Maxdorf / Mittelberg RHEINPFALZ Plus Artikel Panik am Berg: Autor des Wandertipps und Pfälzer Lehrer am Pranger

Links im Bild: ein Abschnitt der im Internet empfohlenen Tour. Rechts: die Pfälzer Gruppe am Heuberggrat in Österreich.
Links im Bild: ein Abschnitt der im Internet empfohlenen Tour. Rechts: die Pfälzer Gruppe am Heuberggrat in Österreich.

99 Pfälzer Schüler und ihre acht Lehrer folgen einem Tourenvorschlag aus dem Internet und geraten in den österreichischen Bergen in Not. Nun brodelt es in Online-Foren. Die einen geben den Pädagogen die Schuld, die anderen dem Autor des Wandertipps. Der verteidigt sich jetzt.

Nach der Rettung von 99 Pfälzer Schülern im Alter von zwölf bis 14 Jahren und acht Lehrern im österreichischen Kleinwalsertal brodelt es in den Internetforen. Die Gruppe vom Lise-Meitner-Gymnasium in Maxdorf (Rhein-Pfalz-Kreis) wollte am Dienstag über den Heuberggrat zum Walmendingerhorn nach Mittelberg wandern. Dabei hatten sich die Planer offenbar auf eine Tourenbeschreibung im Internet verlassen. Bei einsetzendem Regen geriet die Gruppe im rutschigen Grasgelände in Bergnot und musste per Hubschrauber gerettet werden.

Im Internet steht nun unter anderem der Verfasser des Beitrags am Pranger, der die Tour als „wirklich klasse Feierabendrunde“ bezeichnet hatte. Den Tourentipp hat Peter S. geschrieben (Name ist der Redaktion bekannt). Er gibt zu bedenken, dass sich das Portal, auf dem der Tourentipp zu lesen sei, vor allem an ambitionierte Bergsteiger wende. Für unerfahrene Wanderer könnten die dort besprochenen Touren durchaus herausfordernd und gefährlich sein. Zudem ärgert sich Peter S., dass offenbar nur seine persönliche Einschätzung im Text überflogen wurde. Denn er habe die Tour mit der Schwierigkeit T4 (nach der Bergwanderskala) beziehungsweise UIAA 1 nach der Kletterskala bewertet. In der Tat steht das ganz oben auf dem Eintrag.

Bergexperte: Wetter spielt entscheidende Rolle

UIAA 1 bedeutet: „Mäßig steiles Felsgelände, jedoch kein Gehgelände mehr. Der Einsatz der Hände ist zur Fortbewegung nötig. Ungeübte müssen am Seil gesichert werden.“ Der Hindelanger Bergexperte Kristian Rath sagt dazu: „Das hätten die Lehrer vorher mal lesen sollen.“ Rath ist bei der Bergwacht aktiv, kennt den Heuberggrat bestens und hält die Tourenbeschreibung von Peter S. für „zutreffend“. Der Schwierigkeitsgrad eins bedeute kein Gehgelände mehr, sondern die leichteste Form des Felskletterns. Rath: „Der Grat ist sehr exponiert.“

Zudem spiele in den Bergen immer das Wetter eine entscheidende Rolle, sagt Rath. Nach dem vorhergegangenem Regen sei alles nass und matschig gewesen. Besonders bewachsene Pfade wie am Heuberg könnten da rutschig werden. Sprich: Eine Tour, die bei schönem Wetter eine „Feierabendrunde“ ist, kann bei Nässe ihre Tücken haben. Zudem trugen nicht alle Schüler optimales Schuhwerk, heißt es im Polizeibericht.

Rath verweist auch auf die im Tourenportal geposteten Bilder. „Teilweise wird der Pfad schön schmal“, steht unter einem. „Der zweite etwas steilere Aufschwung, kurz kommen auch die Hände zum Einsatz“, ist bei einem anderen Bild zu lesen. Diese Fotos hätten der Gruppe zu einer eigenen Einschätzung dienen können. Zudem gebe es im Netz noch andere Beschreibungen der gleichen Tour. „Die Bewertung bleibt immer eine persönliche Sache. Der eine empfindet es schwerer, der andere leichter“, sagt Rath. Auch der Begriff „Feierabendrunde“ sage nichts über die Schwierigkeiten aus. Am Ende müsse sich jeder selbst vor Ort sein Urteil bilden und umkehren, wenn es zu gefährlich werde.

Auch Lehrer am Pranger

Andere Kommentatoren in den Internetforen sehen die Verantwortung bei den Lehrern, die sich bei Nässe und offenbar ohne genaue Recherche auf den Weg gemacht hätten. „Prinzipiell werden Klassenfahrten verantwortungsbewusst geplant. Die Kollegen überlegen sich ganz genau, mit welcher Altersgruppe sie unterwegs sind, was für sie angemessen ist und was vor Ort möglich ist“, sagt Martin Storck, Schulleiter des Maxdorfer Lise-Meitner-Gymnasiums. Das Kleinwalsertal und seine Wandertouren seien allerdings unbekanntes Terrain für Klassenfahrten gewesen. Lediglich private Kontakte in die Gegend habe es bislang gegeben. Die Klassenfahrt sei aber als Wanderfreizeit konzipiert gewesen. Als klar wurde, dass die Gruppe den Berg nicht mehr allein habe verlassen können, hätten sich seine Kollegen vorbildlich verhalten. „Sie haben verantwortungsbewusst agiert und sich darum gekümmert, dass die Kinder sicher nach unten kommen.“

Zu der Frage, ob die konkrete Tour zum Walmendingerhorn nach Mittelberg vorab geplant war, warte er noch auf die Rückmeldung seiner Kollegen. „Es ist nicht so, dass ich jedes Programm vor der Abfahrt vorliegen habe. Da vertraue ich meinen Kolleginnen und Kollegen“, so Storck.

Eine Kontrolle oder Zulassung einer solchen Wanderfreizeit durch die Schulleitung oder die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) als Schulaufsichtsbehörde sei nicht notwendig, teilt das rheinland-pfälzische Bildungsministerium auf Anfrage mit. Auch eine besondere Expertise müssten die Lehrkräfte für Wanderklassenfahrten nicht besitzen. Das Schulwandern sei aber bereits während des Vorbereitungsdienstes für die Lehrämter Gegenstand der Ausbildung – sowohl auf theoretischer Ebene als auch in praktischen Handlungssituationen. „Die entsprechenden schulrechtlichen Aspekte (zum Beispiel die Aufsichtspflicht) sind auch Gegenstand der Zweiten Staatsprüfung“, so das Ministerium.

Wer zahlt für Rettungseinsatz?

Ob der missglückte Ausflug nun rechtliche Folgen für die Pfälzer Lehrkräfte haben wird, ist derweil unklar. „Es gibt noch Fragen zu der Klassenfahrt, viele Fragen, die wir stellen müssen. Und da werden wir auch Antworten finden“, sagt Storck. Als Schulleiter habe er aber nicht nur eine Fürsorgepflicht für die Schüler, sondern auch für die Lehrkräfte. Die Aufarbeitung müsse vernünftig vonstatten gehen, „ohne dass jemand als Sündenbock dasteht“, so Storck. Auch das Bildungsministerium hält sich vorerst bedeckt: „Wir bitten um Verständnis, dass derzeit keine Aussagen getroffen werden können, da die Einzelheiten des Geschehens hier noch nicht bekannt sind, von diesen aber eine rechtliche Einschätzung wesentlich abhängt“, heißt es dort auf Anfrage.

Offen ist nach derzeitigem Stand auch, wer die Kosten für den Rettungseinsatz in Österreich trägt. „Dazu kann ich noch gar nichts sagen“, so Storck. Nach Angaben der ADD in Trier liege derzeit noch keine Kostenaufstellung vor. „Nach Eingang einer solchen Rechnung wird diese dem Grund und der Höhe nach geprüft werden“, heißt es weiter. Grundsätzlich seien Schüler bei offiziellen schulischen Veranstaltungen gesetzlich über die Unfallkasse Rheinland-Pfalz versichert, teilt das Bildungsministerium darüber hinaus mit. Ein Sprecher der Polizei Vorarlberg hatte am Mittwoch gesagt, alleine der Einsatz von zwei Helikoptern, mit denen die Gruppe gerettet wurde, schlage mit Tausenden Euro zu Buche. Diese Kosten würden in Deutschland „in Rechnung gestellt“.

Gastautor

Dieser Artikel enstand in Zusammenarbeit mit Markus Bihler, freier Mitarbeiter der Allgäuer Zeitung.

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