Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Messerangriffen: Verhaltenstipps zur Selbstverteidigung

Richtig reagiert: Selbstverteidigungskurse simulieren Stress-Situationen.
Richtig reagiert: Selbstverteidigungskurse simulieren Stress-Situationen.

Speyer, Ludwigshafen oder Alb-Donau-Kreis: In kurzer Zeit hat es mehrere grausame Tötungsdelikte mit Messern gegeben. Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung ist nicht erst seit diesen Taten angeknackst. Kann man sich davor schützen? Was die Polizei sagt – und was ein Kampfsport-Experte rät.

Zwei Menschen sterben in Ludwigshafen, eine Mutter und ihre Tochter werden in ihrer Speyerer Wohnung lebensgefährlich verletzt, eine Rumänin wird in einer Ferienwohnung im Hasenpfuhl getötet. Messerangriffe wie diese sind öffentlichkeitswirksam. Seitdem diese statistisch gesondert betrachtet werden, seit 2020, ist deren Anzahl rückläufig, sagte Thorsten Mischler, Sprecher des Polizeipräsidiums Rheinpfalz, in einem früheren RHEINPFALZ-Interview. Die Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik zeige auch, dass seit 2020 gleichbleibend rund 80 Prozent der Opfer von Messerangriffen männlich sind, rund 20 Prozent weiblich. „Daneben zeigen unsere Erfahrungen, dass Gewalt überdurchschnittlich häufig im persönlichen Umfeld auftritt und eben nicht ,irgendwo da draußen’“, ordnet er die Zahlen ein.

Medienberichte über spektakuläre Fälle könnten ungeachtet der Statistik das eigene Sicherheitsgefühl beeinträchtigen, so Mischler. Die Polizei gibt deshalb Ratschläge heraus, um das eigene Gefühl zu stärken. Dazu gehöre unter anderem, die Umgebung aufmerksam wahrzunehmen, Abstand von bedrohlichen Situationen zu halten oder sich bei Gefahr so früh wie möglich zu entfernen. „Begeben Sie sich an sichere Orte“, rät Mischler und meint öffentliche Plätze wie Restaurants oder Geschäfte. Um im Ernstfall Außenstehenden zu zeigen, dass es sich nicht um einen privaten Streit handelt, sollte die „provozierende Person“ gesiezt werden. Auch das Ansprechen von anderen, unbeteiligten Personen empfiehlt die Polizei. Mischler rät aber davon ab, sich selbst zu bewaffnen. Dies entschärfe Konflikte nicht. „Das Tragen einer Waffe kann genau das Gegenteil bewirken“, mahnt er.

Kampfsport-Coach: „Da hat man keine Chance“

Eine weitere Möglichkeit, das Sicherheitsgefühl zu stärken, ist sich in Selbstverteidigung zu üben. So sieht es jedenfalls der Speyerer Joachim Deeken, der eigenen Angaben zufolge mehr als 30 Jahre Kampfsporterfahrung hat. Seit 1998 trainiert er Kampfsport, erst in Mannheim, jetzt in der Domstadt. In seinem City Gym in der Schützenstraße unterrichtet er Kravmaga, Muay Thai oder Brazilian Jiu Jitsu (BJJ). „Ich habe im Bereich Messerkampf und -abwehr viel trainiert, aber in der Realität würde ich nicht daran teilnehmen wollen“, sagt Deeken angesprochen auf das Thema.

Was Messerangriffe angeht, fällt sein Fazit ernüchternd aus: „Wenn es sich überhaupt nicht ankündigt, hat man keine Chance.“ Wer die Waffe vorher sehen könne, für den sei „die beste Lösung, die es gibt“, möglichst viel Platz zwischen sich und das Messer zu bringen. Wer nicht weglaufen könne, etwa in einer Wohnung, müsse versuchen einen Gegenstand zwischen sich und den Angreifenden zu bringen, etwa einen Stuhl oder einen Tisch.

Lehrer, Polizisten, Feuerwehrmann: „Bedarf ist da“

Solche Angriffe zu üben hält Deeken für sinnvoll: „Ich bin davon überzeugt, dass sich die Ausstrahlung verändert, wenn man so etwas regelmäßig trainiert“, sagt Deeken, der einen braunen Gürtel in BJJ und den 13. Khan in Muay Thai hat. Man komme dadurch weg „von dieser Opferpersönlichkeit“. Deeken ist sich sicher, dass Angreifer oftmals Opfer aussuchen, von denen sie wenig Gegenwehr befürchten müssen.

Es ist ein Querschnitt der Gesellschaft, der bei Deeken neben der Fitness auch das Sicherheitsgefühl trainieren will: Lehrer, Sozialarbeiter, ein Feuerwehrmann, eine Schreinerin – und auch Polizisten. „Der Bedarf ist da“, sagt Deeken. Im Training werden auch Stresssituationen nachgestellt. „Durch das regelmäßige Training ist die Wahrscheinlichkeit höher, das auch abrufen zu können, im Vergleich zu einem einmaligen Selbstverteidigungskurs“, schätzt er ein. Zu 100 Prozent simulieren lasse sich eine derartige Situation aber nicht.

Noch Fragen?

Die Polizei hat auf der Internetseite www.polizei-beratung.de eine Übersicht von Präventionstipps zusammengestellt. Auch unter www.zivile-helden.de gibt es Ratschläge. Infos zum City Gym gibt es bei www.city-gym.net.

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