Interview
Expertin: Junge Frau in Speyer wurde erstochen, weil sie eine Frau ist
Ein junges Paar aus Rumänien kommt nach Speyer, bezieht eine Ferienwohnung, dort ersticht der Mann seine Lebensgefährtin. So zumindest der Verdacht der Ermittler. Eine klassische Beziehungstat, oder?
Ich tue mich schwer mit diesem Begriff, weil er verharmlost, was passiert ist. Der Begriff Femizid ist sehr viel treffender.
Warum das?
Weil wir es hier mit geschlechtsbezogener Gewalt zu tun haben. Wenn ich sage „Beziehungstat“, schwingt die Überzeugung mit, dass beide Beteiligten zur verhängnisvollen Situation beigetragen haben. Aber die Frau ist nicht mit schuld daran, dass sie tot ist. Nein, sie wurde getötet, gerade weil sie eine Frau ist. Genau das drückt der Begriff Femizid aus.
Aber woher wissen wir, dass es so gewesen ist? Warum soll der junge Mann, wenn er es denn war, nicht aus einer sogenannten psychischen Ausnahmesituation heraus gehandelt haben?
Diese Argumentation wird häufig angeführt, wenn ein Mann eine Frau getötet hat, dadurch wird sie aber nicht richtiger. Im Gegenteil: Sie entschuldigt sogar den Täter, da sie eine Art Rechtfertigung der Tat beinhaltet. Das Geschehen wird auf ein singuläres Ereignis reduziert, wenn man beispielsweise einen Kontrollverlust als Erklärung heranzieht. Letztlich sterben aber Frauen nicht nur in Deutschland deutlich häufiger durch Gewalt ihres (Ex-)Partners als Männer. Wenn es also zu Gewalt in Partnerschaften kommt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese vom Mann gegenüber der Frau ausgeübt wird und somit das Risiko für Frauen, körperliche Gewalt zu erleben, deutlich höher. Das ist ein Muster, dessen wahren Ursachen viel tiefer liegen.
Und diese Ursachen wären?
Eine Tötung in einer Partnerschaft hat immer eine Vorgeschichte, sie kommt nicht einfach so aus heiterem Himmel. Wie wir unsere Beziehungen leben, ist ein Spiegelbild dessen, was uns die Gesellschaft an Normen und Wertvorstellungen vorgibt. Zum Beispiel leben die Menschen, auch in Deutschland, vorwiegend in patriarchalen Gesellschaften. Und in denen herrscht ein Machtgefälle zwischen Mann und Frau, das sich wiederum in individuellen Beziehungen zeigt.
Der Mann gibt also vor, wo es langgeht? Selbst wenn das so wäre, führt das noch lange nicht zu einer Tötung.
Nein, und das muss auch nicht immer so explizit sein. Unser gesellschaftliches System begünstigt das Machtgefälle zwischen Mann und Frau auch ohne, dass der Mann „vorgibt, wo es langgeht“. Zudem begünstigt es, dass sich Gewalt in Beziehungen primär gegen Frauen richtet. Eine Auswertung des Bundeskriminalamtes aus dem Jahr 2020 hat ergeben, dass in Fällen von Partnerschaftsgewalt zu knapp 80 Prozent Frauen die Opfer waren, von 460 Getöteten waren 359 weiblich. Es wird noch klarer, was ich meine, wenn man sich die internationale Literatur zu den Beweggründen der Täter anschaut. So ist das häufigste Motiv eines Femizids das Thema Trennung. Entweder ist sie bereits erfolgt oder die Frau ist kurz davor, die Partnerschaft zu beenden. Dann aber wird es für sie mitunter lebensbedrohlich. Das gilt übrigens auch in Fällen, in denen der Mann eine Beziehung eingehen will, die Frau jedoch nicht.
Wie bei dem jungen Flüchtling, der in Speyer zwei Frauen mit einem Messer angriff, weil ihn die jüngere zurückgewiesen haben soll.
Korrekt. Bei den meisten Femiziden ist der Täter der aktuelle Lebensgefährte, der Ex-Partner oder derjenige, der gerne der Partner wäre. Andere männliche Verwandte oder fremde Männer kommen dagegen statistisch seltener vor. Die traurige Wahrheit ist: Für Frauen ist ihr sozialer Nahraum, sozusagen ihr Zuhause, der gefährlichste Ort. Und dabei spielen Nationalität und ethnische Herkunft erst mal keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass sich der Mann durch das Verhalten der Frau zum Beispiel herausgefordert und herabgesetzt fühlt, weil er eine andere Vorstellung verinnerlicht hat.
Der Partner tötet, weil er sich gekränkt fühlt?
Unter Umständen, ja. Wobei dieses Verhalten nicht notwendigerweise bewusst gesteuert ist. Eben durch das, was einem die Herkunftsgesellschaft mitgibt. Das ist in Rumänien, um im Speyerer Kontext zu bleiben, nicht viel anders als hier in Deutschland. Dass die Frau den Mann verlässt oder sich nicht so verhält, wie er möchte, passt manchmal einfach nicht in das Weltbild einiger Männer. Dann kommt es bisweilen sogar zu sogenannten Über-Tötungen. Davon sprechen wir, wenn eine Tat besonders grausam abläuft, wenn der Täter zum Beispiel viel häufiger zusticht, als er müsste, um die Frau zu töten. Dann geht es darum zu zeigen: Wenn ich die Frau nicht haben kann, soll sie auch kein anderer haben.
Es ist also eine Machtdemonstration. Aber gibt es nicht auch Gesellschaften und soziale Gruppen, die patriarchaler strukturiert sind als andere, und in denen Femizide somit häufiger sind?
Diese Hypothese gibt es, und sie begegnet uns oft, sogar in der Justiz. Die Forschung hat gezeigt, dass gerichtliche Urteilsbegründungen bei Femiziden, die in von Partnerschaften ausgeübt wurden, häufig davon abhängen, welchen Hintergrund der Täter hat. Oft wird bei weißen Männern ohne Migrationshintergrund eine psychische Ausnahmesituation als Begründung angeführt, während bei Tätern mit Migrationshintergrund die besonders patriarchalen Wertvorstellungen aufgrund ihrer nicht-deutschen Herkunft herangezogen werden.
Das klingt, als mache man klare Unterschiede.
Das ist aber eine sehr vereinfachende Sichtweise, die an der Wirklichkeit vorbeigeht. Nur: Eine gesicherte Datenbasis dazu haben wir nicht. Für Deutschland möchten wird das mit einer großangelegten Studie ändern, auch mithilfe von Strafakten aus Rheinland-Pfalz. Das Ziel ist, eine präzisere Vorstellung davon zu bekommen, wie verbreitet Femizide hierzulande eigentlich sind und welche Motive dabei wirklich eine Rolle spielen.
Zur Person
Deborah F. Hellmann ist Professorin für Psychologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in Nordrhein-Westfalen. Sie forscht zu Stalking, geschlechtsbezogener Gewalt. Derzeit läuft unter ihrer Leitung eine großangelegte Studie zu Tötungen von Frauen in Deutschland.