Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Einsatzleiter bei Oggersheimer Bluttat: Das war vollkommen surreal

Johannes Freundorfer, neuer Leiter der Inspektion 2 in Oppau, war einer der ersten Polizisten vor Ort nach der Bluttat in Oggers
Johannes Freundorfer, neuer Leiter der Inspektion 2 in Oppau, war einer der ersten Polizisten vor Ort nach der Bluttat in Oggersheim.

Nach der tödlichen Messerattacke am 18. Oktober in Oggersheim war Johannes Freundorfer einer der Ersten am Tatort. Zwei Wochen zuvor hat er die Leitung der Polizeiinspektion 2 in Oppau übernommen. Wie verarbeiten Beamte das Erlebte? Wie führt man 120 Kollegen? Darüber hat Steffen Gierescher mit dem 39-Jährigen gesprochen.

Herr Freundorfer, Dirk Schuster, Jürgen Klopp oder Hansi Flick?
Aktuell Dirk Schuster.

Warum?
Weil ich glaube, dass er eine gute Verbindung zu der Mannschaft hat und demzufolge seine Ziele mit dem Team auch umsetzen kann.

Steigt der FCK auf?
Ich hoffe es nicht.

Wieso nicht?
Weil der 1. FC Kaiserslautern nach meiner Ansicht noch ein, zwei Jahre braucht, um in der Ersten Fußball-Bundesliga bestehen zu können.

Bei Ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt, Sie sehen sich als Teil einer Mannschaft und möchten einen entsprechenden Führungsstil pflegen, jedenfalls nicht von oben herab. In welcher Rolle sehen Sie sich: Kapitän, Ausputzer oder Angreifer?
Teil der Mannschaft kann auch bedeuten, dass man sie vom Spielfeldrand aus begleitet – weder von der V.I.P-Lounge noch vom dritten Stock einer Dienststelle aus. Ein solcher Personalmanagementstil ist meines Erachtens nicht mehr zeitgemäß. Ich sehe mich als Spielertrainer.

Welche Talente muss man mitbringen, um der Verantwortung für rund 120 Polizeibeamte und fast 100.000 Ludwigshafener gerecht zu werden?
Man muss ein gutes Gespür haben: für Menschen und die Geschichten einer Stadt. Die Einsatzbeamten muss man hin und wieder persönlich begleiten, um ein Verständnis dafür zu bekommen, in welchem Kontext Polizeiarbeit entsteht und wirkt. Um das unmittelbar zu erfahren, begleite ich etwa alle drei Wochen eine unserer Dienstgruppen im Nachtdienst.

Täglich liest man von Messerattacken, Prügeleien oder Raubdelikten auf offener Straße. Ist die Polizeiarbeit schwieriger geworden?
Ich bin jetzt fast 20 Jahre bei der Polizei und war in vielen operativen Einheiten mit den Schwerpunkten Straßenkriminalität und Festnahmen eingesetzt. Ja, ich habe das Gefühl, dass sich die gesellschaftliche Verortung der Polizei verändert hat.

Inwiefern?
Die Polizei erwartet zurecht ein hohes Maß an Werteorientierung von ihren Mitarbeitern. In der Bevölkerung spiegelt sich dieser Anspruch aber nicht in allen Teilen wider. Konkret meine ich damit: Die Schwelle, Polizisten anzugreifen, ist gesunken. Beamte müssen sich heutzutage in kürzerer Zeit auf eine größere Spannbreite von Szenarien am Einsatzort einstellen. Delikte, auch mit hohem Gewaltpotenzial, die sich vor zehn, 15 Jahren lediglich in einem gewissen Zeitraum ereignet haben, passieren inzwischen genauso morgens wie spät nachts. Polizisten müssen deshalb mit Blick auf ihren Werkzeugkasten zu jeder Zeit gut vorbereitet in Einsätze gehen.

Wie zwei Wochen nach Ihrem Amtsantritt, als in Oggersheim mittags zwei junge Männer von einem 25-Jährigen erstochen worden sind.
Das hat mich sehr betroffen gemacht. Ich war einer der Ersten am Tatort – sechs, sieben Minuten, nachdem das Ganze passiert ist. Das war vollkommen surreal und passte überhaupt nicht in dieses friedliche Oggersheim. Ich war bei der Trauerfeier auf dem Hauptfriedhof und wenige Tage zuvor bei der Mahnwache. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung sieht, dass ein schreckliches Ereignis wie dieses die Polizei nicht kalt lässt. Das war kein Einsatz wie jeder andere. Das schüttelt kein Beamter einfach ab. Auch bei diesem Delikt wurden Kollegen zu einer Tageszeit in einen Einsatz geschickt, zu der man nicht unbedingt mit einer solchen Tat rechnen konnte.

Bluttat in Oggersheim am 18. Oktober: In der Comeniusstraße wurde der mutmaßliche Täter durch Polizeischüsse gestoppt.
Bluttat in Oggersheim am 18. Oktober: In der Comeniusstraße wurde der mutmaßliche Täter durch Polizeischüsse gestoppt.

Wie arbeiten Sie das intern auf?
Unmittelbar nach dem Einsatz wurde für alle Betroffenen ein engmaschiges Betreuungsnetz mit Kriseninterventionsteams geknüpft, damit die überwiegend sehr jungen Beamten dabei begleitet werden, diesen in seiner Brutalität bedauerlichen Einzelfall richtig zu verorten: persönlich, aber auch in ihrem Job.

Wie erging es Ihnen?
Bei Einsätzen dieses Gewaltlevels, also bei lebensbedrohlichen Lagen, übernimmt der Dienstellenleiter auch die Führung vor Ort. Das ist mein Anspruch – und das ist auch der Anspruch des Präsidiums. Ich habe an den Tatorten sichtlich betroffene Kollegen erlebt, aber keine Schockstarre. Sie hatten die Lage im Griff. Unsere Einsatzmechanismen haben gegriffen. Zum Glück wurde die gefährliche Situation unmittelbar mit dem Erstkontakt zum Täter durch einen Schusswaffengebrauch beendet. Danach war die Gefährdung durch diese Person eliminiert. Das war unser Ziel. Dadurch wurde Schlimmeres verhindert. Die Ermittlungen laufen noch und werden hoffentlich die Hintergründe der Tat zutage fördern.

Dass der mutmaßliche Täter Somalier ist, hat nicht nur in sozialen Netzwerken für fremdenfeindliche Reaktionen gesorgt. Am 5. November marschierten auch ein paar Rechtsextreme in Oggersheim auf, denen 200 Gegendemonstranten gegenüberstanden. Wie bewerten Sie das?
Ach wissen Sie, in meiner Inspektion arbeiten Beamte von annähernd jedem Kontinent der Welt. Bis zu zehn Sprachen werden hier gesprochen. Wir sind sehr multikulturell aufgestellt und vereinen viele Aspekte einer bunten Gesellschaft. Unreflektierte Nachrichten, Hass-Mails oder -Postings spiegeln nur einen Bruchteil des Lebens in Oggersheim wider. In Ludwigshafen leben und arbeiten Menschen aus über 100 Ländern. Hier wie anderswo sind fremdenfeindliche Positionen völlig deplatziert und repräsentieren nicht die öffentliche Meinung dieser Stadt.

Muss die Polizei in der Öffentlichkeit mehr Präsenz zeigen? Das wird in Ludwigshafen immer mal wieder von Anwohnern oder Politikern für den zentralen Berliner Platz oder Innenstadt-Quartiere wie den Hemshof gefordert. Wie sehen Sie das?
Wenn die Gesellschaft ein Bedürfnis nach Sicherheit hat, ruft sie nach der Polizei. Das zeigt unseren hohen Stellenwert – und das ist auch gut so. Ich glaube aber, dass die Reduzierung von Kriminalität in einem besonders betroffenen Stadtteil eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Da sind auch Bewohner, die Stadt und kommunale Träger in der Pflicht. Hier gilt es, verschiedene Kräfte zu kanalisieren und einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz zu wählen. Die Polizei ist in puncto Sicherheit nur ein Akteur von vielen. Wir sind auf Informationen oder Anzeigen angewiesen. Unterm Strich bleibt es eine gemeinsame Aufgabe aller Verantwortlichen.

Ihre Vorgängerin Katja Brill hat hier das Kooperationsprojekt „Gemeinsam für LU“ mit den Zweitliga-Handballern der Eulen angestoßen. Werden Sie es fortsetzen?
Auf jeden Fall, erste Gespräche dazu sind bereits geführt. Ein Verein, der in Ludwigshafen so positiv gesellschaftlich verankert ist wie die Eulen, ist für die ganze Region gewinnbringend. Ich will die Verbindung Sport, Vorbildfunktion und Verantwortung zudem mit neuen Themen belegen, etwa im Bereich der Seniorensicherheit oder bei der Nachwuchswerbung.

Wie erleben Sie als Westpfälzer Ludwigshafen? Sie waren ja zwischen 2014 und 2015 schon mal hier am Polizeipräsidium stationiert?
Ich bin sehr überrascht, wie lebendig und grün sich Ludwigshafen weiterentwickelt hat. Wenn ich aus dem Bürofenster schaue, sehe ich auf der einen Seite eine starke Industrie und auf der anderen grüne Felder. Ich reise jeden Morgen von Kaiserslautern mit dem Zug an und nutze den Nahverkehr. Da erlebe ich eine pulsierende Stadt mit einem eigenen Charme. Mir gefällt es hier sehr gut. Ich komme gut aus mit diesem Menschenschlag.

Sie sind nicht nur FCK- und Fußballfan, sondern auch selbst sportlich unterwegs. Sie klettern sehr gerne. Welchen Gipfel werden Sie als nächsten besteigen?
Für kommendes Jahr habe ich mir eine weitere Alpenüberquerung vorgenommen, eventuell mit meinem großen Hund Nero, ein Rhodesian Ridgeback mit über 50 Kilo Gewicht, den ich momentan alpin ausbilde. In Richtung Bouldern, also Klettern ohne Seil und Gurt an Felswänden, möchte ich auch etwas mehr unternehmen.

Polizeiabzeichen aus aller Welt im Büro des PI-Leiters: Wie viele Kollegen sammelt sie auch Johannes Freundorfer.
Polizeiabzeichen aus aller Welt im Büro des PI-Leiters: Wie viele Kollegen sammelt sie auch Johannes Freundorfer.

Zur Person

Der in Bad Neuenahr geborene und in Kaiserslautern aufgewachsene 39-Jährige führt die Inspektion 2 in Oppau seit 4. Oktober. Er folgte nach drei Jahren auf Katja Brill (40). In Enkenbach hat die gebürtige Saarländerin im Präsidium Einsatz, Logistik und Technik eine Führungsposition übernommen. Freundorfer leitete zuvor den Stabsbereich Einsatz im Präsidium Westpfalz und war Dozent für Verfassungsrecht und politische Bildung an der Polizeihochschule. Mit seiner Partnerin (33), die im Westpfalz-Klinikum in der Verwaltung arbeitet, lebt er in der Kaiserslauterer Innenstadt. Klettern, Ski- und Snowboardfahren – das sind die Hobbys des Berg- und FCK-Fans. Außerdem sammelt er Polizeiabzeichen aus aller Welt.

x