VG Rheinauen
Kommunale Wärmeplanung: So könnte klimaneutrale Wärmeversorgung aussehen
Welche Erkenntnisse lässt die kommunale Wärmeplanung in der Verbandsgemeinde Rheinauen zum jetzigen Zeitpunkt zu?
Die kommunale Wärmeplanung ist nach Angaben von Projektingenieur René Gierden vom Beratungsbüro Emcel (Köln) ein strategisches Planungsinstrument für Kommunen, um bis zu den 2040er-Jahren eine treibhausgasneutrale Wärmeversorgung zu erreichen. Sie ist eine gesetzlich verankerte Pflichtaufgabe für Kommunen, muss alle fünf Jahre fortgeschrieben werden und soll aufzeigen, welche Wärmeversorgungsoptionen sich in bestimmten Ortsgebieten besonders eignen. Die kommunale Wärmeversorgung sei allerdings kein detaillierter Bauplan dafür, wann und wo ein Wärmenetz entsteht. Außerdem gebe das Konzept keine individuellen Empfehlungen für die Heiztechnik einzelner Gebäude. Dafür könnten Eigentümer bei Bedarf eine Energieberatung in Anspruch nehmen, sagte Gierden.
Wo könnten in den vier Orten der Verbandsgemeinde Rheinauen Wärmenetze entstehen?
Mitarbeiter des Ingenieurbüros Emcel und der Firma Heatbeat (Nürnberg) haben anhand von anonymisierten Daten zum Wärmebedarf und zu den Verbräuchen, zu Gebäudetypen und Gebäudealter sowie zur bestehenden Wärmeversorgungsinfrastruktur ermittelt, wo in Altrip, Neuhofen, Otterstadt und Waldsee welche Potenziale für eine klimaneutrale Wärmeversorgung vorhanden sind und wie diese realisiert werden kann. Sie unterscheiden zwischen dezentralen und zentralen Versorgungsgebieten. Letztgenannte könnten mithilfe eines Wärmenetzes beheizt werden. Anhand der präsentierten Daten lässt sich zusammenfassen, dass Wärmenetze eher in den meist dicht bebauten Ortskernen entstehen könnten, weil der Betreiber eines solchen Netzes eine gewisse Anzahl an Abnehmern brauche, sagte René Gierden. „Wärmenetze werden nur gebaut, wenn sie wirtschaftlich sind“, machte Thomas Giel, Diplom-Ingenieur und Professor an der Hochschule Mainz, deutlich. Weil in diesem Zusammenhang immer wieder das Wort „Anschlusszwang“ fiel, fügte Giel hinzu, dass ein Anschlusszwang in einem bestehenden Wohngebiet nicht funktioniere, weil er schwer durchzusetzen sei und „kein Politiker der Welt so etwas beschließen würden, weil er ja wieder gewählt werden will“.
Mit was kann in dezentralen Versorgungsgebieten geheizt werden und woher kann die Energie für Wärmenetze kommen?
Luft-Wärmepumpe, Erdwärme, Solarthermie und vereinzelt Holzpelletheizungen sind Vorschläge, die das Ingenieurbüro für die dezentralen Versorgungsgebiete macht, in denen sich jeder Haushalt selbst um seine Wärmeversorgung kümmert. In solchen Gebieten könnten sich aber auch Nachbarn für eine gemeinsame Wärmeversorgung zusammenschließen. Die Investitionskosten seien abhängig vom jeweiligen Gebäude und der benötigten Heizleistung. Ein Bürger brachte in der Informationsveranstaltung vor, dass für alte Gebäude eine Wärmepumpe häufig keine Option sei, und fragte, ob es nicht sinnvoller wäre, den alten Gebäudebestand besser zu isolieren. Thomas Giel entgegnete, dass Isolieren zwar grundsätzlich ein guter Gedanke sei, aber es in eng bebauten Ortskernen mit Haus-/Hofbauweise bauphysikalisch auch Sinn ergeben müsse. Meist sei ein solches Vorgehen dort nicht wirtschaftlich. Daher biete sich für diese Gebiete eher ein Wärmenetz an. Ein solches Netz könnte durch einen zentralen Holzhackschnitzel-Kessel, Tiefengeothermie, oberflächennahe Geothermie, eine zentrale Luft-Wärmepumpe oder eine zentrale Flusswasser-Wärmepumpe mit Energie versorgt werden. In Altrip stellt sich laut René Gierden ein Holzhackschnitzel-Kessel als die günstigste Erzeugerkonfiguration für ein Wärmenetz dar. Für ein Wärmenetz in Neuhofen wäre Tiefengeothermie die günstigste und der Holzhackschnitzel-Kessel die zweitgünstigste Energie-Erzeugungsmöglichkeit. Dasselbe gilt für ein Wärmenetz in Waldsee. In Otterstadt wäre ein Wärmenetz dagegen weniger wirtschaftlich. Bislang stellt sich dort laut den Ingenieuren die dezentrale Wärmeversorgung als die wirtschaftlichste Variante dar – vor einem Netz, das mit Erdwärme aus Tiefengeothermie oder Wärme aus einem Holzhackschnitzel-Kessel gespeist wird. Die kommunale Wärmeplanung nennt auch Wasserstoff als möglichen Energieträger für die Wärmeversorgung. Dafür müsste der Netzbetreiber der Bundesnetzagentur jedoch einen detaillierten Plan zur Umsetzung vorlegen, hieß es.
Wann müssen Bürger aktiv werden?
„Ist Ihre Heizung nicht kaputt, müssen Sie gar nichts tun“, nannte Hochschul-Professor Thomas Giel einen Grundsatz, der für alle Hauseigentümer gilt. Das Gebäude-Energiegesetz schreibt verschiedene Szenarien vor, in denen Bürgerinnen und Bürger handeln müssen. Wer im Neubaugebiet neu baut, muss seit dem Jahr 2024 eine Heizung einbauen, die einen Anteil von 65 Prozent erneuerbaren Energien aufweist. Wer bis 30. Juni 2028 in einer Baulücke in einem bestehenden Wohngebiet neu baut oder eine neue Heizung in einem Bestandsgebäude braucht, der darf weiter Heizungen mit fossilen Brennstoffen einbauen, solange in dem Gebiet kein Wärmenetz ausgewiesen ist. „Ist Ihre Heizung nach dem Jahr 2028 kaputt und Sie liegen in einem Gebiet, in dem ein Wärmenetz entstehen soll, dann muss Ihnen der Betreiber das zusichern“, sagte Thomas Giel. Für den Anschluss an ein Wärmenetz braucht es seinen Angaben zufolge eine Übergabestation im Haus, einen Wärmetauscher und die Infrastruktur – also Rohrleitungen –, die in den Straßen verlegt werden müssen.
Ab 1. Januar 2029 müssen neue Heizungen einen steigenden Anteil an erneuerbaren Energien aufweisen. Mit Öl heizen werde dann schwieriger. Bei Gasheizungen bestehe die Möglichkeit, dass der Versorger Biogas beimischt, sagte Toni Krüger (Grüne), Erster Beigeordneter der Verbandsgemeinde Rheinauen. Allerdings wird bei allen fossilen Brennstoffen künftig mit steigenden Preisen gerechnet. Heizungen, die vor 2024 eingebaut wurden und mit fossilem Brennstoff betrieben werden, dürften so lange weiterbetrieben werden, wie sie funktionieren oder ihre Funktion durch eine Reparatur wieder hergestellt werden kann.
Was empfehlen Experten?
Thomas Giel warb dafür, offen zu sein. Energieversorger errichteten Wärmenetze nur, wenn sie wirtschaftlich seien. Wirtschaftlich seien Netze nur, wenn sich genug Hauseigentümer anschließen lassen. „Wenn ein Netz nicht zustande kommt, dann müssen Sie sich selbst um Ihre Wärmeversorgung kümmern und das kann teurer werden“, sagte der Diplom-Ingenieur. Andersherum könnte es passieren, dass Hauseigentümer in einem ausgewiesenen Wärmenetzgebiet eine neue Heizung brauchen, bevor das Netz gebaut ist. „Die werden sich dann eine Wärmepumpe besorgen, damit ihr Haus selbst versorgen und sich nicht an ein Netz anschließen.“ Passiert das zu oft, wäre ein Netz nicht wirtschaftlich.
Wie geht es jetzt weiter?
Auf Grundlage der kommunalen Wärmeplanung müssen die Ortsgemeinderäte in Altrip, Neuhofen und Waldsee entscheiden, ob sie eine Machbarkeitsstudie für ihr örtliches Wärmenetzgebiet in Auftrag geben. Diese Studie beinhaltet eine Wirtschaftlichkeitsanalyse, beleuchtet den rechtlichen Rahmen für ein Wärmenetz, empfiehlt Geschäfts- und Betreibermodelle und zeigt einen Zeit- und Ressourcenplan auf. Die Machbarkeitsstudie sei auch Voraussetzung für eine finanzielle Förderung vom Bund von bis zu 40 Prozent der Kosten für den Bau des Wärmenetzes. Da Otterstadt als Prüfgebiet gilt und noch keine eindeutige Empfehlung für ein Wärmenetz ausgesprochen wurde, soll dort erst ein Quartierskonzept erstellt werden – sofern der Gemeinderat zustimmt. Daraufhin könnte dann eine Machbarkeitsstudie wie in den anderen drei Orten der Verbandsgemeinde folgen.
Im Netz
Alle Informationen zur kommunalen Wärmeplanung der Verbandsgemeinde Rheinauen gibt’s im Internet unter www.vg-rheinauen.de
