Billigheim / Speyer
Unfall bei Purzelmarkt-Festumzug: Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft
Auch am Montag sitzt der Schock in Billigheim (Kreis Südliche Weinstraße) noch tief. „Das beschäftigt die Leute schon“, so Torsten Blank, Vorsitzender des Purzelmarktvereins und Bürgermeister der Verbandsgemeinde. Erstmals in der Geschichte habe der Umzug des ältesten Volksfestes der Pfalz abgebrochen werden müssen.
Am Sonntag war beim historischen Umzug durch das Dorf ein Fahrradmobil der Marke Eigenbau in eine Zuschauermenge gerast. Acht Menschen, darunter vier Kinder, wurden verletzt. „Am späten Sonntagnachmittag erhielten wir die Nachricht, dass wohl alle Verunglückten einen großen Schutzengel hatten“, schrieben Blank und Dietmar Pfister, Ortsbürgermeister Billigheims, bei Instagram. Alle seien inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Heißt: Die Sache ist glimpflich ausgegangen.
Haben die Bremsen versagt?
Wieso es überhaupt zum Unfall kommen konnte, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Staatsanwaltschaft Landau hat Ermittlungen aufgenommen und ein Gutachten in Auftrag gegeben, wie Oberstaatsanwältin Anne Herrmann auf RHEINPFALZ-Nachfrage erklärt. Vermutet wird, dass die Bremsen an dem Fahrrad mit zwölf Sitzen versagt haben. Auch der Purzelmarktverein geht davon aus, dass ein technischer Defekt dazu geführt hat, dass das Mobil außer Kontrolle geriet, wie Blank berichtet. Alle Verunglückten hätten „einen großen Schutzengel“ gehabt.
Zu dieser Annahme passt das, was Marco Hetzler schildert. Der 46-Jährige war Augenzeuge des Unfalls beim Purzelmarktumzug. Er habe mit seiner Mutter und seinen zwei Kindern etwa 100 Meter vom Ort des Geschehens entfernt gestanden. „Es hat gekracht, wahrscheinlich ist da etwas gerissen oder so“, berichtet Hetzler. Danach sei das Fahrzeug an der abschüssigen Straße immer schneller geworden. Schließlich kam es nach rechts von der Fahrbahn ab, schoss in die Menschenmenge und krachte in einen Carport.
Hätte es eine Tüv-Prüfung gebraucht?
Ebenfalls unbeantwortet im Raum steht die Frage, ob für das Gefährt eine Betriebserlaubnis, eine Tüv-Prüfung und ein Brauchtumsgutachten hätten vorliegen müssen. Blank ist der Auffassung, dass all das nur bei motorisierten Fahrzeugen benötigt wird. Nicht also beim Fahrrad der Marke Eigenbau, das beim Purzelmarkt verunglückt ist. Der Purzelmarktverein selbst prüfe die Wagen vorher nicht, so Blank.
Das selbstgebaute Fahrradmobil stammt vom örtlichen Fußballverein, dem TSV Fortuna Billigheim, dessen Alte Herren am Sonntag damit beim Umzug unterwegs waren. Wie haben die zwölf Leute auf dem Gefährt den Unfall verdaut? „Der Fahrer steht noch immer unter Schock“, sagt Stefan Bischoff am Montagabend. Er ist zweiter Vorsitzender des Vereins. Es habe sich herausgestellt, dass bei der hydraulischen Bremsvorrichtung des Fahrzeugs ein Teil abgebrochen sei. „Deshalb gab es keinerlei Bremswirkung“, so Bischoff.
Es ist bereits der zweite Unfall bei einem Umzug innerhalb weniger Monate in der Pfalz. Wie berichtet, versagten auch beim Brezelfestumzug in Speyer Mitte Juli bei einem der Festwagen nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft die Bremsen. Trotz eines Ausweichversuchs des Wagenführers sei das Fahrzeug – ein umgebauter Traktor – auf den davor fahrenden Wagen gerollt. Drei Menschen waren damals leicht, eine Zwölfjährige schwer verletzt worden.
Fall Speyer nach wie vor ungeklärt
Die Ermittlungen zu dem Unfall dauern nach wie vor an, wie der Leitende Oberstaatsanwalt Hubert Ströber auf Anfrage erklärt. Das Fahrzeug war damals sichergestellt worden. Noch am Abend des Unfalls war ein Gutachter vor Ort, um es zu überprüfen. Auch die Abnahmen, die für Wagen bei Brauchtumsfahrten nötig seien, habe man im Blick, hieß es damals. Noch liegt das Gutachten allerdings nicht vor, so Ströber. „Das kann mehrere Monate dauern.“
Die Sicherheit bei Festumzügen wird seit einigen Jahren in Rheinland-Pfalz in regelmäßigen Abständen – besonders zur Faschingszeit – emotional diskutiert. Das Land machte auch in diesem Jahr vor den närrischen Umzügen darauf aufmerksam, dass für Umzugswagen Regeln gelten. Unter anderem müssten Teilnehmer ein Brauchtumsgutachten vorlegen, damit einhergehend eine Tüv-Überprüfung. Unter anderem ist vorgeschrieben, dass Tische und Bänke auf Wagen, auf den Personen transportiert werden, fest verbunden sind oder rutschfeste Stehflächen, Haltevorrichtungen sowie Brüstungen mit einer Mindesthöhe von einem Meter vorhanden sind. Das wird von vielen Veranstalter scharf kritisiert. Begründung: Die immer mehr werdenden Sicherheitsauflagen und die damit verbundenen Kosten führten dazu, dass immer weniger Vereine in der Lage seien, Festumzüge auszurichten.
Kein Motor – trotzdem ein Gutachten?
Ob diese Vorschriften auch für Umzugsnummern gelten, die nicht motorisiert sind – wie im Fall Billigheim – war am Montag vom von der FDP geführten rheinland-pfälzischen Verkehrsministerium trotz mehrfacher Nachfrage nicht zu erfahren.