Waldsee RHEINPFALZ Plus Artikel Wer steckt hinter dem Widerstand gegen Tiefengeothermie?

Sind gegen die geplante Tiefengeothermie: Mitglieder der Bürgerinitiative.
Sind gegen die geplante Tiefengeothermie: Mitglieder der Bürgerinitiative.

Die Bürgerinitiative gegen Tiefengeothermie sorgt in Waldsee für Diskussionen. Doch wer sind die Akteure, und warum lehnen sie das Tiefengeothermie-Projekt ab?

Gelbe Plakate mit der Aufschrift „Tiefengeothermie in Waldsee – Nein danke“ prangen an Häusern. Wurfzettel mit einem großen „Nein“ landen in den Briefkästen der Waldseer Bürgerinnen und Bürger, und Unterschriftenaktionen laufen auf Hochtouren: Die Bürgerinitiative gegen Tiefengeothermie (BIgT) macht derzeit mit vielfältigen Aktionen auf sich aufmerksam. Dabei begann der Widerstand gegen das Vorhaben im Juli zunächst im Stillen. „Wir haben das Gerücht gehört, dass an der Schlichtstraße ein Tiefengeothermie-Projekt verwirklicht werden soll. Viele Bürger, die wir gefragt haben, haben das nicht gewusst und geglaubt“, berichtet Stefanie Reiland, die im nordöstlichen Wohngebiet von Waldsee lebt und Mitglied der BIgT ist. Gegründet wurde die Initiative Ende Juli bei einer Versammlung im Gewerbegebiet. Obwohl die BIgT kein eingetragener Verein ist, verfügt sie über eine strukturierte Organisation. Anstelle eines Vorstands koordiniert ein zehnköpfiges „Gremium“, darunter Reiland, sämtliche organisatorische Aufgaben.

Einen Anstoß für den Protest gab es im Juli, nachdem Geopfalz – die kommunale Projektgesellschaft der Stadt Schifferstadt und der Stadtwerke Speyer – Waldseer Gewerbetreibende über das geplante Tiefengeothermie-Projekt informiert hat. Damals war noch ein Bohrplatz an der Schlichtstraße angedacht. Die Bohrlandepunkte liegen in bis zu 3500 Meter Tiefe nordöstlich des Wolfgangsees. „Das Projekt betrifft uns als unmittelbare Nachbarn, aber es betrifft auch die ganze Bevölkerung von Waldsee. Deswegen haben wir eine Whatsapp-Gruppe gegründet“, sagt Gewerbetreibender Stefan Gepperth. Diese Chat-Gruppe umfasst inzwischen rund 300 Personen, während die Bürgerinitiative nach eigenen Angaben etwa 500 Mitglieder zählt. „Bei den Gewerbetreibenden hat alles angefangen, und dann ist die Information durchs Dorf geschwappt“, schildert Tamas Biro, wie die Initiative zunehmend Aufmerksamkeit erlangte. Biro ist ebenfalls Anwohner in Waldsees nordöstlichem Wohngebiet und Mitglied der BIgT.

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Auch wenn der ursprünglich geplante Standort für den Tiefengeothermie-Bohrplatz mit Anlage an der Schlichtstraße nicht weiterverfolgt wird und Geopfalz auf der Suche nach einem neuen Grundstück ist, bleiben die Bohrziele unter Tage unverändert. Anwohner befürchten daher weiterhin erhebliche Belastungen, wie Tamas Biro erläutert: „Für uns Anwohner im angrenzenden Wohngebiet bedeutet das weiterhin die Gefahr von Gebäudeschäden und Rissen durch ,Mikro’-Erdbeben, verbunden mit Wertverlust, Lärm und Schwerlastverkehr sowie einer potenziellen Gefährdung des Grundwassers. Für ganz Waldsee droht der Verlust des Naherholungsgebiets und die massive Beeinträchtigung des angrenzenden Naturschutzgebiets. Auch leben in diesem sensiblen Gebiet zahlreiche schutzwürdige Tier- und Vogelarten, die durch Bohrungen, Lärm und Eingriffe massiv gefährdet würden.“

Neben ökologischen und baulichen Risiken beklagen die BIgT-Mitglieder auch das Fehlen unabhängiger Informationen und die späte Einbeziehung der gesamten Waldseer Bevölkerung. Eine Informationsveranstaltung von der Geopfalz findet am 1. September statt, dort gelten Zulassungsbeschränkungen. Olaf Schlüter, ein weiteres BIgT-Mitglied, hätte sich eine neutralere Kommunikation gewünscht, die auch mögliche Gefahren beleuchtet. Seine eigene Recherche führte ihn zum „Bundesverband Bürgerinitiativen Tiefengeothermie“, vertreten durch Ariane Stachowsky aus Geinsheim. Stachowsky unterstützt mittlerweile die Waldseer Initiative und zeigt sich beeindruckt vom Engagement und Zusammenhalt der Bürger.

Angst vor Gebäudeschäden

Im Mittelpunkt der Kritik steht die Sorge um Schäden an privatem Eigentum. „Wir sind keine Nimbys. Die Tiefengeothermie an sich bildet ein Risiko“, betont Schlüter und weist damit den Vorwurf zurück, die Initiative sei ausschließlich aus Eigeninteresse entstanden. Der Begriff „Nimby“ steht für die Haltung „Not in My Backyard“ – sinngemäß: „nicht in meiner Nachbarschaft“.

Stefan Gepperth erläutert, warum die Sorgen der Anwohner berechtigt sind: Viele hätten ihr Leben lang für ein Eigenheim gespart und könnten sich einen Wertverlust nicht leisten. Das Risiko von Erdbeben führe zu erheblicher Unsicherheit. Sollte es zu Schäden kommen, müssten die Betroffenen nachweisen, dass diese auf die Tiefengeothermie-Bohrungen zurückzuführen sind. „Es wird immer blumig erzählt, dass alles bezahlt wird, aber in der Realität sieht das anders aus“, ergänzt Tamas Biro. Ariane Stachowsky verweist auf vergleichbare Fälle andernorts, in denen Geothermie-Bohrungen Schäden an Gebäuden verursacht hätten.

Zu den besorgten Stimmen zählt auch Thomas Samuel aus dem benachbarten Neuhofen, der in einem der Hochhäuser lebt und ebenfalls die Gefahr von Erdbeben fürchtet. Ähnliche Vorbehalte äußern Ellen Köhler, Hausbesitzerin im Naherholungsgebiet Wolfgangsee, und Brigitte Spiegel vom Vorstand der Interessengemeinschaft Wolfgangsee. Sie sehen die Natur, das Grundwasser und die Wasserqualität des Wolfgangsees bedroht. „Das Schönste an Waldsee sind der Wolfgangsee und die Schlicht“, betont Köhler. Auch Schlüter unterstreicht die Bedeutung der beiden Seen für die Attraktivität des Ortes.

Vertrauen in Behörden fehlt

Besonders kritisch sieht die BIgT die Rolle von Waldsee als Teil eines Förderprojekts des Bundeswirtschaftsministeriums. Das Geothermie-Vorhaben ist Bestandteil des „Agens“-Forschungsvorhabens und soll „als innovatives Pilot- und Demonstrationsprojekt“ im Oberrheingraben dienen. Für das 100-Millionen-Euro-Projekt erhält die Geopfalz Fördermittel in Höhe von 44,4 Millionen Euro.

„Ein Pilotprojekt ist laut Duden ein Projekt, in dem versuchsweise neuartige Verfahren und Arbeitsweisen angewendet werden. Jeder hat schon mal einen Testlauf erlebt. Es ist vorprogrammiert, dass es Risiken gibt und Fehler passieren“, erklärt Gepperth und beschreibt damit die Skepsis der Bürger.

Die Genehmigung bergbaulicher Verfahren in Deutschland obliegt den zuständigen Behörden, in Rheinland-Pfalz dem Landesamt für Geologie und Bergbau (LGB). Doch das Vertrauen in diese Instanz ist bei den Gegnern des Projekts gering. „Die Geothermie in Landau hätte nie genehmigt werden dürfen. Wir können nicht davon ausgehen, dass Behörden alles richtig machen“, sagt Köhler.

Biro ergänzt: „Tiefengeothermie ist politisch gewollt. Diesem Druck sind die Behörden ausgesetzt.“ Schlüter hinterfragt, ob gesetzliche Vorgaben allein ausreichen, um die Sicherheit zu gewährleisten: „Das Landesamt prüft nur, ob gesetzliche Vorgaben eingehalten sind. Wenn die Betreiber-Firma eine Versicherung hat, ist das aus Sicht des LGB in Ordnung. Aber was ist, wenn etwas passiert?“

Die BIgT lehnt Tiefengeothermie als Energiequelle der Zukunft ab und plädiert stattdessen für „risikofreie, umweltverträgliche Alternativen“ wie Photovoltaik, Windkraft und oberflächennahe Geothermie, die keine kilometerlangen Bohrungen erfordert.

Termin

Informationsveranstaltung der BIgT am Sonntag, 7. September, ab 10 Uhr in der Schlichtstraße 6 in Waldsee.

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