Speyer
Martins Woche: Von Irrwegen, Irrtümern und irrwitzigen Regelungen
Bundestagswahl: Mit Döner iss’ schöner
Liebe Leserinnen und Leser, falls Sie noch nicht entschieden haben, bei welcher Partei Sie bei der Bundestagswahl am 23. Februar Ihr Kreuzchen machen und falls Sie mit dem Gedanken spielten, auch mal einer anderen Gruppierung eine Chance zu geben als nur denen, die bereits im Parlament vertreten sind, dann müssen Sie jetzt sehr, sehr stark sein.
Der Bundeswahlausschuss hat am Dienstag Ihre Auswahlmöglichkeiten deutlich beschnitten. 15 politischen Vereinigungen wurde die Teilnahme am Urnengang versagt. Sollten Sie also mit der Wahl der Döner Partei geliebäugelt haben – mit alles und scharf –, war’s das bereits. Die Kleinstpartei mit einer Handvoll Mitgliedern darf mangels Masse und Bekanntheitsgrad ihre Knoblauchsoße nicht dazugeben zur politischen Willensbildung. Mangels Bekanntheit! Wo es allein in Speyer an die 15 Dönerläden gibt, die sicher jede Menge Drehspießfreunde mobilisiert hätten.
Ich finde, das ist eine vertane Chance der Politik, die Menschen in deren Lebenswelt zwischen Adana Kebab, Lahmacun und Yufka abzuholen. Schließlich merkt jeder am eigenen Geldbeutel zuerst, wo es hakt in diesem Land. Erst das Fressen, dann die Moral, wusste schon der Herr Brecht. Die deutsch-türkische Leibspeise flächendeckend für Preise von satten sechs bis über sieben statt für schmackhafte 3,50 Euro – wie sie die Döner Partei anstrebt – sind schwer verdaulich. Woran sollte deutlicher werden, dass es höchste Zeit ist für einen Politikwechsel in Almanya?
Doch besteht Hoffnung: Bis zum 18. Januar können die abgewiesenen Parteien noch Verfassungsbeschwerde einlegen. Vielleicht klappt es ja. Zu gern hätte ich nämlich auch die Partei für Motorsport an den Start gehen sehen, damit die mal richtig Gas gibt im Bundestag. Die Döner Partei hat ihren Sitz übrigens in Bayern, was bemerkenswert ist, weil man dort ja eigentlich eine Hax’n und Brathendl Partei erwarten würde.
Dazu würde als Beilage wiederum Rettich passen (in Bayern: Radi). Und jetzt raten Sie mal, wo die Döner Partei ihren Postkasten hat: in Aichach, der Partnergemeinde von Schifferstadt, der Pfälzer Rettich-Kommune! Das kann doch alles kein Zufall sein.
Radverkehr: Verwirrung in der Lindenstraße
Es ist vermutlich Zufall, dass die Diskussion um den Radweg in der Lindenstraße in die närrische Fünfte Jahreszeit fällt. Eine Posse ist es ist dennoch. Dabei war die Ausgangslage unkompliziert. Der Radverkehr sollte aus Sicherheitsgründen verlegt werden, runter vom Gehweg und rauf auf die Fahrbahn, ebendort verdeutlicht und eingehegt durch einen Schutzstreifen. Ein Bremsklotz ist derweil das rote Pflaster, das den bisherigen Radweg auf dem Trottoir markiert. Das müsste eigentlich weg vom Weg, weil es zur Verwirrung der Verkehrsteilnehmer führen könnte, merkte die Verwaltung zu Recht an. Die Beseitigung wäre aber nicht billig, so dass der Stadtrat das Ansinnen ablehnte. (Sie arbeiten geistig noch mit, ja?)
Zur Güte schlug die Verwaltung jetzt vor, auf dem Gehweg alles so zu belassen, wie es ist, und trotzdem einen Radfahrerschutzstreifen auf die Straße zu pinseln. Dann könnten Drahteselreiter wählen, wo sie lieber fahren wollten. Damit hätte die Lindenstraße gleich zwei Radfahrzonen gehabt, während andere wichtige Straßen in Speyer nicht mal eine aufweisen, die die Bezeichnung Radweg verdienen würde. (Sie sind noch bei der Sache?)
Dieser Vorschlag wurde diese Woche dann erneut überarbeitet. Die jetzige Lösung: ein Radstreifen auf der Straße, das rote Pflaster bleibt auf dem Gehweg und dazu kommen Schilder, die die Pedalritter darauf hinweisen, dass sie gefälligst auf der Straße zu fahren haben und nicht mehr auf dem dann allein Passanten vorbehaltenen Bürgersteig. (Sie können noch folgen?)
Ob dieses neue Konstrukt jedoch Bestand hat, weiß niemand, weil es noch „Haftungsrisiken“ zu prüfen gebe, falls doch mal ein durch das rote Pflaster irregeleiteter Radler auf dem dann puren Gehweg einen Unfall baut (weil er vielleicht einen Döner in der Hand hat, was weiß ich) und ein Pflaster braucht, wenn auch nicht unbedingt ein rotes. Haben Sie das jetzt alles verstanden? Ich nicht. Falls sich aber jemand bemüßigt fühlt, eine Speyerer Radweg-Partei aus der Taufe zu heben: Meine Stimme haben Sie.
Weihnachtsmarkt: Geh nicht fort, es gibt alles vor Ort
Die deutsche Neigung, aus im Grund einfachen Sachverhalten irrwitzige Konstrukte zu ersinnen, um wirklich jeder denkbaren Konstellation gerecht zu werden, zeigte sich auch auf dem Weihnachtsmarkt. Auf dem herrschte bekanntlich ein Messerverbot. Ob ein solches überhaupt geeignet ist, irgendwelche Klingenschwinger von etwaigen Metzel-Plänen abzuhalten, mag dahingestellt sein.
Auf jeden Fall dem beabsichtigten Zweck zuwiderlaufend war die Möglichkeit, sowohl auf dem Weihnachtsmarkt selbst als auch in dessen direktem Umfeld Messer beinahe jeglicher Klingenlänge erstehen zu können. Ein potenzieller Meuchelmörder hätte sich also gar nicht die Mühe machen müssen, eine Waffe einzuschleusen. Er hätte sie schlicht dort gekauft. Immerhin wäre er – wie amtlich vorgeschrieben – anschließend vom Verkäufer belehrt worden, dass die soeben erstandene Ware auf dem Markt eigentlich verboten ist und er, der Käufer, den Ort schnellstens zu verlassen habe, freilich ohne das Messer auszupacken. Klingt logisch. Vielleicht sollte jemand über eine Weihnachtsmarkt-Partei nachdenken.
Einzelhandel: Wer wird denn in die Ferne schweifen?
Wenn wir schon irrlichternd über politische Teilhabemöglichkeiten grübeln, täte in Speyer eine Partei zur Rettung des innerstädtischen Einzelhandels not, angesichts der inhabergeführten Fachgeschäfte, die der Domstadt zunehmend verlorengehen. Das Parteiprogramm stünde bequemerweise bereits einigermaßen fest: sofortiges Verbot des Onlinehandels. Gebot der automobilen Zufahrtsmöglichkeit bis vor die Ladentür, Festlegung eines massentauglichen Preisniveaus für Waren, das nur in begründeten Ausnahmefällen überschritten werden darf. Ansiedlungspflicht für Händler in der Innenstadt statt in den Randbezirken. Und natürlich allgemeiner Konsumzwang, damit das bisschen Geld auch unter die Leute kommt.
Nicht umsetzbar, sagen Sie? Luftschlösser, sagen Sie? Wird im wahren Leben nicht funktionieren, sagen Sie? Dann sind die wesentlichen Voraussetzungen für ein Parteiprogramm ja erfüllt. Wer macht mit?