Interview
Polizeisprecher: „Anzahl der Taten mit Messer gesunken“
Herr Mischler, in Speyer werden zwei Menschen schwer mit einem Messer verletzt, in Oggersheim tötet ein Mann zwei Personen mit einer Stichwaffe. Erleben wir eine neue Zunahme solcher Taten in der Vorderpfalz?
Die Verwendung von Messern wird erst seit dem Jahr 2020 in der Polizeilichen Kriminalstatik erfasst. Es gibt also nur einen sehr kurzen statistischen Betrachtungszeitraum. Landesweit, also für ganz Rheinland-Pfalz, ist die Zahl der registrierten Straftaten mit Messern von 600 in 2020 um knapp 20 Prozent auf unter 500 Fälle in 2021 gesunken. Bei uns im Polizeipräsidium sieht es ähnlich aus. Die Anzahl der Straftaten sank in den vergangenen beiden Jahren von über 180 auf 160. Wenn wir uns die bisherigen Zahlen aus 2022 ansehen, lässt das darauf schließen, dass die Anzahl der Straftaten mit Messern in diesem Jahr weiter sinken wird. Auch wenn objektiv diese Taten zurückgehen, machen schlimme Fälle wie in Oggersheim oder Speyer viele Menschen betroffen und bleiben deshalb im öffentlichen Bewusstsein.
Die Täterherkunft bei solchen Taten wird in Teilen unserer Gesellschaft benutzt, um sich Vorurteile gegenüber Geflüchteten bestätigen lassen. Was sagt die Statistik?
Die Auswertung der vergangenen beiden Jahre nach Tatverdächtigen für unseren Zuständigkeitsbereich in der Vorder- und Südpfalz hat ergeben, dass Messer nicht überproportional häufig als Tatmittel von nichtdeutschen Tatverdächtigen eingesetzt werden.
Die Polizisten, die zuerst am Einsatzort sind, sind in solchen Fällen mit teils traumatisierenden Erlebnissen und Bildern konfrontiert. Wie geht die Polizei damit um? Können Polizisten besondere Hilfen erhalten?
Uns ist es sehr wichtig, dass die Kolleginnen und Kollegen, die in solchen belastenden Einsätzen waren, nicht nur körperlich unversehrt nach Hause zurückkehren, sondern auch psychisch gesund bleiben. Hierzu haben wir eigene polizeiliche Experten zur professionellen Krisenintervention. Dabei ist es Standard, dass das polizeiliche Kriseninterventionsteam nach einem belastenden Einsatz zur Dienststelle kommt und mit den betroffenen Polizeikräften ein Erstgespräch führt. Das weitere Vorgehen wird dann individuell mit jedem Einzelnen besprochen. In den Präsidien haben wir zudem Sozialberatungen, die zusätzlich Hilfsangebote und Unterstützung vermitteln können. Keine Kollegin und kein Kollege wird mit belastenden Situationen alleine gelassen. Das ist uns sehr wichtig.
Im Oggersheimer Fall mussten Beamte zur Waffe greifen, immer wieder gibt es auch Taser-Einsätze, wie zuletzt in Speyer, als ein Mann mit einem Beil durch die Stadt lief. Wann entscheidet ein Polizist, von welchem Hilfsmittel er Gebrauch macht?
Das kommt immer auf den Einzelfall an. Die eingesetzten Polizeikräfte müssen oft in kürzester Zeit entscheiden, was sie tun müssen, und vor allem auch, welches Mittel verhältnismäßig ist. Manchmal bleiben dazu nur Sekundenbruchteile. Im Alltag sind Polizeikräfte häufig mit Situationen konfrontiert, bei denen sie auf aggressive und teilweise bewaffnete Personen treffen. Wenn dann noch Alkohol, Drogen oder Medikamente eine Rolle spielen, wird es noch schwieriger.
Wie läuft dann die Abwägung ab?
Leider kann die Lage nicht in allen Fällen kommunikativ deeskaliert werden. Abhängig von der Situation steht den Kolleginnen und Kollegen im Streifendienst das Pfefferspray, der Schlagstock, der sogenannte Taser oder als allerletztes Mittel die Schusswaffe zur Verfügung. Wenn Angreifer mit Messern oder Schusswaffen bewaffnet sind, handelt es sich um extrem gefährliche Situationen. Diese sind für alle Beteiligten und damit auch für Polizeikräfte lebensbedrohend. Um Täter handlungsunfähig zu machen, bleibt in diesen Fällen manchmal nur der Einsatz der Schusswaffe als letztes Mittel. Dass unsere Kolleginnen und Kollegen sehr besonnen handeln und nur im äußersten Notfall die Schusswaffe gegen Angreifer einsetzen, sieht man an den sehr wenigen Fällen. In manchen Jahren kommt das auch überhaupt nicht vor.
Wie oft kommt das in Ihrem Einsatzgebiet vor, dass im Einsatz eine Schusswaffe oder ein Taser eingesetzt werden muss?
Im Fall von Schusswaffen war das in den letzten zehn Jahren nur in acht Fällen erforderlich. Auch wenn es nur acht Fälle sind, handelt es sich um lebensbedrohende Extremsituationen. Ich kann mich an zwei Fälle aus der Vergangenheit noch gut erinnern. Das war 2016 am Berliner Platz in Ludwigshafen und 2018 in Kirchheim, hier griff ein Täter Polizeikräfte mit einem Messer an. Nur durch den Einsatz der Schusswaffe konnten die Kollegen den Messerangriff abwehren. Die beteiligten Kolleginnen und Kollegen wurden dennoch schwer verletzt beziehungsweise traumatisiert und waren längere Zeit nicht mehr dienstfähig. Die beiden Angreifer wurden damals schwer verletzt und starben.
Und wofür ist der Taser gut?
Für den sogenannten Taser wurden die Polizeikräfte im Streifendienst speziell beschult. Wir nennen den Taser intern Distanzelektroimpulsgerät (DEIG). Damit lassen sich viele gefährliche Lagen deeskalieren, wo Worte und gutes Zureden bei hochaggressiven Menschen nichts mehr bringen und der Einsatz der Schusswaffe nicht verhältnismäßig wäre. Oft reicht alleine schon die Androhung aus, um polizeiliche Maßnahmen durchsetzen zu können.
Wie werden Beamte auf solche Einsätze vorbereitet? Lässt sich der Ernstfall simulieren?
Schießtrainings und mittlerweile auch der Einsatz der DEIGs sind feste Bestandteile der Ausbildung jeder Polizeibeamtin und jedes Polizeibeamten. Die Kolleginnen und Kollegen müssen das auch regelmäßig trainieren und ihr Wissen auffrischen. Wenn man dann tatsächlich auf einen Menschen schießen muss, ist das eine außergewöhnliche, belastende Situation, die sich so nicht trainieren lässt. Das kann man noch so oft durchspielen. Man kann nie vorhersagen, was tatsächlich nach einem Schusswaffengebrauch mit einem passiert. Gerade deswegen ist uns die Nachsorge und Betreuung sehr wichtig. Glücklicherweise kommen die allermeisten Kolleginnen und Kollegen in ihrem Berufsleben nie in eine solche Situation.
Zur Person
Thorsten Mischler (45), Erster Polizeihauptkommissar, Sprecher des für die Vorder- und Südpfalz zuständigen Polizeipräsidiums Rheinpfalz, Ludwigshafen.