Maxdorf / Mittelberg RHEINPFALZ Plus Artikel Panik am Berg: Wie 99 Pfälzer Schüler in Bergnot gerieten

Blick aus dem Rettungshubschrauber auf die Maxdorfer Schülergruppe. Das Foto haben die Bergwacht und die österreichische Polizei
Blick aus dem Rettungshubschrauber auf die Maxdorfer Schülergruppe. Das Foto haben die Bergwacht und die österreichische Polizei zur Verfügung gestellt.

Knapp 100 Schüler und acht Lehrer des Maxdorfer Lise-Meitner-Gymnasiums sind in Österreich aus Bergnot gerettet worden. Sie hatten offenbar eine Routenempfehlung aus dem Internet falsch eingeschätzt. Nun gibt es Kritik – aber auch Zuspruch.

Es klingt verlockend – doch es hat wohl auf die falsche Fährte geführt: Schön sei der Aufstieg zum Walmendinger Horn im österreichischen Kleinwalsertal. Zudem recht einsam sei es hier auf dem Heuberggrat, auf 1794 Metern, vor allem im Gegensatz zu den vielen anderen, meist überlaufenen Anstiegen. Der Weg verspricht tolle Ausblicke auf die umliegenden Gipfel. „Eine wirklich klasse Feierabendrunde“, heißt es in der Tourenbeschreibung auf dem Wanderportal im Internet. Einer Schülergruppe des Maxdorfer Lise-Meitner-Gymnasiums wurde der Weg fast zum Verhängnis. Mit ihren acht Lehrern mussten die 99 Jugendlichen zwischen 12 und 14 Jahren am Dienstagabend aus Bergnot gerettet werden. Rund 60 Rettungskräfte waren im Einsatz, um die Gruppe teils mit Hubschraubern in Sicherheit zu bringen.

An dieser Stelle finden Sie Visualisierungen von Flourish.

Um Inhalte von Drittdiensten darzustellen und Ihnen die Interaktion mit diesen zu ermöglichen, benötigen wir Ihre Zustimmung.

Mit Betätigung des Buttons "Fremdinhalte aktivieren" geben Sie Ihre Einwilligung, dass Ihnen Inhalte von Drittanbietern (Soziale Netzwerke, Videos und andere Einbindungen) angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an die entsprechenden Anbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät notwendig. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

„Informationen aus dem Internet sind so bunt und vielfältig, wie es Berge auf der Welt gibt“, sagt Stefan Winter. Er ist Sportphilologe und Ressortleiter Sportentwicklung beim Deutschen Alpenverein. Winter kennt das Kleinwalsertal, auch wenn er die Heuberggrat-Route noch nicht gelaufen ist. Aber: „Es ist ein Geheimtipp für Erfahrene und Spezialisten“, sagt er, „und sie passt nicht für eine Gruppe von 99 Minderjährigen.“ Ganz generell sei die Gruppe für eine Bergtour zu groß gewesen. „Je größer die Gruppe, desto schwerfälliger geht es voran“, sagt Winter. In der Beschreibung wird ein Zeitbedarf von 2 Stunden und 15 Minuten angegeben. Auf dem Anstieg gebe es Stellen mit Absturzgefahr, weiß Winter, es sei kein breiter Weg, sondern eher eine Mischung aus Pfad und Steig.

Mehr zum Thema

Traumwetter
Ratgeber

Wettervorhersagen beim Wandern ernst nehmen

Kein Kontakt zum Sohn

Der Schock sitzt auch am Tag danach noch tief bei einem Elternteil, der sich bei der RHEINPFALZ gemeldet hat – vor allem, weil noch immer nichts Genaues bekannt sei über den Vorfall. Der Sohn, ein Siebtklässler, war dabei, erzählt er am Telefon, als die Gruppe gemeinsam mit ihren Lehrern am Dienstag gegen 15 Uhr von Schöntal in Hirschegg/Kleinwalsertal zum Walmendingerhorn nach Mittelberg aufbrach und in Bergnot geriet. Von seinem Sohn habe er am Abend nichts von der Rettungsaktion erzählt bekommen, er habe erst am nächsten Morgen aus dem Radio davon erfahren und begonnen, im Internet die Berichte dazu zu lesen. „Die Kinder müssen am Abend die Handys abgeben“, sagt der Elternteil zur RHEINPFALZ. An normalen Abenden sei das verständlich, damit in der Unterkunft Ruhe einkehre. Aber dieser Abend sei nun mal alles andere als normal verlaufen. Der Elternteil weiß lediglich, dass viele Kinder geweint hätten und vor Ort in psychologischer Betreuung seien.

Der Gang über den Heuberggrat erfordert laut Polizei „Schwindelfreiheit, Trittsicherheit sowie Erfahrung im alpinen Gelände“. Der Steig war zudem nach starkem Regen nass und glitschig. Nach Angaben der Bergrettung waren einige Schüler für diese Bedingungen auch schlicht nicht richtig ausgerüstet. Nicht alle hätten beispielsweise optimales Schuhwerk getragen. Als sich eine Teilgruppe zur Umkehr entschied, rutschten zwei Schüler ab und zogen sich leichte Verletzungen zu. Daraufhin gerieten einzelne Kinder in Panik, heißt es, weswegen eine Lehrperson einen Notruf absetzte.

Der erreichte die Bergwacht gegen 18 Uhr, teilt Andi Haid mit. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Mittelberg, in der die Maxdorfer Gruppe zu Gast ist. Und er war bei der Rettungsaktion dabei. Erst habe es ja gar nicht nach großem Einsatz geklungen. Zwei Schüler seien abgerutscht, habe es geheißen, aber nicht weiter verletzt. Ein Polizeihubschrauber flog aus, um zu schauen, was los ist. „Ja und da waren da über Hundert Leute am Berg, auf rund 1800 Metern.“ Beide Bergrettungen, die es im Kleinwalsertal gibt, seien alarmiert worden. Die große Rettungskette habe man in Gang gesetzt.

Kein objektiver Maßstab

Im Kleinwalsertal kommt es immer wieder vor, dass Menschen in Bergnot geraten. Aber eine solche Aktion mit über Hundert Menschen, nein, daran kann sich Andi Haid nicht erinnern. Er ärgert sich, dass die Gäste aus der Pfalz auf einen Interneteintrag gehört hätten, der die Bergtour als „Feierabendroute“ ausweist. „An solch einem Grat? Wirklich nicht“, sagt er.

Dass die Route durchaus anspruchsvoll ist, sagen nicht nur Bürgermeister und der Experte beim Deutschen Alpenverein, das steht im „Feierabend“-Routenplan aus dem Netz selbst, auf den sich die österreichische Polizei in ihrer Meldung bezieht. Das Portal, hikr.org, sei im Grunde eine sehr gute Informationsquelle, sagt Winter, „sie wird aber vor allem von erfahrenen Spezialisten genutzt und geschrieben“. Es gelte, Vorsicht walten zu lassen, wenn Tourenbeschreibungen mit Emotionen verknüpft sind – ganz egal ob in den Alpen oder im Pfälzerwald. Es fehlen die objektiven Maßstäbe und Einschätzungen, wie sie in klassischen Wanderführern zu finden sind. „Für den Autoren war es wahrscheinlich wirklich eine gemütliche Feierabendroute“, sagt Winter, „doch solche Begriffe sind mit Vorsicht zu genießen.“ Im Internet wird die Tour mit Schwierigkeitsgrad T4 klassifiziert, ein Link führt zur näheren Erklärung, was das bedeutet: Alpinwandern. „Bei Wettersturz kann ein Rückzug schwierig werden“, heißt es dort. Die Skala reicht von T1 bis T6. „Dem Portal würde ich keinen Vorwurf machen“, sagt Winter, „für Leute, die sich auskennen, ist das gut gemacht. Wanderer können das einschätzen.“

Andi Haid rät Besuchern der Region derweil, sich besser auf offiziellen Seiten für den Tourismus im Kleinwalsertal über Touren zu informieren. „Ins Internet darf ja leider jeder alles schreiben“, sagt er. „Und anspruchsvolle Wege einfach als Feierabendtour bezeichnen.“ Der Bürgermeister ist froh, dass das Abenteuer am Berg für die Schüler und Lehrer gut ausgegangen ist. „Die Bergung lief höchst professionell ab“, berichtet er. Zwei Drittel der Gruppe sei per Hubschrauber gerettet worden. Der Flug ging vom Grat zum darunter parallel verlaufenden Forstweg. Taubergung nennt sich der Fachbegriff, ein Flugretter am Seil hängt dabei Personen bei sich ein. „Je nach Größe und Gewicht kann er zwei bis drei Kinder mitnehmen“, erklärt Haid. Ein Drittel der Gruppe sei mit Führern der Bergwacht abgestiegen. „Die waren noch nicht so hoch oben.“ Bis es dunkel wurde, war die Aktion laut Bürgermeister beendet. Zumindest am Berg. Es habe warme Getränke und Essen für die Gruppe gegeben. Die Kinder seien teils unterkühlt gewesen, zudem durchnässt und erschöpft. „Da oben hatte es sicher nur fünf, sechs Grad.“ Ein Kriseninterventionsteam habe sich um Schüler gekümmert, die nach der Aktion fix und fertig waren. „Da liefen auch Tränen“, sagt Haid. Umso mehr freut er sich, dass die Gruppe ihren Urlaub in seiner Gemeinde nicht abbreche, sondern da bleibe. „Das ist die beste Entscheidung. Auch zur Verarbeitung des Erlebten.“

„Sicher nicht leichtsinnig“

Diese Information des Bürgermeisters wird von der Leitung des Lise-Meitner-Gymnasiums nicht bestätigt. Überhaupt gibt es keine Informationen zu dem Vorfall seitens der Schule. Das kritisiert auch der Elternteil, der sich bei der RHEINPFALZ gemeldet hat. „Die Schule verweigert jede Auskunft“, sagt er. „Wenn ich aus dem Internet erfahre, dass mein Sohn womöglich abgestürzt ist, aber nichts von der Schule höre, werde ich verrückt.“ Laut österreichischer Polizei wird die Angelegenheit nun der Staatsanwaltschaft Feldkirch zur strafrechtlichen Beurteilung übermittelt. Ein Sprecher der Polizei Vorarlberg sagte, alleine der Einsatz der beiden Helikopter habe Tausende Euro gekostet. Die würden in Deutschland „in Rechnung gestellt“.

Bei der Schulaufsichtsbehörde (ADD) in Trier will man den Vorfall im Kleinwalsertal noch nicht bewerten. „Dazu ist alles noch zu frisch“, sagt eine Sprecherin. Dafür teilt man mit, dass die Gruppe „aufgrund eines Regenschauers den Rückweg bei einer Wanderung in den Alpen nicht mehr alleine antreten“ konnte. Alle Schülerinnen und Schüler seien von den Lehrkräften aufgefordert worden, Kontakt mit den Eltern aufzunehmen. Die Stimmung sei am Mittwochmorgen so gut gewesen, dass man die Fahrt nicht abbrechen wollte. Für die folgenden Tage seien Aktivitäten geplant, die die Klassenfahrt mit einem niederschwelligen Angebot zu einem guten Ende bringen sollen.

Bleibt die Frage, ob die acht Lehrer falsch gehandelt haben, als sie sich mit 100 Schülern zu der Tour aufmachten. Zumindest der Experte vom Deutschen Alpenverein nimmt die Betreuer in Schutz. „Die Lehrer sind sicherlich nicht leichtsinnig an die Sache herangegangen“, sagt Stefan Winter, „ich denke eher, dass es eine Mischung aus Unerfahrenheit und Übermut war.“ Er verbucht den Vorfall unter der Überschrift: „Gut gemeint, schlecht umgesetzt.“ Doch vieles wisse man auch noch gar nicht, alles sei ein bisschen Spekulation.

Vermutlich wäre es besser gewesen, die Gruppe zu teilen, meint der Experte. „Dritteln, vierteln oder gar fünfteln“, sagt Winter, der den Betreuern aber auch attestiert, in ihrer Notlage einiges richtig gemacht zu haben. Als sie gemerkt haben, dass sie nicht mehr klarkommen mit der Situation, hätten sie „die Gruppe beisammengehalten, Hilfe gerufen und die Rettung verständigt.“ Fatal wäre es gewesen, hätten sich die Maxdorfer aufgeteilt und auf eigene Faust versucht, sich in Sicherheit zu bringen – in unwegsamen Gelände und ohne ausreichende Ortskenntnis hätte es für die Gruppe dann noch viel schlimmer enden können.

x