Frankenthaler Umland
Stromausfall gibt Gelegenheit zum Üben
Auch wenn das vielleicht nicht ganz angemessen klingt: „Eine bessere Übung hätten wir kaum haben können“, sagt Kai Neiheiser, der Chef der Freiwilligen Feuerwehr Bobenheim-Roxheim. Die hat erst kürzlich zusammen mit der Gemeindeverwaltung ein weitreichendes Konzept für Katastrophenfälle, zu denen auch der Blackout gehört, erarbeitet. Die Bürger haben eine Broschüre bekommen, in der steht, was sie in den denkbaren Notsituationen beachten sollen und wo sie Hilfe bekommen. Das hat sich beim Stromausfall am Freitagabend bereits ausgezahlt, doch der Reihe nach.
Als die Pfalzwerke gegen 19.30 Uhr wegen eines Kurzschlusses im Umspannwerk Mundenheim vier Hochspannungsleitungen abschalten, bricht über den Regionen Ludwigshafen, Frankenthal und Grünstadt die Finsternis herein. Die Bobenheim-Roxheimer Wehrleitung zögert nicht, sondern setzt in Gang, was in ihrem Konzept steht. „Unsere allererste Aufgabe ist es in so einem Fall, die Infrastruktur im Gerätehaus zu gewährleisten“, erläutert Neiheiser. „Es ist das einzige Gebäude im Ort, das autark funktionieren kann.“ Weil am Freitag ohnehin Übungsabend ist, sind rund 30 Wehrleute bereits im Haus, als es dunkel wird.
Notstromversorgung klappt
Sogleich wird die neue Notstromanlage angeworfen. „Das hat alles wunderbar geklappt“, berichtet der Wehrleiter am Samstag auf Anfrage. Die festgelegte Meldekette wird in Gang gesetzt. Verwaltungsstabsleiter Markus Pfeffer und seine Kollegin Manuela Lemster, die den Einsatz dokumentieren muss, sind bald zur Stelle. Die Beigeordneten und Fachbereichsleiter aber sind nicht zu erreichen. Das Festnetz ist ausgefallen und der Mobilfunk teilweise ebenfalls.
Weil auch die Integrierte Leitstelle in Ludwigshafen vom Stromausfall betroffen ist und die Nummer 112 nicht funktioniert beziehungsweise überlastet ist, kommunizieren die Einsatzkräfte untereinander über Funk. Wer in Bobenheim-Roxheim jetzt einen Notfall melden will, muss das tun, was in der Broschüre steht: zu einem der drei „KatS-Leuchttürme“ kommen. Das sind Stellen, an denen der Feuerwehr Notfälle gemeldet werden können, und diese gibt sie per Funk weiter. „Außer dem Feuerwehrhaus im Pfalzring sind das zwei Fahrzeuge mit Blaulicht und mobilem Notstromaggregat, die in Bobenheim auf dem Pestalozziplatz und in Roxheim auf dem Marktplatz stehen“, erklärt Neiheiser.
Zwei medizinische Notfälle
Und tatsächlich: Es gibt schon bald zwei Notfälle. In einer Pflegeeinrichtung benötigt jemand medizinische Hilfe, und ein Mann ist beunruhigt, weil sein Handy-Akku leer ist und er die App zur Kontrolle des Blutzuckerspiegels seiner Frau nicht mehr aufrufen kann. Aber genau das wäre gerade sehr nötig, um zu wissen, ob die Diabetikerin Insulin braucht. Der Mann kann sein Handy am Leuchtturm-Fahrzeug aufladen. Die drei Anlaufstellen der Feuerwehr suchen allerdings auch Einwohner auf, die einfach wissen wollen, was passiert ist und was sie jetzt machen sollen. „Oder die fragen, wann sie endlich wieder fernsehgucken können“, so Neiheiser.
Sein Team hat an dem Abend noch ein Problem: In Frankenthal und Bobenheim-Roxheim ist kein ausreichender Druck mehr auf den Hydranten, auch das eine Folge des Stromausfalls. Wenn jetzt irgendwo ein Feuer ausbricht, gibt’s eventuell nicht genügend Löschwasser. „Deshalb haben wir ein Löschfahrzeug aus Worms als Reserve angefordert“, so Neiheiser, „denn die Feuerwehr dort wird von Bürstadt mit Löschwasser versorgt, wir dagegen von Frankenthal.“ Der Abend vergeht dann aber zum Glück ohne Löscheinsatz. Was Kai Neiheiser üben lässt, ist, die einzelnen Einsätze „mit alten Vordrucken von früher“, also aus der Zeit ohne EDV abarbeiten zu lassen. Das kennen die digital aufgewachsenen jungen Wehrleute nicht, aber das müssen sie beherrschen, wenn elektronisch mal gar nichts mehr geht.
Um etwa 21.45 Uhr, nachdem der Strom längst wieder da ist, wird der Bobenheim-Roxheimer Verwaltungsstab aufgelöst, und der Wehrleiter zieht sein Fazit: „Es war richtig, dass die Gemeinde jetzt in den Katastrophenschutz investiert hat“, sagt Neiheiser. Und so nachdrücklich, wie er es sagt, klingt es, als ob es im Ort anders lautende Stimmen gäbe, als wären die Ausgaben für Aggregate, Satellitentelefone und Feldbetten kritisiert oder für übertrieben gehalten worden.
Nicht alle Dörfer ohne Strom
Und wie lief es am Freitagabend in den anderen Kommunen rund um Frankenthal? Wehrleiter Thiemo Seibert berichtet, dass in der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim gar nicht alle Dörfer betroffen gewesen seien, Beindersheim zum Beispiel. Und im Rest der VG habe der Stromausfall nur circa 20 Minuten gedauert. Eine Zusammenkunft vieler Wehrleute oder gar des Krisenstabs habe deshalb nicht stattgefunden. Allerdings seien die Gerätehäuser in Lambsheim, Großniedesheim und Heßheim besetzt gewesen, das in Heuchelheim sogar bis Mitternacht, weil im Ort der Notruf gestört war.
Nach Angaben von Wehrleiter Markus Ittel waren in der Verbandsgemeinde Leiningerland alle Feuerwehrhäuser besetzt, zudem hätten in den größeren Orten Fahrzeuge an zentralen Punkten gestanden, und zwar so lange, bis sichergestellt war, dass der Notruf 112 wieder funktioniert und in Ludwigshafen ankommt. Im Leiningerland waren weit über 100 Feuerwehrleute im Einsatz, und am Samstagmorgen waren die Wehren noch mit der Beseitigung von Bäumen und Ästen beschäftigt, denn es hatte ja recht kräftig gestürmt.
Glimpflich ist ein Vorfall auf den Schienen verlaufen: Zwischen Kirchheim und Dackenheim war ein Baum auf die Gleise gefallen, ein mit rund 25 Personen besetzter Zug fuhr darüber. „Glücklicherweise ist keinem was passiert“, sagt Ittel. Die Feuerwehrleute entfernten den Baum und die Äste von den Schienen.