Maxdorf RHEINPFALZ Plus Artikel Rektor nach Bergnot: „Lehrer haben sich vorbildlich verhalten“

Die Breitachklamm bei Oberstdorf ist ein weiteres Ziel der Maxdorfer Schülergruppe, die jüngst in Bergnot geriet. Alle Ausflüge
Die Breitachklamm bei Oberstdorf ist ein weiteres Ziel der Maxdorfer Schülergruppe, die jüngst in Bergnot geriet. Alle Ausflüge auf der Klassenfahrt sind nun auf freiwilliger Basis, sagt der Schulleiter.

99 Maxdorfer Schüler und acht Lehrer mussten in Österreich aus Bergnot gerettet werden. Schulleiter Martin Storck im Interview über die Ausnahmesituation.

Herr Storck, war der Ausflug ins Kleinwalsertal das Ende der Klassenfahrten am Lise-Meitner-Gymnasium?
Nein, definitiv nicht. Klassenfahrten sind wichtiger Bestandteil des Schullebens. Wir waren froh, dass wir nach der Corona-Zeit endlich wieder mit Klassenfahrten beginnen konnten. Die siebten Klassen mussten im Winter auf ihre Ski-Freizeit verzichten und wir haben Gott sei Dank noch eine Fahrt für sie realisieren können. Auch wenn diese Fahrt ins Kleinwalsertal sicher nicht so endet, wie wir es uns gewünscht haben. Es ist sehr bedauerlich, was passiert ist.

War es das erste Mal, dass das LMG im Kleinwalsertal zu Gast war?
Wir haben vor einigen Jahren unsere Fahrtenkonzept umgestellt. Früher waren die Klassen im Klassenverband einzeln unterwegs. Der Wunsch von Lehrern, Schülern und Eltern war es, eine Ski-Fahrt zu organisieren. Sie hätte zum ersten Mal stattgefunden, ist aber wegen Corona immer wieder ausgefallen. Wir haben entschieden, aus der Ski-Freizeit eine Sport-Tour, eine Wander-Tour, zu machen.

Das heißt aber auch, dass sich die begleitenden Lehrer im Kleinwalsertal nicht auskannten.
Für Klassenfahrten war es unbekanntes Terrain, ja. Private Kontakte in die Gegend gab es aber vorher schon.

Wie schwer ist es inzwischen, ein Programm für Klassenfahrten auf die Beine zu stellen, das allen Sicherheitsanforderungen genügt?
Prinzipiell werden Klassenfahrten verantwortungsbewusst geplant. Die Kollegen überlegen sich ganz genau, mit welcher Altersgruppe sie unterwegs sind, was für sie angemessen und was vor Ort möglich ist. Eine Frage ist auch, ob es eine Sport-Fahrt, ein kultureller Ausflug nach Berlin oder ein Austausch mit Frankreich ist. Dementsprechend wird das Programm gestaltet, auch unter dem Gesichtspunkt, was man sich als Lehrer und der Klasse zutraut und wobei man sich sicher fühlt.

Hat sich in den vergangenen Jahren etwas geändert bei dem, was sich Lehrer zutrauen?
An den Vorschriften hat sich im Grunde nichts geändert. Man ist vielleicht etwas vorsichtiger geworden. Wenn man mit einer Klasse vor 20 Jahren locker schwimmen gegangen ist, überlegt man sich heute fünfmal, ob man es tut. Die Kollegen tragen Verantwortung für die Fahrt und die Schüler und hier am LMG gehen alle verantwortungsbewusst mit dieser Aufgabe um.

Bei aller Vorsicht soll eine Klassenfahrt den Kindern schließlich auch Spaß machen und von Fortnite am Handy ablenken.
Das ist richtig. Und das ist auch nach diesem bedauerlichen Vorfall so. Die Kinder im Kleinwalsertal waren direkt am Mittwoch auf der Sommerrodelbahn unterwegs. Am Donnerstag laufen sie durch die Breitachklamm bei Oberstdorf.

Nun kam es aber bei einer Wanderung auf dem Heuberggrat zu einer Notsituation, bei der 99 Kinder und acht Lehrer vom Berg gerettet werden mussten, zwei Hubschrauber waren im Einsatz und 60 Rettungskräfte. War diese Wanderung vorab geplant?
Ich warte noch auf die Rückmeldung von den Kollegen vor Ort. Es ist nicht so, dass ich jedes Programm vor der Abfahrt vorliegen habe. Da vertraue ich meinen Kolleginnen und Kollegen.

Martin Storck
Martin Storck

Wann haben Sie von der Bergrettung erfahren?
Ich wurde am Dienstagabend gegen 19 Uhr von einem Kollegen darüber informiert, dass die Bergrettung läuft, dass die Gruppe vom Berg geholt werden muss. Daraufhin habe ich Kontakt zu den Klassenelternsprechern der vier siebten Klassen und der Schulelternsprecherin aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich keine 100 Familien anrufen, deshalb lief alles über die Klassenelternsprecher, die wiederum ihre Verteiler haben. Das war der schnellste und persönlichste Weg.

Wie ging es weiter?
Nach dem Ende der Rettungsaktion hatte ich erneut Kontakt zu einem Kollegen in Österreich. Die Information, dass alle unten sind und dass es allen gut geht, ging wieder an die Klassenelternsprecher. Am Mittwoch haben wir einen Krisenstab zusammengestellt und alle Infos gesammelt. Am Vormittag haben wir einen Elternbrief verfasst, der über den E-Mail-Verteiler an die Eltern ging. Das war die einzige Möglichkeit, um schnell in Kontakt zu treten. Allerdings hat sich herausgestellt, dass bei einigen die E-Mail-Adresse nicht oder nicht mehr gestimmt hat und die Eltern deshalb nicht erreicht wurden. Das habe ich mit den betroffenen Eltern besprochen und geklärt.

Hatten Sie Kontakt zu österreichischen Behören?
Nein, gar nicht. Das lief alles über die Kollegen vor Ort. Sie waren in der Situation dabei und müssen das direkt klären. Ich kann aus der Ferne nur unterstützen.

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Wie beurteilen Sie das Verhalten der Lehrer vor Ort?
Die Gruppe ist in diese missliche Situation geraten. Es hat wohl Regen eingesetzt, der Weg wurde unpassierbar. Aber als klar wurde, dass sie den Berg nicht mehr alleine verlassen kann, haben sich die Kollegen absolut vorbildlich verhalten. Sie haben verantwortungsbewusst agiert und sich darum gekümmert, dass die Kinder sicher nach unten kommen.

Wie geht es den Schülern und den Lehrern jetzt?
Nach den Rückmeldungen, die ich von Eltern bekommen habe, scheint es den Schülern gut zu gehen. Sie waren am Folgetag direkt nach dem Frühstück wieder am Spielen. Es gab Kinder, die mit der Situation sehr gut zurecht gekommen sind, andere haben Betreuung gebraucht und das Gespräch mit Lehrern gesucht – oder tun das noch immer. Die Kollegen sind gerade sehr gefordert und im Dauereinsatz, um sich um die Kinder zu kümmern. Das alles nagt auch an den Nerven der Begleitpersonen.

Welche Rückmeldungen haben Sie bislang von Eltern bekommen, was die Kommunikation betrifft? Ein Elternteil hatte sich beschwert, die Schule verweigere jede Auskunft.
Ich habe viele E-Mails bekommen, die waren bis auf wenige Ausnahmen sehr positiv. Alle sind froh, dass nichts Schlimmes passiert ist, dass es letztlich gut ausgegangen ist und dass die Klassenfahrt weitergehen kann. Bei den kritischen Stimmen konnten wir klären, warum die Eltern erst aus der Presse von dem Vorfall erfahren haben.

Ein Vorwurf lautete auch, dass die Handys der Schüler eingesammelt wurden und sich die Kinder nicht zu Hause melden konnten. Wie ist das Prozedere mit Handys auf Klassenfahrten?
Prinzipiell soll auf Klassenfahrten die Kommunikation zwischen den Schülern stattfinden. Wir wollen nicht, dass alle ständig am Handy sitzen und daddeln. So war es auch diesmal geplant, es war vorgesehen, dass die Handys eingesammelt werden und die Schüler sie für eine Stunde am Tag bekommen. An dem Abend der Bergrettung war klar, dass die Schüler ihre Telefone brauchen und Kontakt zu ihren Eltern aufnehmen müssen. Die Kollegen vor Ort haben die Handys ausgeteilt und die Kinder aktiv aufgefordert, daheim anzurufen. Das ist meine Information. Am Morgen danach habe ich mit den Kollegen vereinbart, dass die Schüler ab sofort das Handy zu jeder Zeit bei sich haben und immer Kontakt mit ihren Eltern aufnehmen können – sofern sie das wollen.

Blick aus dem Helikopter der Bergrettung. Unten sind die Schüler zu sehen.
Blick aus dem Helikopter der Bergrettung. Unten sind die Schüler zu sehen.

Gab es umgekehrt Eltern, die aufbrechen und ins Kleinwalsertal fahren wollten, um ihre Kinder zurückzuholen?
Wir haben uns noch in der Nacht die Frage gestellt, wie wir damit umgehen, wenn ein Kind nun Angst hat. Wir haben entschieden: Wer bleiben will, bleibt, und wer nach Hause fahren möchte, fährt nach Hause. Dieses Angebot ging sowohl an die Schüler wie auch an die Lehrer. Am Donnerstag wurde eine Schülerin abgeholt.

Der Bürgermeister von Mittelberg nimmt an, dass es womöglich sogar gut ist, wenn die Gruppe vor Ort zusammenbleibt. Wie sehen Sie das aus pädagogischer Sicht?
Es mag komisch klingen, aber durch dieses Erlebnis ist der Jahrgang unfassbar stark zusammengeschmolzen. Das hat mir das Kriseninterventionsteam berichtet. Die Kinder haben sich in der Notsituation gegenseitig unterstützt. Mir wurde gesagt, dass sich Kinder in den Arm genommen haben, die sich normalerweise nicht gut leiden können. Diese Erfahrung hat etwas mit den Kindern gemacht – und zwar nicht unbedingt zum Negativen. Ich möchte nichts schönreden, aber es ist schon eine Gruppendynamik entstanden.

Wird der Vorfall für die Lehrer Folgen haben, auch aus rechtlicher Sicht?
Es gibt noch Fragen zu der Klassenfahrt, viele Fragen, die wir stellen müssen. Und da werden wir auch Antworten finden. Aber nicht heute. Das muss sich in der nächsten Zeit herausstellen. Wie es dazu gekommen ist, was es mit der „Feierabend-Route“ auf sich hat, wovon die Polizei sprach, darüber muss ich mit den Kollegen sprechen, wenn sie zurück in Maxdorf sind. Ich kann sie jetzt nicht noch mehr belasten.

Die Klassenfahrt führte die Schüler ins Kleinwalsertal.
Die Klassenfahrt führte die Schüler ins Kleinwalsertal.

Gibt es auch von externen Stellen Redebedarf?
Sicherlich wird es auch von der ADD Fragen geben. Wir sind das erste Mal in dieser Situation und gehen behutsam damit um. Ich als Schulleiter habe eine Fürsorgepflicht gegenüber den Schülern, aber auch meinen Kollegen gegenüber. Das muss jetzt vernünftig vonstatten gehen, ohne dass jemand beschuldigt wird oder als Sündenbock dasteht. Es stand viel in der Presse und in den Online-Kommentaren, bei dem ich gehörig schlucken musste.

Die österreichische Polizei hat gemeldet, dass der Einsatz mehrere Tausend Euro gekostet hat. Wer bezahlt das?
Dazu kann ich noch gar nichts sagen.

Was kann die Schule aus dieser Klassenfahrt lernen?
Alle Klassenfahrten bislang sind nicht in solch einer Situation geendet. Wir haben unzählige Klassenfahrten gemacht, die super gelaufen sind. Die sollten das andere überscheinen. Ich kann nicht diese eine Klassenfahrt nun als Modell für alles andere nehmen. Vielleicht gibt es Dinge, auf die wir achten können, wenn wir künftig wieder ins Gebirge fahren. Aber die Erfahrung jetzt zu nehmen, um alles was folgt einzuschränken, das wäre sicher der falsche Weg.

 

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