Meinung Zwischen Protest und Zukunft: Kann in Waldsee die Wärmewende aufgehalten werden?

Wie wird in Zukunft geheizt?
Wie wird in Zukunft geheizt?

Deutschland setzt bei der Wärmewende auch auf Tiefengeothermie. Die Regierung will den Ausbau beschleunigen. Wie erfolgreich kann da Widerstand in Gemeinden sein?

Manch einer mag sich gefreut haben, dass in Waldsee in den vergangenen Wochen vergleichsweise Ruhe eingekehrt ist – in die vor allem im Sommer teils (zu) hitzig geführte Debatte um das geplante Tiefengeothermie-Projekt. Der Protest konzentriert sich jetzt vor allem sichtbar im Gewerbegebiet und im Wohngebiet im Nordosten der rund 6000 Einwohner zählenden Gemeinde. Dort fallen die gelben Plakate der Bürgerinitiative auf, die neuerdings einen Bürgerentscheid herbeiführen will. Dafür gibt es aber viele Hürden. Ansonsten ist der Protest, in einer Phase, in der der Standort der Geothermie-Anlage und der Bohrungen noch gar nicht feststeht, nur vereinzelt im Rest des Dorfs zu sehen.

Wer mit unterschiedlichen Menschen spricht, merkt schnell: Diejenigen, die Häuser im Nordosten der Gemeinde haben, sind eher gegen das Bohr- und Energievorhaben, weil sie Risiken und negative Auswirkungen auf ihr Eigentum fürchten. Das ist auch bei anderen Projekten bekannt: Die persönliche Betroffenheit wirkt quasi als Motor, sich (plötzlich) zu engagieren beziehungsweise zu positionieren – meist gegen etwas, in diesem Fall die Tiefengeothermie.

Tiefengeothermie ist ein Baustein von vielen

Ob das allerdings langfristig Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten. Denn wer daran denkt, dass Deutschland mitten in einer Energie- und Wärmewende steckt, die immer weiter Fahrt aufnehmen wird, dem mag vielleicht bewusst werden, dass ein solcher Prozess nicht in Waldsee zu stoppen ist. Tiefengeothermie ist kein Allheilmittel, aber ein Baustein für die Wärmewende, die trotz Regierungswechsels weiterhin gewollt ist. Stichworte: Klimawandel und das deswegen verabschiedete 1,5-Grad-Ziel im Pariser Klimaschutzabkommen sowie die Unabhängigkeit von anderen Staaten und deren (fossilen) Rohstoffen – mit denen sie uns eines Tages erpressen könnten.

Es gibt – auch in Waldsee – viele Menschen, die Geothermie offen gegenüberstehen, die die Chancen sehen, dass diese Technologie „eine klimaneutrale, nach menschlichen Maßstäben unerschöpfliche, zugleich zuverlässige und über das gesamte Jahr verfügbare Energiequelle ist, mit der auch hohe Wärmebedarfe gedeckt werden können“. Das sind Menschen, die sich Gedanken machen, wie in Zukunft – in zehn, 20, 30, 40 Jahren – geheizt werden kann.

Nach Angaben der Bundesregierung soll das Geothermie-Beschleunigungsgesetz im ersten Quartal des kommenden Jahres in Kraft treten. Das ergab eine Kleine Anfrage von Abgeordneten der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, darunter Bundestagsmitglied Armin Grau aus Altrip. Ziel des Gesetzes ist unter anderem, die bergrechtlichen Voraussetzungen für die Gewinnung von Geothermie zu vereinfachen und zu verschlanken sowie die Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Dadurch soll der bislang von der Bundesregierung als „unzureichend“ bezeichnete Ausbau der Geothermie Fahrt aufnehmen. Die Marschrichtung ist klar, der Ausgang ist offen – nur eins mag sicher sein: Tiefengeothermie-Kritiker werden auch in Zukunft den juristischen Weg wählen, und dann liegt die Entscheidung über die Wärmewende auch in den Händen der Richter.

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