reden eingestellt und konzentrieren uns. Der Weg wird immer enger, ist jetzt aber trockener und nicht mehr ausgetreten. Denn bis hier hin haben es die 99 Schüler nicht geschafft.

Dann sehen wir das Schild, von dem Manfred und Siegfried uns berichtet haben. „Heuberg-Grat. Begehbar nur mit Kletterausrüstung. Für Wanderer gesperrt. Absturzgefahr“. Kurz überlege ich umzudrehen. Wenn uns so kurz nach der Rettungsaktion hier etwas passiert, würde das wohl für Schlagzeilen und im Tal für Spott sorgen Aber dann gehen wir doch konzentriert weiter. Spätestens hier wäre es wohl für die Schülergruppe nicht mehr glimpflich abgegangen.

Das Schild, das den letzten und teils ausgesetzten Teil der Gratwanderung einläutet. Die Schülergruppe war nicht bis hierher gek
Das Schild, das den letzten und teils ausgesetzten Teil der Gratwanderung einläutet. Die Schülergruppe war nicht bis hierher gekommen, die Lehrer hatten bereits vor dem Schild den Notruf abgesetzt.

Die steilsten Passagen

Denn nun kommen die steilsten Passagen. Und sie sind genau, wie der Autor des Tourentipps sie eingeordnet hat: UIAA 1 auf der Kletterskala. Heißt: Mal die Hände nehmen, es gibt gute Tritte. Das Gelände bleibt teils grattypisch ausgesetzt. Die Gehrenspitze im Tannheimer Tal wird mit UIAA 1 bis 2 beschrieben. Und ja: der Heuberggrat ist an den schwierigsten Stellen etwas einfacher. Die Schüler hätten hier alle ans Seil gemusst, das fordert die UIAA-1-Einstufung des Tourentipp-Autors.

Immer wieder wird der Weg auf dem Heuberggrat recht schmal. Auch diese Passage erreichten die Schüler nicht mehr.
Immer wieder wird der Weg auf dem Heuberggrat recht schmal. Auch diese Passage erreichten die Schüler nicht mehr.

„Wie kann man solchen Einträgen entgegenwirken?“, hatte trotzdem Mittelbergs Bürgermeister Andi Mair nach der Rettungsaktion in die Kameras des ORF gefragt – und den Fall der Staatsanwaltschaft zur „strafrechtlichen Beurteilung“ übermittelt. Die Polizei beurteilte die Tourenbeschreibung als „irreführende Informationen im Internet“. Der Bayerische Rundfunk berichtete von einer „falschen Tour-Info aus dem Netz“. Immer wieder wurde kolportiert, dass die Feierabendrunde „tatsächlich ein teilweise ausgesetzter Weg mit Kletterpassagen“ sei. Was die Uhr- und Gehzeit mit der Gefahr am Grat zu tun hat, blieben alle schuldig.

Wie ein überbreiter Schwertransport in einer Sackgasse

„Es ist einfach eine perfekte Feierabendrunde“, resümiert mein erfahrener Bergkollege Marcus, als wir den Gratweg hinter uns gelassen haben. 3,5 Stunden haben wir für die vom Autor beschriebene Runde gebraucht. Dabei Fotos gemacht, Interviews geführt und das Auto zu weit unten geparkt. Über sanfte Wege geht es dahin zurück. Links der Ifen, der auch oben auf dem Heuberggrat immer präsent ist.

Aber eins ist uns klar. 99 bergunerfahrene Schüler aus der Pfalz auf diese Gratwanderung zu führen, ist wie mit einem überbreiten Schwertransport in eine enge Sackgasse zu brettern.

Heuberggrat Verlauf: Weiter hinten geht der Weg über die engen Spitzen (Bildmitte).
Heuberggrat Verlauf: Weiter hinten geht der Weg über die engen Spitzen (Bildmitte).
Die Trailrunner (Geländeläufer) Nick Seifert (l) und Timon Günther
Die Trailrunner (Geländeläufer) Nick Seifert (l) und Timon Günther
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