Bobenheim-Roxheim
Kerweumzug: Keiner will ihn organisieren
Corona und ein drohendes Unwetter waren in den vergangenen Jahren gute Gründe, um den Bobenheim-Roxheimer Kerweumzug abzusagen. Aber dass es in diesem Jahr daran scheitert, dass niemand Verantwortung übernehmen will, erhitzt die Gemüter im Ort. Doch für einseitige und gegenseitige Schuldzuweisungen taugt das Thema nicht, denn es ist komplex. Es geht nicht nur um Sicherheitsvorschriften und Zuständigkeiten, sondern auch um schlechte Kommunikation und Überforderung. Und trotzdem lässt das Debakel für die Zukunft hoffen.
Traditionell richtet in der Gemeinde das Ortskartell den Kerweumzug aus. Doch um diesen Dachverband der Bobenheim-Roxheimer Vereine ist es nicht gut bestellt, wie die RHEINPFALZ mehrfach berichtete. Es fehlt der Zusammenhalt, viele Jahre fand keine Mitgliederversammlung mehr statt, und Vorsitzender Florian Lobocki zeigte sich mehr als einmal frustriert. Im November 2023, als im Beisein von Bürgermeister Michael Müller (SPD) über die Auflösung des Ortskartells gesprochen und endlich die Kassenprüfung zur Entlastung des Vorstands in die Wege geleitet wurde, teilte Lobocki mit, dass er keinesfalls mehr den Umzug organisieren werde. Wie Müller bestätigt, wiederholte der Vorsitzende das im Mai.
Dilemma zu spät erkannt
Ab hier gehen die Meinungen auseinander. Lobocki findet, die Gemeinde hätte reagieren müssen, Müller sagt: Es müsse doch möglich sein, dass die großen Vereine innerhalb des Ortskartells, die ja auch sonst viel Verantwortung für Trainingsbetrieb und Veranstaltungen trügen, „so einen Umzug hinbekommen“. Aber kein Vorsitzender wagte sich aus der Deckung. „Sehr spät war klar, dass es wirklich keiner machen würde“, berichtet der Bürgermeister und schiebt gleich nach, warum die Gemeinde nicht in die Bresche springen könne: „Unser Ordnungsamt kann nicht ein Sicherheitskonzept erstellen und es sich dann selbst genehmigen.“
Bei den Umzügen der Ortsgemeinden in der Region sei das etwas anderes, deren Antrag werde von der Verbandsgemeinde bearbeitet. Nun könnte man meinen, die nächsthöhere Ebene, also der Rhein-Pfalz-Kreis, könnte der Gemeinde den Umzug genehmigen. Doch dort heißt es auf Anfrage der RHEINPFALZ: Für die Genehmigung eines Sicherheitskonzepts sei die Kreisverwaltung nur bei sogenannten Großveranstaltungen mit mindestens 15.000 Besuchern gleichzeitig zuständig.
In der kreisfreien Stadt Frankenthal dagegen, wo ein großer Fasnachtsumzug Tradition ist, übernimmt die Abteilung Sicherheit und Ordnung, also die Stadt selbst, die Federführung. Allerdings stimmt sie ihr Konzept mit einem Sicherheitsgremium ab, dem unter anderem Polizei und Feuerwehr angehören. So schildert es auf Anfrage die Pressestelle der Stadt. Am Ende müssten alle Gremiumsmitglieder ihre Unterschrift leisten. Wer die Rolle des Veranstaltungsleiters übernehme, werde untereinander abgestimmt.
Würfelclub bietet sich an
Der kleine Bobenheim-Roxheimer Würfelclub bot sich schließlich an, das Projekt Kerweumzug durchzuziehen, doch mangels Erfahrung war er auf die Hilfe des Ordnungsamts angewiesen, dessen Leiter zu der Zeit aber im Urlaub war. „So kurzfristig war das dann einfach nicht mehr hinzukriegen“, sagt der Bürgermeister. Im nächsten Jahr müsse das Thema sehr zeitig angegangen werden. Das meint auch der für Brauchtumsfeste zuständige neue Erste Beigeordnete Georg Zwilling (CDU): „Denn der Kerweumzug liegt doch vielen Bürgern sehr am Herzen. Vielleicht kann sich eine Art Verein gründen, der sich nur um den Umzug kümmert.“
Ein bisschen was wird am Sonntag auf den Straßen im Ortsteil Bobenheim aber trotzdem geboten, denn der Landwirt Volker Hack hat beim Rhein-Pfalz-Kreis anlässlich des Umzugsdebakels eine Demonstration angemeldet, die wohl auch stattfindet, sofern die Ordnungsbehörde und die Polizei nichts dagegen haben. Um 14 Uhr machen sich im Viehweg Vertreter örtlicher Vereine mit ihren Fahnen und ein bisschen Trauerflor auf den Weg über Feilitzsch-, Siemens- und Haardtstraße bis zum Pfalzring, wo die Demo nahe dem Kerweplatz aufgelöst wird.
„Vereine brauchen Hilfe“
„Es geht dabei nicht um Schuldzuweisungen oder Protest gegen Sicherheitsauflagen“, beteuert Hack, der am Mittwoch im Namen der CDU in den Gemeinderat nachrückt. „Vielmehr wollen wir zum Ausdruck bringen, dass sich die Vereine Unterstützung bei der Organisation eines Festumzugs wünschen.“ Michael Schmitt, Präsident des Roxheimer Carnevalvereins, zum Beispiel bestätigt, dass er sich in der Kürze der Zeit nicht in der Lage sah, sich mit dem anspruchsvollen Antragsprozedere zu beschäftigen.
Volker Hack fordert einen klaren Leitfaden, an dem entlang ein Umzugsveranstalter seinen Antrag erstellen könne. In etwa so, wie man auf der Internetseite des Rhein-Pfalz-Kreises durch das Verfahren zur Anmeldung einer öffentlichen Versammlung geschleust werde. Das Motto des „Umzugs“ am Sonntag laute deshalb: „Es ist leichter, eine Demo anzumelden als einen Kerweumzug.“ Seine Erfahrung im konkreten Fall: „Am Freitagabend habe ich die Demo beim Kreis online angemeldet, am Montagmorgen hatte ich die Rückmeldung.“
Thomas Bauer findet, das könne man nicht vergleichen. Gefragt nach seinen Erfahrungen mit Kerwen und Umzügen formuliert es der Leiter des Ordnungsamts der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim bewusst provokativ: „Die Veranstalter hätten das alles gern vorgekaut, wie einen Zehn-Punkte-Plan, den man einfach nur abarbeiten muss.“ Aber solche Veranstaltungen seien dafür nicht geeignet, auch weil die Angebote und örtlichen Gegebenheiten so unterschiedlich seien. Er sei bei der Gefährdungsanalyse gern behilflich. „Aber ich kann nicht für alle Eventualitäten einen Leitfaden entwerfen. Der Veranstalter muss selber wissen, was er machen will und sich mit der Materie, die zugegeben kompliziert ist, auseinandersetzen.“ Man könne sich ja auch Sachverstand einkaufen.
Gerade der jüngste Unfall beim Purzelmarktumzug in Billigheim beweist für Bauer, wie wichtig die Vorbereitung des Veranstalters ist. Wenn etwas passiere, komme es darauf an, darlegen zu können, dass man Gefahren und Entscheidungen sorgfältig abgewägt habe.
