Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Katastrophenfall: Eine Gemeinde bereitet sich vor

In etwa so darf man es sich vorstellen, wenn die Jahnhalle für einen Evakuierungsfall in Bobenheim-Roxheim ausgerüstet wird.
In etwa so darf man es sich vorstellen, wenn die Jahnhalle für einen Evakuierungsfall in Bobenheim-Roxheim ausgerüstet wird.

Mit den Flutkatastrophen im Juli 2021 wurde deutlich, wie schlecht es teilweise um den Katastrophenschutz in Deutschland bestellt ist. Im Rhein-Pfalz-Kreis etwa sollen sich alle Gemeinden möglichst schnell gegen möglichst alle Gefahren- und Schadenslagen wappnen. Welche Mammutaufgabe das ist, wird am Beispiel Bobenheim-Roxheim deutlich.

Pandemie, Hochwasser, Großbrand und Chemieunfall waren zuletzt die großen Stichworte, seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine sind außerdem die Wörter Krieg, Blackout, Gasmangel und Cyberangriff hinzugekommen. Für all das und noch mehr soll und muss in Deutschland Vorsorge getroffen werden. Und am Ende, so könnte man meinen, bleibt alles an den Kommunen hängen.

„Das wird ein Marathon über Jahre, den wir neben unserer normalen Arbeit und mit der ohnehin angespannten Personallage laufen müssen“, sagt Markus Pfeffer, Büroleiter der Gemeinde Bobenheim-Roxheim. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jens Glaser und Wehrleiter Kai Neiheiser erläutert er, was es bedeutet, den Katastrophenschutz ernst zu nehmen. Der sei ja in Rheinland-Pfalz organisatorisch und vom Material her „faktisch nicht mehr vorhanden“. Auf Bundes-, Landes- und Kreisebene gehe die Neuausrichtung noch zu langsam, findet Pfeffer, deshalb werde die Gemeinde selbst planen. Sie könne ihr Konzept ja immer noch anpassen. Von einem „Kochbuch für Krisen“ spricht der Büroleiter, von „Rezepten, die mit verschiedenen Zutaten variiert werden können“.

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Schon fertig ist das Organigramm für den Bobenheim-Roxheimer Krisenstab, dessen Kopf natürlich der Bürgermeister ist. Markus Pfeffer leitet den Verwaltungsstab, Kai Neiheiser hat die Funktion des Einsatzleiters. Sein Feuerwehrteam spielt quasi die Hauptrolle im Krisenszenario. Doch auch was die Verwaltung im Notfall leisten muss, ist nicht ohne. Das fängt vom Sicherstellen der Informationstechnik und der Kommunikation mit Bürgern, Behörden und Medien an und hört bei der Betreuung betroffener Personen auf. Frank Unvericht, der Leiter des Fachbereichs Bürgerdienste, habe im Organigramm „dreimal den Hut auf“, sagt Pfeffer, weil er in drei wichtigen Bereichen den Sachverstand habe. Was ist, wenn er ausfällt? „Wir müssen generell in allen Stabsstellen die Vertreter fit machen“, so Pfeffer.

Ein für Rheinland-Pfalz modellhaftes Hochwasserschutzkonzept hat die Gemeinde schon, deshalb veranschaulichen Pfeffer, Glaser und Neiheiser die Herausforderungen anhand von zwei möglichen Krisen, die aktuell in aller Munde sind.

Krise 1: Gasmangellage. Für den Fall müssen sogenannte Wärmeinseln bereitstehen, das heißt Räume, in denen sich Menschen für eine gewisse Zeit aufwärmen können. Die Jahnhalle wurde deshalb so vorbereitet, dass sie mit Flüssiggas statt Erdgas beheizbar ist. In der Sporthalle der Rheinschule funktioniert das laut Pfeffer nicht, dort stellen ein Notstromaggregat und Heizgeräte die Versorgung sicher. Noch geklärt werden muss, woher Nachschub kommt, wenn die Krise länger dauert und das gespeicherte Flüssiggas verbrannt ist.

Möglicherweise werden beide Hallen auch als Evakuierungsräume gebraucht für Menschen, die sich in einer Extremlage nicht mehr selbst versorgen können. „Für den Fall haben wir bereits Feldbetten besorgt“, sagt Glaser. Die seien jetzt nur noch schwer zu bekommen. Mit Schlafmöglichkeiten wird es dann aber nicht getan sein. Die Leute brauchen unter anderem warmes Essen und ärztliche Versorgung, zudem müssen Müll und Abwasser entsorgt werden. Und wo sollen eigentlich Material und Lebensmittel gelagert werden, wenn die Hallen doch möglichst viele Schlaf- und Sitzplätze bieten sollen? Markus Pfeffer spricht von Zelten und eventuell dem Bau einer Halle, in der alles Mögliche für Katastrophenfälle aufbewahrt werden könnte. Und auch das muss bedacht werden: Es könnte sein, dass zum Evakuierungsfall auch noch die Notwendigkeit hinzu kommt, eine größere Anzahl von Flüchtlingen aufzunehmen.

Neue Anschaffung in der Altrheingemeinde: ein mobiles Stromaggregat für den Notfall.
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Krise 2: Flächendeckender Stromausfall. Dann hat oberste Priorität, dass die beiden Hallen sowie Feuerwehrhaus, Rathaus und Betriebshof mit Notstrom versorgt werden. Und wenn entsprechende Aggregate aufgrund der großen Nachfrage nicht lieferbar seien, müsse man jetzt eben gebrauchte kaufen, so Glaser. Ende Oktober wurde die Einspeisung von Notstrom ausprobiert. Pfeffer: „Im Feuerwehrhaus und der Jahnhalle ist es gut gelaufen.“ Er erwartet, dass er bald auch für die Rheinschulhalle den Daumen hochstrecken kann.

Vieles andere, was ein Blackout nach sich zöge, muss die Gemeinde für ihr Gebiet bedenken: Wie werden die 10.000 Einwohner darüber informiert, was sie jetzt tun sollen? Wo sollen Anlaufstellen eingerichtet werden? Wie kann über Notbrunnen oder Verteilstellen die Wasserversorgung erfolgen? Woher kommt der Sprit für Feuerwehrfahrzeuge und Stromgeneratoren, wenn die Tankstellen nicht mehr funktionieren?

Tücken der Technik

Am Beispiel des Digitalfunks, der bei Stromausfall nicht funktioniert, macht Wehrleiter Neiheiser deutlich, was der Nachteil ist, wenn bewährte Techniken aufgegeben werden. „Die Relais für Analogfunk gibt es nicht mehr. Die müsste man wieder neu anschaffen.“ Immerhin: Satellitentelefone sollen künftig die Kommunikation kreisintern und mit Behörden sicherstellen. An diesem Punkt artikuliert Büroleiter Pfeffer einen Wunsch, der auch schon aus anderen Kreisgemeinden zu hören war: Die Kreisverwaltung sollte die Kommunen über Rahmenverträge oder Sammelbestellungen bei der Anschaffung von Ausrüstung unterstützen. Bislang heiße es dagegen, jede Gemeinde müsse sich selber kümmern.

Apropos selber kümmern. Das wünschen sich Pfeffer, Glaser und Neiheiser ein bisschen von den Bobenheim-Roxheimern. Die Bürger müssten selbst auch Vorsorge treffen für den Katastrophenfall, meinen sie. Wie das geht, erklärt beispielsweise das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf seiner Internetseite.

Bedenklich fände es Wehrleiter Neiheiser, wenn die Leute hilflos auf ihr totes Handy starrten und nicht auf den Gedanken kämen, mal zum Rathaus oder Feuerwehrhaus zu laufen, um dort an Informationen zu kommen. Aus diesem Grund wurde eine Broschüre erarbeitet, die dem Amtsblatt beigelegt wurde und auf der Gemeindeseite im Internet zu finden ist. Und wenn irgendwann mal auf dem Papier alle Eventualitäten bedacht sind, heißt es laut Pfeffer: „Dann muss das alles geübt werden.“

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